Vom Adoptivkind zum Olympiastar

Vater abgehauen, Mutter drogensüchtig: Simone Biles hatte eine harte Kindheit. Jetzt gilt die 19-Jährige als beste Turnerin aller Zeiten.

Mit irdischen Massstäben nicht zu begreifen: Simone Biles, die Überturnerin von Rio. (Bild: Getty Images / Mike Ehrmann)

Mit irdischen Massstäben nicht zu begreifen: Simone Biles, die Überturnerin von Rio. (Bild: Getty Images / Mike Ehrmann)

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«Wow», «perfekt», «konkurrenzlos» – nach der Bodenübung von Simone Biles blieb Kommentatoren und Zuschauern einmal mehr nur das grosse Staunen. Die Amerikanerin holte sich mit ihrem überlegenen Sieg die vierte Goldmedaille an dieser Olympiade und schrieb damit Geschichte.

Drei Olympiagoldmedaillen im Einzelwettkampf: Simone Biles turnt in einer eigenen Liga. (Video: TA/lko)

Erst drei weibliche Kunstturnerinnen hatten das vor ihr geschafft: die Russin Larissa Latynina (1956), die Tschechoslowakin Vera Caslavska (1968) und die Rumänin Ecaterina Szabo (1984). Indem sie den Rekord egalisierte, krönte sich Biles endgültig zur Turnkönigin von Rio. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer unglaublichen Karriere, die umso erstaunlicher wirkt, wenn man Biles' Werdegang kennt.

Vater abgehauen, Mutter drogensüchtig

Biles wurde 1997 in Columbus geboren, der Hauptstadt des US-Bundesstaats Ohio. Sie hatte eine schwere Kindheit, weil der Vater die Familie schon früh verlassen hatte und ihre alkoholabhängige und drogensüchtige Mutter nicht imstande war, sich um Simone und ihre kleinere Schwester zu kümmern. Jahrelang wurde sie zwischen verschiedenen Jugendheimen hin und her geschoben. Als sie sechs Jahre alt war, wendete sich das Blatt: Simone wurde vom Grossvater mütterlicherseits und dessen zweiter Frau adoptiert.

«Sie ermutigt mich und lässt mich nie zu lange traurig über etwas sein.»Simone Biles über ihre «Mutter»

Ohne die Adoption wäre Biles wohl nie so weit gekommen. Ihre Grosseltern, die sie bald «Mom» und «Dad» nennt, unterstützten sie dabei, Turnerin zu werden. Seit die 6-jährige Simone mit ihrer Spielgruppe eine Turnschule besucht hatte, verfolgte sie diesen Traum. Ihre «Mutter» bezeichnet sie als wichtige Stütze ihres steilen Aufstiegs.

Schon als 12-Jährige auf unglaublichem Level: Simone Biles im Jahr 2009. (Video: Youtube/BoormanFam5)

Schnell fielen Biles' Talent und Körpergefühl auf. Ein Jahr nachdem sie mit dem Training begonnen hatte, wurde Aimee Boorman auf sie aufmerksam, die noch heute ihre Trainerin ist. Zusammen mit Boorman kennt die Karriere Biles' nur noch einen Weg: nach oben. 2007 bestreitet die Amerikanerin mit 10 Jahren ihre ersten Wettkämpfe, 2011 dominiert sie bereits auf Junioren-Level, und 2013 holt sie ihren ersten von drei aufeinanderfolgenden Weltmeistertiteln im Einzelmehrkampf – ebenfalls ein Rekord.

Sie hat sogar einen eigenen Sprung

Seit diesem Zeitpunkt dominiert Biles das Turnen der Frauen und zwar in allen Disziplinen. Bei drei WM-Teilnahmen realisierte sie bisher 11 Titel und je 2 Silber- und Bronzemedaillen. Niemand kann mit der bloss 1,45 Meter grossen und 47 Kilogramm schweren Amerikanerin mithalten. Wo Konkurrentinnen nachhelfen müssen, schwebt Biles mit scheinbar unendlicher Leichtigkeit durch die Luft. Sie turnt die anspruchsvollsten Figuren meist mit perfekten Landungen – und sie hat sogar einen eigenen Sprung: «The Biles».

«The Biles» ist ein doppelter Rückwärtssalto bei voller Körperstreckung mit einer zusätzlichen halben Drehung. Weil der Sprung und andere Übungen der Turnkönigin mit blossem Auge kaum nachvollziehbar sind, hat sie die «New York Times» in Schritt-für-Schritt-Grafiken festgehalten.

Noch niemand anders hat «The Biles» im Wettkampf versucht. «Ich habe einige Freunde, darunter männliche Kollegen, beim Versuch des Sprungs gesehen – aber sie haben ihn nie gestanden», sagte die Turnerin selbst der «New York Times». Laut der Trainerin braucht Biles dank ihres kraftvollen Sprints weniger Anlauf als ihre Konkurrentinnen und hat folglich mehr Zeit für Elemente und Schwierigkeiten, was ihr eine höhere Punktzahl bringt.

«Als wir dachten, der Sport hätte seine Grenzen erreicht, kam Biles.»Mary Lou Retton, US-Turnlegende

Obwohl erst 19-jährig, wird Biles schon jetzt von vielen als kompletteste Turnerin der Geschichte angesehen. Von allen Seiten wird sie mit Superlativen überhäuft. Besonders dürfte sie sich aber über das Lob von Mary Lou Retton freuen, die seit ihrem Olympiatriumph 1984 in Los Angeles selber eine lebende Turnlegende in den USA ist. «Als wir dachten, der Sport hätte seine Grenzen erreicht, kam Biles. Sie ist die talentierteste Turnerin aller Zeiten», sagte Retton.

In Rio bestritt Biles ihre ersten Olympischen Spiele. Nicht auszumalen, was die 19-Jährige noch alles erreichen könnte. «Sie braucht etwa drei Tage, um einen neuen Trick zu lernen. Viele Athleten brauchen dafür Jahre», sagte ihre Trainerin Aimee Boorman – keine guten Aussichten für Biles' Konkurrentinnen.

Erstellt: 17.08.2016, 16:05 Uhr

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