Wunderbare Verlierer

Olympia ist neben den Medaillen für die Athleten vor allem eines: scheitern. Tränen fliessen, die Nation wird um Entschuldigung gebeten, der Finger gegen andere erhoben.

Am Boden zerstört: Gewichtheber Om Yun-chol. Foto: Stoyan Nenov (Reuters)

Am Boden zerstört: Gewichtheber Om Yun-chol. Foto: Stoyan Nenov (Reuters)

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Vier Jahre träumte Mara Abbott vom Olympiasieg; und 130 350 Meter lang. Im Strassenrennen der Frauen lag sie vorne, ganz alleine. Die zierliche Amerikanerin kämpfte gegen Wind und Kraftwerke von Gegnerinnen im Rücken. Klein gegen Gross, schafft sie das? Eben nicht, 150 Meter vor dem Ziel wurde sie von drei Konkurrentinnen ein- und überholt. Vierter Platz. Es blieb ihr nichts, was sie um den Hals hätte heimnehmen können. Völlig entkräftet, einem Häufchen Elend gleich, weinte sie hemmungslos im Ziel. Keine Umarmung, kein Trost konnte da helfen.

Ja, auf den ersten Blick ist Olympia die Feier der Sieger und Medaillen­gewinner. Cancellara und sein Jubelsprung, Heidi Diethelm Gerber und ihr Schusscoup, Phelps und Gold. Doch – und das geht in diesen Tagen gerne vergessen – die Spiele sind vielmehr das Fest der Verlierer.

Nie sind sie schöner im Bild, nie einem näher, wenn Träume zerschellen und aus maschinenähnlichen Athleten wieder Menschen werden. Der Blick in ihre Gesichter verrät Grosses: Verlieren bedeutet nicht einfach Schlechtersein. Verlieren ist der Verlust von Hoffnungen. Gibt es etwas Schlimmeres?

Da ist der nordkoreanische Gewichtheber Om Yun-chol. Er gewann eine ­Silbermedaille. Und war erschüttert. «Es tut mir leid», entschuldigte er sich. ­Weshalb? «Mit einer Silbermedaille kann ich für mein Volk kein Held sein.» Er suhlte sich in seinem Trübsal und ehrte den verstorbenen Diktator Kim Jong-il: «Er wird auf ewig meine Inspiration sein, und es tut mir leid, dass ich dies nicht mit dem Gewinn der Goldmedaille zurückzahlen konnte.»

Nummer 1 wird zum Buben

Es geht eben nicht nur um das Ich, das zeigt das Beispiel Yun-chol, es sind die Erwartungen ganzer Nationen, die beim Scheitern von den zarten oder massigen Schultern der Athleten rutschen.

In einem Anflug des nationalen ­Gefühls sprechen Menschen gerne von Medaillenhoffnungen. Jedes Land hat und pflegt sie, sie sorgen überhaupt erst dafür, dass grosse Verlierer entstehen können. Denn der Platz auf dem Podest ist nun mal knapp, und Medaillen­chancen verflüchtigen sich. Also erfreuen uns Tag für Tag Anekdoten in der Yun-chol’schen Art. Sieger schreiben Geschichte, Verlierer erzählen Geschichten. Olympia ist eine Bibliothek davon.

Grotesk war der Blick in die Gesichter der chinesischen Kunstturner, Dritte wurden sie, vor ihnen waren nur die Russen und die Japaner klassiert. Die ­Japaner! Ausgerechnet. Zu viert standen die Chinesen da, sie wurden aufgerufen, vom Speaker gefeiert. Doch ihre Gesichter erblassten, als hätte ein Erdbeben ihr Hab und Gut verschluckt.

Und dann die Tränen! Nie sind sie ehrlicher. Tennisspieler Djokovic etwa, ausgeschieden und wie ein kleiner Bub am Davonlaufen, weinte dem Zerbrechen nahe. Alles hatte er gewonnen, nur diese runde, goldene Platte mit dem grünen Bändel nicht. Man ist beinahe geneigt zu denken, die Tränen der Sieger seien lediglich der Überlauf der Emotionen, die bei einem Scheitern erst ausbrechen.

Selbstverständlich gibt es auch die noblen Verlierer. Jene, die dem Sieger huldigen und sagen, der war besser. Oder Leute wie der Australier Rohan Dennis, auch er ein Radfahrer. Im Zeitfahren war er auf dem Weg aufs Podest, dann, wenige Kilometer vor dem Ziel, brach die Lenkvorrichtung. Er musste das Rad wechseln, verlor wichtige ­Sekunden – und wurde Fünfter. «Solche Sachen passieren», sagte er frei von Dünkel und voller philosophischen Gleichmuts. «Ich kann nicht enttäuscht sein, ich habe alles gegeben.»

Die Schwedin mit dem Bum

Nicht alle leben diese Ausgeglichenheit wie Dennis. Bei den Schwimmern grassiert unter den Athleten zurzeit eine mitunter hässliche (aber berechtigte) ­Diskussion über ehemalige Doper. Die schwedische Schwimmerin Jennie ­Johansson weinte Tränen, als sie im Halbfinal als Neuntbeste um Haaresbreite ausschied. Sie machte ihrem Unmut Luft, indem sie mit dem Finger auf die Russin Julia Jefimowa zeigte, eine Frau mit Dopingvergangenheit. «Mein Herz wird den Final trotzdem schwimmen, auch wenn meine Bahn von einer besetzt ist, die das nicht verdient.» Bum! Beeindruckend ehrlich? Eine schlechte Verliererin? Oder alles miteinander? Wir hätten uns die Fragen in einem Leben ohne Niederlagen nie gestellt.

Leiden über das Leiden

Auch Radfahrerin Abbott haderte noch stundenlang mit ihrem vierten Platz. Dann erreichte sie die E-Mail einer Freundin, die im Norden Amerikas lebt. Die Freundin schrieb, sie sei während des Rennens unterwegs gewesen, habe es daher auf ihrem Recorder aufgenommen und sei jeglichen Menschen mit Internetempfang aus dem Weg gegangen. Sie wollte das Rennen in der Wiederholung anschauen. Sie zitterte und fieberte mit, sie schrie und peitschte Abbott in der Aufnahme nach vorne, es sah so gut aus, dann die letzten Kilometer, Abbott noch immer an der Spitze, man weiss es ja, und dann: Das Band war zu Ende, das Bild riss ab. All dies schrieb sie Abbott, und wie sie dann schockiert im Internet den Ausgang des Rennens erleben musste. Als Abbott vom Leiden über ihr Leiden erfuhr, sagte sie, es sei das erste Mal gewesen, dass sie in diesen schweren Stunden wieder gelacht habe.

Gewiss, Tränen verdunsten, Abbott ist eine Heldin.

Erstellt: 12.08.2016, 23:53 Uhr

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