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Interview mit Star-FotografRoger Fritz hatte sie alle

Luchino Visconti, Freddy Mercury, Götz George: Als Fotograf und Regisseur kam der Deutsche vielen Prominenten sehr nah. Zeit für die Frage: Wer war wirklich interessant?

Kennt die halbe Welt, lebt aber seit 40 Jahren in München: Der Fotograf, Regisseur und Schauspieler Roger Fritz, 84.
Kennt die halbe Welt, lebt aber seit 40 Jahren in München: Der Fotograf, Regisseur und Schauspieler Roger Fritz, 84.
Foto: Florian Peljak

Herr Fritz, Sie sind 84 und sehen fantastisch aus, wie machen Sie das?

Ich rauche viel und treibe keinen Sport, habe ich nie gemacht. Obwohl man als Fotograf ja auch immer 20 Kilo Ausrüstung rumschleppt, vielleicht war das meine Art von Sport. Eine Schulter tut mir ein bisschen weh, das ist die Kameraschulter.

Der berühmte Klatsch-Journalist Michael Graeter schrieb einst, Sie würden nur Wodka-Orange trinken, gilt das noch?

Ja klar, ich habe zwei Stammtische, ich trinke da ausschliesslich Weissbier und Wodka-Orange. Der Michael kennt mich wirklich sehr gut. Dem habe ich auch mal eine Ohrfeige gegeben, weil er über meine damalige Frau Helga Anders geschrieben hat, sie wäre keine gute Schauspielerin. Da war sie gerade in meinem ersten Film «Mädchen, Mädchen» zu sehen. Ich bin in die Redaktion der «Abendzeitung» und habe ihm eine Watschn gegeben und gesagt: Du blöder Hund!

Stimmt es, dass für «Mädchen, Mädchen» auch Klaus Maria Brandauer vorgesprochen hat, Sie aber abgelehnt haben, weil er Ihnen zu provinziell vorkam?

Stimmt. Das hat er mir nie verziehen. Ein merkwürdiger Typ, der Brandauer, ich habe ihn danach mal mit Uschi Glas in einer Kneipe hier in München getroffen, und da hat er kein Wort zu mir gesagt, mich nur immer wild von der Seite angeschaut.

Die Ufa-Gründerin Else Bongers bot Ihnen Geld, wenn Sie Schauspielschüler an ihrer Schule werden – weil Sie so attraktiv waren?

Na ja, ich habe schon gut ausgesehen und hatte fabelhafte Manieren. Und diese Schule war so ein bisschen darauf angelegt, Filmstars zu züchten. Man arbeitete dort dann aber auch ohne Bezahlung in Ufa-Produktionen mit, das war sozusagen gleich abgegolten.

«Der Putzi, so heisst der Götz George bei uns, stotterte ja ziemlich.»

Wer war damals bei Ihnen in der Klasse?

Grit Boettcher, Horst Janson und Götz George. Hildegard Knef kam vorbei, wenn sie eine Rolle lernen musste, um sie mit unserer Frau Bongers einzustudieren. Nach zweieinhalb Jahren war ich geprüfter staatlicher Schauspieler.

Wie war Götz George als Mitschüler?

Der Putzi, so hiess der Götz bei uns, stotterte ja ziemlich. Wenn man das weiss, merkt man es später in seinen Rollen auch. Es ist fantastisch, wie er diese Überbrückung perfektioniert hat.

Später wurden Sie Assistent bei Luchino Visconti.

Ich war bei einigen seiner Opern Assistent und darüber hinaus Mädchen für alles, obwohl er natürlich auch noch einen Sekretär hatte. Ich war für die komischen Sachen zuständig: Auf Ischia den Bau seiner Villa überwachen, die er dort ganz aus Jugendstilelementen errichten liess, oder nach Sizilien fahren, um Drehorte für seinen Film «Der Leopard» zu fotografieren.

Was war Visconti für ein Mensch?

Visconti war natürlich ein Macho und sehr machtbewusst, im Grunde war er ja auch König der Lombardei, das merkte man ihm an. Aber seine Schauspieler hat er sehr gut behandelt. Nicht so wie in Deutschland, wo die besten Regisseure dafür bekannt sind, die Leute wie Dreck zu behandeln. Ich habe eine Zeit lang bei Visconti gewohnt, in seiner Villa in der Via Salaria in Rom. Er hatte da einen Haufen Angestellte und zehn Gästezimmer. Das Verrückteste war aber der Eingang, nach dem Tor ging man wie durch einen Schlauch, rechts und links waren Glaswände, und dahinter tobten seine dreissig Hunde.

«Mit Beuys etwa konnte man gut über Kunst reden und vielleicht noch über grüne Politik, aber das war’s.»

Sie haben mit vielen komplizierten Menschen gearbeitet, später zum Beispiel auch mit Rainer Werner Fassbinder. Wie kommt man mit solchen Typen zurecht?

Ich hatte immer eine gewisse Respektlosigkeit. Vor Fassbinder hatte ich keine Angst, er ging mit mir auch anders um als mit anderen. Sie dürfen nicht vergessen: Ich hatte schon vor ihm Filme gemacht und für «Verstummte Stimmen» 1963 sogar den Bundesfilmpreis gewonnen, auch mein zweiter Film war ausgezeichnet worden. Also, irgendwie hat er sich bei mir nicht getraut.

Während dieser Zeit waren Sie aber immer auch Fotoreporter.

Ja, ich habe grosse Reportagen gemacht, für «Bunte», «Quick», «Münchner Illustrierte», auch die französische «Vogue». Damals hatten die Magazine sehr viel Geld, mein halbes Jahr wurde mit ein paar Aufträgen finanziert. Man hatte herrlich viel Zeit, musste aber auch richtige Fotobücher abgeben. Einmal habe ich für den «Stern» sechs Wochen in Las Vegas fotografiert.

Sie haben einen ganzen Schrank voller Fotos mit Prominenten, von den Beatles bis zu Richard von Weizsäcker, Sie haben mit Romy Schneider und Alain Delon gewohnt. Welcher dieser Menschen hat am meisten Eindruck hinterlassen?

Also Richard von Weizsäcker fand ich beeindruckend, mit dem konnte man sehr gute Gespräche führen, weil er sehr umfassend interessiert und gebildet war, aber auch unterhaltsam. Viele Stars können ja immer nur über ihr Fach sprechen. Mit Beuys etwa konnte man gut über Kunst reden und vielleicht noch über grüne Politik, aber das war's. Da fällt mir auch Andy Warhol ein.

Was war mit dem?

Ich habe angefangen zu rauchen, als ich mit Helga Anders zusammenkam, denn die hat eigentlich nur geraucht. Ein Tipp: Wenn Sie eine schöne Frau küssen wollen, die starke Raucherin ist, fangen Sie lieber sofort an selbst zu rauchen.

Seit 40 Jahren wohnen Sie jetzt in München. Was mögen Sie an der Stadt?

Ich finde, in München ist es am einfachsten zu leben; die Bayern sind freundliche Leute. Ausserdem war München lange Zeit die spannendste Stadt: Die wichtigsten Verlage, die Bavaria Film und die Musikstudios waren hier, wegen denen Menschen wie die Rolling Stones oder Freddie Mercury hier wochenlang rumhingen. Mit Freddie war ich auch ganz gut befreundet, den hat hier auf der Strasse keiner erkannt, das hat ihm gefallen, und er war natürlich ständig in den Schwulenlokalen unterwegs. Nur seine Bandkollegen taten mir manchmal leid. Roger, der Trommler, sass oft hier bei mir und hat sich gelangweilt.