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Anschläge im IranSabotage des Atomprogramms – steckt Israel dahinter?

Das technische Juwel des iranischen Atomprogramms ist zerstört worden. Israel soll Natanz mit einer «gewaltigen Bombe» angegriffen haben.

Unter Zugzwang: Der iranische Präsident Hassan Rohani (links) und Verteidigungsminister Amir Hatami.
Unter Zugzwang: Der iranische Präsident Hassan Rohani (links) und Verteidigungsminister Amir Hatami.
Foto: Reuters

Behrouz Kamalvandi hatte sich eine günstige Position gesucht für sein Interview. Im Staatsfernsehen war der Sprecher der Iranischen Atomenergie-Organisation vor der Ecke eines gemauerten Flachbaus in der Urananreicherungsanlage Natanz zu sehen, in dem es letzte Woche gebrannt hatte. Von einem «leer stehenden Industrieschuppen» sprach Kamalvandi.

Inzwischen ist die Rede von «erheblichen Schäden». Sie könnten die Entwicklung und Produktion moderner Zentrifugen auf mittlere Sicht bremsen, fügte Kamalvandi hinzu. Irans Oberster Nationaler Sicherheitsrat teilte mit, die Ursache der Explosion sei bekannt, aber aus Gründen der nationalen Sicherheit würde sie vorerst nicht bekannt gegeben.

Die neuen Zentrifugen hätten dem Regime eine Abkürzung zur Atombombe ermöglicht.

In dem Gebäude in Natanz waren wertvolle Maschinen aufgebaut, mit deren Hilfe der Iran neu entwickelte Zentrifugen zur Urananreicherung montiert. Vermutlich wurden dort auch Komponenten und fertige Maschinen gelagert. Es war das technische Juwel des iranischen Atomprogramms, das hier zerstört worden ist. Die neuen Zentrifugen, Dutzende Male effektiver als die im Einsatz befindlichen vom Typ IR-1, hätten dem Regime eine Abkürzung auf dem Weg zur Atombombe an die Hand gegeben – ein wertvolles politisches Druckmittel.

Kaum war der Donner der Detonation verhallt, kam das Echo aus Israel, der Erzfeind des Iran. Verteidigungsminister Benny Gantz schränkte zwar ein, «nicht alles, was im Iran passiert, hat notwendigerweise etwas mit Israel zu tun». Doch Aussenminister Gabi Aschkenasi, wie Gantz ein früherer Generalstabschef der Armee, wurde deutlicher: Dem Iran müsse der Weg zur atomaren Bewaffnung versperrt werden, erklärte er, und deshalb «ergreifen wir Massnahmen, über die man besser nicht spricht».

Politik der gezielten Zweideutigkeit

Parallel dazu informierte ein anonym bleibender «nahöstlicher Geheimdienstler» die «New York Times» und die «Washington Post», dass Israel mittels einer «gewaltigen Bombe» die Explosion in Natanz ausgelöst habe. Und am Ende gefiel sich auch noch der frühere israelische Verteidigungsminister Avigdor Lieberman darin, Hinweise auf jenen anonymen Informanten zu geben, dessen Name dann in israelischen Medien auftauchte: Es soll demnach niemand anders sein als Mossad-Chef Yossi Cohen persönlich.

Diese Reaktion passt zu Israels Politik der gezielten Zweideutigkeit, mit der Furcht verbreitet wird, ohne offiziell Verantwortung zu übernehmen. Wann immer ein Schlag gegen das iranische Atomprogramm gelingt – vom Computervirus Stuxnet zur Zerstörung von Zentrifugen bis zu Attentaten auf iranische Atomwissenschaftler – richtet sich der Verdacht neben den USA immer auch auf Israel. Und dort wird er ganz gezielt nicht entkräftet.

In Parchin bei Teheran flog ein Gebäude in die Luft, in dem ballistische Raketen produziert wurden.

Diesmal nährt ein relativ aufwendig produziertes Bekennervideo mit Insiderwissen den Verdacht. Es ging beim persischen Dienst der BBC ein, Stunden bevor der Vorfall im Iran oder anderswo öffentlich bekannt war. Darin bezichtigt sich die bislang völlig unbekannte Gruppe «Geparden des Heimatlandes» des Sabotageaktes in einer der am besten geschützten Einrichtungen in der Islamischen Republik.

Der Name erinnert an Hackertrupps der Revolutionsgarden, in dem Video ist von Dissidenten aus dem Sicherheitsapparat die Rede. Das wäre der grösste Albtraum des Regimes, zumal mehrere weitere Explosionen in den vergangenen Tagen bislang nicht aufgeklärt sind, vor allem jene auf dem Militärgelände Parchin bei Teheran. Dort war ein Gebäudekomplex in die Luft geflogen, in dem ballistische Raketen für die Revolutionsgarden produziert wurden.

«Nicht reagieren bedeutet Schwäche»

Es sei «ungewöhnlich», dass die iranische Führung jetzt Schäden in Natanz einräumt, sagt die israelische Expertin Sima Shine, die früher für den Mossad und nun für das Institut für Nationale Sicherheitsstudien den Iran beobachtet. Denn das erzeuge Handlungsdruck: «Es wird schwierig für sie, nicht zu antworten, denn nicht zu reagieren, bedeutet Schwäche». Sie kann sich eine iranische Vergeltung mit Cyberangriffen vorstellen, sieht das Teheraner Regime aber auch vor einem «grossen Dilemma». Denn das höchste Ziel der Iraner sei ein Ende der Sanktionen. An einer militärischen Eskalation hätten sie deshalb kein Interesse.

12 Kommentare
    Jean Roth

    Man kann sich vorstellen, dass der Mossad dahintersteckt in Zusammenarbeit mit Leuten vor Ort. Wie ich zum ersten Mal als "Geschäftsmann" einreiste, war eine Einladung (nicht von Privatleuten) notwendig um ein Visum zu erhalten, was mir erlaubte ein Konferenz zu besuchen. Man wird nicht offensichtlich überwacht. Beim andern Mal - als "Tourist" erhielt ich ebenfalls ein Visum, das ich auf der Botschaft abholen musste. Das gemietete Auto in Teheran war mit Fahrer, der mich auf der Rundreise im Iran begleitete - auf Schritt und Tritt, auch bei der Fahrt nach Natanz. In der Hauptstadt selbst traf ich einen Führer der ganz passabel Deutsch sprach, mit einer Azeri verheiratet war, die tadellos Russisch sprach. Es gibt Leute die man gewinnen kann gegen die Mullahs zu agieren. Deshalb ist es - für meine Begriffe - nicht unbedingt nötig sich grosse Sorgen zu machen.