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Baumkronen und Melkcomputer

Der Bauernalltag ist nicht nur ein Knochenjob, sondern auch eine Wissenschaft. Für eine Städterin gibt es viel zu lernen. (Teil 4/4)

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Nur sehr wenige Städterinnen und Städter kennen die Landwirtschaftsbetriebe, die in ihrer Nähe hochwertige Nahrungsmittel produzieren. Das wollen wir mit unserer vierteiligen Reportage über den Alltag auf einem Zürcher Bauernhof ändern. Wir haben eine Stadtzürcherin aufs Land geschickt, um bei einer Bauernfamilie mitanzupacken und darüber zu berichten. Heute Teil 4 von 4

Am Nachmittag steigt Michi auf den Traktor, Martin fährt aufs Feld und Maja schneidet und steckt einen grossen Blumenstrauss. Meine Verdauungsphase beginnt in der Krone des Marillenbaums: Einen Korb um die Hüften gebunden, klettere ich Leiterstufe um Leiterstufe den immer gelberen Früchten entgegen. Durch den Garten gestapft kommt Vreni, deren Chinakohl Maja zum Zmittag serviert hat. Einen identischen Hüftkorb hat sie bereits umgeschnallt, doppelt so schnell wie ich klettert die rüstige Rentnerin eine zweite Leiter empor. «Ich habe letzte Woche schon ganz viele geholt und eingekocht», erzählt Vreni, «ich hole mir nur noch ein paar zum essen.» Eine Viertelstunde später pflückt sie noch immer. «Man kann fast nicht aufhören», murmelt sie, als sie wieder Boden unter den Füssen hat. Äpfel und Birnen verkaufen Hübschers, Marillen, Zwetschgen, Kirschen und Aprikosen verwenden und verschenken sie. Was ich heute pflücke, wird in Gonfigläser eingemacht, zu Schnaps gebrannt oder mit Wähenguss überzogen. Die Erfahrung, etwas vom Baum zu pflücken und direkt in den Mund zu schieben, macht auch aus den sauren Marillen süsse Früchtchen. Und auf drei Meter über Boden realisiere ich im Gespräch mit Vreni, dass nur Städter ernten sagen – auf dem Land, da wird gewonnen.

Das Engagement für den Nachwuchs ist wichtig

Martin Hübscher hat an diesem Nachmittag noch einen wichtigen, wenn auch informellen Termin: Ein junger Mann, der gerne auf dem Liebensberg schnuppern möchte, stellt sich vor. Die Förderung des Nachwuchses liegt Martin Hübscher am Herzen: Zum einen braucht er Lehrlinge auf seinem Hof, zum anderen unterrichtet er am Strickhof und engagiert sich für den Nachwuchs. Dass die Höfe weniger werden, liegt zum einen daran, dass sie nicht mehr rentieren und aufgegeben werden, zum anderen fehlt es zunehmend an der nächsten Generation.

Am jungen Mann aus Wald im Kanton Zürich, der heute Nachmittag auf ein Glas Most vorbeikommt, soll’s nicht liegen. Michi hat von seinen schönen Kühen gehört, und mit Braunvieh kennt sich der zukünftige Schnupperlehrling tatsächlich aus: Zusammen mit seinem Vater hat er kürzlich an einer Kuhauktion mit 4700 Franken die teuerste Kuh verkauft. Bald geht er ans Eidgenössische Schwingerfest, um da «den derzeit besten Zürcher, den wir haben» anzufeuern: Fabian Kindlimann, 125 Kilogramm Kampfgewicht, Lieblingsessen Cordon Bleu, Lieblingsgetränk Milch.

Melken ist eine Wissenschaft

Irgendwann ist fertig geplaudert: Das Abendmelken um halb fünf übernimmt meist einer der Lehrlinge. Die Kühe kommen von der Weide und stehen Schlange, um sich in die beiden Melkgassen einzugliedern. Das Melken ist eine Erleichterung für sie, nicht wenigen tropft die Milch bereits aus den Eutern. «Die Zitze ist ein Schliessmuskel», erklärt Michi, «und als solcher ein Zuchtideal.» Er darf nicht zu schwach und nicht zu stark sein, damit weder Milch aus dem Euter noch Zeit beim Melken verloren geht. Die Kühe werden in der Gasse via Magnet am Halsband vom Computer erfasst, ihre Daten werden direkt auf dem Computer angezeigt und durch den aktuellen Melkvorgang ergänzt. Kuhfladensprenkel und Blutspuren auf dem Boden – menstruieren Kühe? Fusion Interface Controller steht da, auf den einzelnen Kästen sind das durchschnittliche Minutengemelk, das Abkalbedatum oder die Leitfähigkeit der Milch ablesbar.

Jede Zitze jeder Kuh wird zu Beginn kurz von Hand gemolken: Veränderungen in der Kuhmilch, Schlieren beispielsweise, würden auf Entzündungen des Euters hinweisen. Was zwischen Kuhbeinen über Wiesen und durch den Stall baumelt, ist bakterienanfällig – oder in Michis Worten: «Wo öppis use chunnt, gaht au öppis ine.» Die Milch wird direkt ab Hof oder zur Weiterverarbeitung verkauft. Mit dieser Milch wird in Landquart Raclettekäse, anderswo Mozzarella hergestellt. Für einen Liter Milch pumpt die Durchschnittskuh fünfhundert Liter Blut durch ihr Euter.

Die Städterin kann man auf dem Land durchaus brauchen

Ums Melken geht es an der Kantonalen Berufsmeisterschaft, Martin Hübschers nächstem grossem Projekt ausserhalb des Hofes im Rahmen der Zürcher Landwirtschaftsausstellung 2017, nicht. Fachkenntnis ist von den ehemaligen Lehrlingen dennoch gefordert: Beim Anlegen eines Verbandes, beim Geschicklichkeitsfahren mit dem Traktor oder beim Erstellen eines Düngungsplans – dass man nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernt, gilt für Bauern und Bäuerinnen wohl besonders. Das Zusammenleben als temporäre Patchwork-Familie mit Lehrlingen, Angestellten und Freiwilligen, das Reagieren auf Tier- und Wetterlaunen, die unmittelbare Abhängigkeit der Natur – der Bauernhof ist Arbeitsplatz, Wohnort und Lebensaufgabe zugleich. Fulltime-Job bekommt hier im Liebensberg, stellvertretend für über 50'000 Landwirtschaftsbetriebe in der Schweiz, eine neue Bedeutung.

Als ich den Liebensberg mit einem Glas Marillengonfi, einer Flasche Marillenschnaps und dem Kompliment, dass man mich durchaus brauchen könne, verlasse, freue ich mich auf mein Velo – und vermisse die suckelnde Schnauze von Nummer 5322.

Hier sind alle Teile der Reportage zu finden:

Teil 1. Eine Städterin auf dem Land

Teil 2. Zum Zmorge gibt’s Saures

Teil 3. Von Klischees und Ritualen

Teil 4. Baumkronen und Melkcomputer

Züspa 2017

Die Züspa ist die grösste Publikumsmesse in der Region Zürich.

Dieses Jahr findet die Messe vom 29. September bis 8. Oktober 2017 statt.

Ein grosses Highlight der Züspa ist die Zürcher Landwirtschafts-Ausstellung Züla, an der der Zürcher Bauernverband sein 175-jähriges Bestehen feiert und der Stadtbevölkerung die regionale Landwirtschaft näherbringen möchte.

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Diesen Beitrag hat Commercial Publishing Tamedia in Zusammenarbeit mit der Züspa erstellt.

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