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Von Klischees und Ritualen

Schweigend essen und schwatzend lesen: Am Mittagstisch kommen Älpler Makronen und Städter-Klischees auf den Tisch. (Teil 3/4)

Daniela Bär, Commercial Publishing
Wer ist hier die Körnlipickerin? Hühnerfütterung im Stall.
Wer ist hier die Körnlipickerin? Hühnerfütterung im Stall.
Giorgia Müller
Eigentlich Walter Hübschers Territorium – Einsammeln der frisch gelegten Eier.
Eigentlich Walter Hübschers Territorium – Einsammeln der frisch gelegten Eier.
Giorgia Müller
Braucht Platz und spart Kosten – Michi vor dem Fahrsilo der Hübschers.
Braucht Platz und spart Kosten – Michi vor dem Fahrsilo der Hübschers.
Giorgia Müller
Optimales Futter für die gewünschte Menge Milch – hier werden Kartoffeln, Mais und Gras siliert.
Optimales Futter für die gewünschte Menge Milch – hier werden Kartoffeln, Mais und Gras siliert.
Giorgia Müller
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Nur sehr wenige Städterinnen und Städter kennen die Landwirtschaftsbetriebe, die in ihrer Nähe hochwertige Nahrungsmittel produzieren. Das wollen wir mit unserer vierteiligen Reportage über den Alltag auf einem Zürcher Bauernhof ändern. Wir haben eine Stadtzürcherin aufs Land geschickt, um bei einer Bauernfamilie mitanzupacken und darüber zu berichten. Heute Teil 3 von 4

Den Zweck von Arbeitskleidung erkenne ich, als ich an den Zmittagstisch der Familie Hübscher sitze. Meine Hosen sind, nach getaner Arbeit ohne Arbeitskleidung, nass vom stiebenden Wasser des Hochdruckreinigers, paniert mit Strohfetzchen und inzwischen eingetrocknetem Kälbermist.

Obwohl der Morgen keinem Zeitplan, sondern einem Aufgabenablauf gefolgt ist, sitzen wir zu einer klassischen Zmittagszeit alle zusammen am grossen Tisch in der Küche und schaufeln Älpler Makronen zuerst auf die Teller und dann in den Mund. This, Sohn der Familie, fehlt, er macht eine Lehre zum Baumaschinenmechaniker. Und Marco, der Lehrling, ist heute in der Schule. Lehrlinge hat es und braucht es immer auf dem Liebensberg. Eine Woche lang kommen sie probehalber arbeiten, und diese Woche ist wichtig, denn man kommt sich nahe: Die Lehrlinge haben ein Zimmer im Bauernhaus, waren früher grosse Geschwister für Carla und This, heute werden sie ihre Freunde. «Irgendwie sind sie wie meine eigenen Kinder», meint Maja, und ergänzt: «Von zwanzig Lehrlingen würde ich neunzehneinhalb wieder nehmen.»

Nach dem Zmittag wird Zeitung gelesen

Nach dem Mittagessen holt Maja die Post und verteilt sie an alle: Den Landboten, den Schweizer Bauern, die Winterthurer Zeitung. Werbeprospekte liegen auch dabei, und wenn zu viele Gäste am Tisch sind, wird halt auch darin geblättert. Martin Hübscher diskutiert den Flyer für eine neue Apfelsorte mit Claudia, die neben dem morgendlichen Melken auch für die Baumschule zuständig und Obstexpertin ist.

Ich hingegen lese über den Milchbauern Kohler, der als einer von jährlich 800 Milchbauern in der Schweiz seinen Hof aufgibt, weil er nicht mehr rentiert. Eine Milchkuh rentiere nicht von Geburt an, wird mir Michi später erklären – mit den ersten Ladungen abgepumpter Milch hole man erst einmal die Kosten ihrer Aufzucht rein. Kann man als Schweizer Bauer nicht politisch sein? Carla interessiert sich primär für die Todesanzeigen: Sie hat soeben die Lehre als Fachangestellte Gesundheit in einem Pflegheim für Betagte abgeschlossen. Michi und Carla sind sich zudem einig, dass Vanessa Hobi Braunvieh-Königin 2017 werden soll.

Walter, Hübscher senior, steckt kurz den Kopf zur Tür rein. «Inzwischen mache er nur noch die Hühner», hat er mir am Morgen gesagt – kurz, bevor ich die elf Eier aus dem Hühnerstall gefischt und den Korb Maja übergeben habe. «Weisst du, ich dachte, dass du als Städterin sicher ultragrün, immer mit dem Velo unterwegs und mindestens Vegi bist», schmunzelt Maja. Inwiefern ich diese drei Punkte seit meiner Ankunft widerlegt habe, weiss ich nicht – Vorurteile scheint’s aber offensichtlich auf beiden Seiten zu geben. Claudia macht Kaffee für alle, Milch frisch ab Kuh lässt den Tasseninhalt heller werden. Dass ich den Kaffee schwarz trinke, weil ich Milch nicht so gut vertrage, behalte ich für mich, um weiterhin keins der bäuerlichen Klischees über Städter zu erfüllen.

Futter und Milchleistung hängen zusammen

Nach dem Mittagessen fahren wir kurz zum Silo, wo Gras, Kartoffeln und Mais zu dem werden, was abends den Kühen gefüttert wird. Entscheidend ist die Ernährung bereits bei den Kälbern: Bereits früh entwickelt sich der Pansen, der erste von insgesamt vier Mägen, wo später ungefähr sieben Kilo Bakterien und Einzeller initiieren, dass aus Gras irgendwann einmal Milch wird. Die Kalbs-Krux: Der Konsument will weisses Kalbfleisch, der Tierschutz schreibt ab Tag eins Heu vor, das eisenhaltig ist und das Fleisch zartrosa färbt.

Die Futterzusammensetzung ist kuhlebenslänglich für ihre Milchleistung relevant, und Michi zeigt mir, wie die individuelle Futterstation funktioniert: Tritt eine Kuh im Stall an den Trog, erkennt eine Magnetfläche ihr Halsband und lässt genau so viel Kraftfutter in die Trogtiefe schiessen, wie die Kuh aufgrund ihrer Milchleistung braucht. Martin Hübscher, der diese Menge im Büro kalkuliert und manuell eingibt, rechnet hier nicht etwa für den hungrigen Magen der Kuh, sondern vor allem für sein Portemonnaie und die Existenz seines Hofes und seiner Familie. Lüpfiger Ländler im Hintergrund, eine Frau singt im Berner Dialekt: «Bi glücklech u zfriede hie!»

Hier sind alle Teile der Reportage zu finden:

1. Eine Städterin auf dem Land

2. Zum Zmorge gibt’s Saures

3. Von Klischees und Ritualen

Teil 4. folgt am Montag, 25.9. 2017: Baumkronen und Melkcomputer

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