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Pop-BriefingSchummelnde Musiker, schmachtende Fussballer

Wie klingen Rammstein im Bossa-Nova-Gewand? Wie tönen Fussballer, wenn sie zur Gitarre greifen? Sowie: Nick Cave verblüfft mit einer neuen Ballade.

Neues vom Schmerzensmann des Rock: Nick Cave.
Neues vom Schmerzensmann des Rock: Nick Cave.
Foto: Reuters

Das muss man hören

Das unangefochtene Album der Woche stammt von der Gruppe Other Lives aus Oklahoma. «For Their Love» irrlichtert mirakulös zwischen New Wave, Folk und Westernromantik, es umarmt mit wohligsten Melodien und feinsten Streichern. Doch so schön das Ganze anzuhören ist, so bitter fällt der Abgesang auf das Heimatland der Band aus. Der amerikanische Traum wird hier im allerschönsten Zeremoniell begraben.

Nick Cave hat überraschend eine neue Ballade veröffentlicht. Er hat den T.Rex-Klassiker «Cosmic Dancer» mit Schmerz und Tiefe ausgestaltet. Das Ganze ist ein Vorgeschmack auf ein neues Album, das bereits im September erscheinen soll. Sein Name ist selbsterklärend: «AngelHeaded Hipster: The Songs of Marc Bolan and T.Rex».

Schon etwas länger vermisst wurde der französische Melancholiebombastiker Woodkid. Sieben Jahre nach seinem letzten Album gibts nun ein Lebenszeichen in Form des Songs «Goliath». Es klingt, als sei seine Welt in den sieben Jahren stillgestanden.

Der brasilianische Altmeister Milton Nascimento hat sich mit dem Sänger Criolo zusammengetan und dessen Ballade «Não Existe Amor em SP» («Es gibt keine Liebe in São Paulo») zu einer finsteren Pianoballade uminterpretiert. Eine Dystopie auf die grösste Stadt Brasiliens – und irgendwie auch treffend für ein Land, das mit Corona und Präsident Bolsonaro derzeit gleich doppelt gestraft ist. Brasilien droht in eine tiefe Depression abzugleiten; dies ist die Tonspur dazu.

Darüber wird gesprochen

Man kann über Nacht zum Superstar werden, man kann über Nacht aber genauso schnell auch auf den Boden der Realität zurückkatapultiert werden. Diese Erfahrung haben in den letzten Tagen weltweit einige Musikschaffende gemacht. Grund dafür war die Frühlingsputz-Aktion von Spotify. Der Streaming-Primus ist nämlich dabei, seine Fake-Profile zu eliminieren, womit nun ersichtlich ist, welche Musiker sich mutmasslich Fans gekauft haben.

Kurzes Fazit: Neben der bereits dringend verdächtigten Loredana weisen in der Schweiz einige Künstler des Zürcher Labels Muve besonders auffällige Werte auf. Und am schlimmsten hat es den DJ und Swiss-Music-Awards-Gewinner Mr. Da-Nos erwischt: zum Artikel.

Das Schweizer Fenster

Selten waren sich der Sport und die Musik so nahe wie in der Corona-Krise: Beiden wurde das Publikum weggeschützt. Und beiden Genres ist gemein, dass sie nicht wissen, wann es jemals wieder so sein wird wie zuvor.

Diese Woche sind nun zwei heimische Fussballer musikalisch auffällig geworden. Guillaume Hoarau, der Sturm-Senior der Young Boys, hat seinen ersten eigenen Song veröffentlicht. Der Mann von der Insel La Réunion hat ihn der Stadt Paris gewidmet: «Paname» heisst er, in seiner alten Heimat ist das der Übername für die französische Hauptstadt.

Im Lied finden sich gar nicht unneckische Versatzstücke aus dem Chanson und der Musette. Das Reggae-Flair, welches letztlich über den Song gestülpt wurde, ist vielleicht dann doch ein bisschen zu absehbar geraten.

Des Schweizers Lieblings-Goalie, Yann Sommer, hat zwar kein eigenes Lied geschrieben, wartet aber mit einer Holzgitarrenversion des Family-of-the-Year-Songs «Hero» auf, schlecht ausgeleuchtet auf dem heimischen Fenstersims eingespielt. Das klingt eigentlich ganz hübsch. Dass er damit jedoch gleich eine Internet-Challenge unter Fussballtorhütern lostreten will, finden wir dann doch ein bisschen übertrieben. Die nächsten Direktnominierten: der Brasilianer Alisson Becker (ein Sertanejo-Fan). Und der Frankfurter Kevin Trapp. Wir befürchten musikalisches Ungemach.

Hier gehts zu noch besserer Schweizer Musik.

Sie sind gegangen

Niemand wird je errechnen können, wie viel Schweiss wegen ihm vergossen worden ist, es dürften ganze Flüsse gewesen sein: Der Schlagzeuger Tony Allen wird als Miterfinder des Afrobeats in die Geschichte eingehen, dieser fast schon unanständig groovenden Mengung aus Funk, Jazz und afrikanischer Highlife-Musik, die er Ende der Sechzigerjahre zusammen mit Fela Kuti ausheckte. Letzte Woche ist Tony Allen im Alter von 79 Jahren in Paris verstorben. Hier gehts zum Nachruf.

Wie wunderbar Tony Allens Afrobeat-Groove rollte, demonstriert der Song «Lady», den der Nigerianer als Mitglied der Band Africa 70 im Jahr 1972 mit Fela Kuti einspielte.

Dass Tony Allen auch nicht vor musikalischen Abenteuern zurückschreckte, beweist seine Kooperation mit dem finnischen Elektro-Tunichtgut Jimi Tenor.

Brasilien hat einen seiner wichtigsten Komponisten und Poeten verloren. Aldir Blanc war kein Mann für die Bühne. Er war ein Chronist seines Landes, und aus dieser Warte schrieb er unter anderem den Song «O Bebado e a Equilibrista» («Der Trinker und der Seiltänzer»), ein Lied gegen die Militärdiktatur, das dank der Stimme von Elis Regina zur landesweiten Hymne arrivierte, die bis heute jeder Bewohner des Landes aus dem Stegreif mitsingen kann.

Aldir Blanc arbeitete eng mit dem Musiker João Bosco zusammen und schrieb auch diverse Bücher, in denen er stets kritisch und süffisant den Werdegang Brasiliens rapportierte. Er ist diese Woche in Rio am Coronavirus verstorben.

Das Fundstück

Wegen ungünstiger Dichtkunst ist der Rammstein-Frontmann Till Lindemann in die Negativschlagzeilen gerasselt. Zur Deeskalation gibts die Teutonen-Rocker hier in einer deeskalierenden Bossa-Nova-Deutung des Deutschen Andy Rehfeldt.

Die Wochen-Tonspur

Welche Musik ist uns diese Woche aufgefallen? Auf der Spotify-Playlist finden sich 33 neue Songs. Es gibt ein Wiederhören mit dem Reggae-Schmachter Horace Andy, Joan As Police Woman covert Prince, Hanni El-Khatib feiert das pure Leben, Jungstötter tut das pure Gegenteil, Nadine Sha steuert eine Küchenballade bei, und King Buzzo klingt wie ein sehr schlecht gelaunter Tom Waits. Zudem gibts italienischen Traumpop (Andrea Laszlo De Simone), französische Chanson-Rebellion (Brigitte Fontaine), ein bisschen Tango-Jazz (Vincent Peirani), deutsche Tanzboden-Wucht (Phace) und vieles andere mehr.