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Zu viele Menschen gestorbenSchwedens Corona-Stratege gibt Fehler zu

In Schweden herrschte lange Konsens über den Sonderweg im Umgang mit dem Covid-19-Virus. Doch der politische Burgfrieden ist jetzt vorbei.

«Bei allen Fehlern den richtigen Weg gegangen»: Anders Tegnell, Staatsepidemiologe Schwedens.
«Bei allen Fehlern den richtigen Weg gegangen»: Anders Tegnell, Staatsepidemiologe Schwedens.
Foto: Reuters

Der schwedische Staatsepidemiologe Anders Tegnell hat am Mittwoch erstmals eingeräumt, dass Schweden zu Beginn der Corona-Pandemie mehr hätte tun sollen gegen die Ausbreitung des Covid-19-Virus. In einem Interview mit dem staatlichen Rundfunk sagte Tegnell, die schwedische Strategie, die von seiner nationalen Gesundheitsbehörde entwickelt wurde, habe «Verbesserungspotenzial».

Auf die Frage, ob in Schweden «zu viele Menschen zu früh gestorben» seien, sagte Tegnell: «Ja, absolut.» Wenn er mit dem heutigen Wissensstand zurückschaue, dann würde er einen anderen Weg wählen: «Einen Weg, der in der Mitte dessen liegt, was Schweden getan hat und was die anderen Länder getan haben.»

Bei einer Medienkonferenz betonte Tegnell jedoch, er glaube noch immer, «dass die Strategie gut ist». Zudem sagte er, dass Schweden bei allen Fehlern «den richtigen Weg» gegangen sei. Tegnell verkündete 74 neue Todesfälle im Land. Damit zog Schweden am Mittwoch bei der Sterberate, gemessen an der Zahl der Einwohner, auch an Frankreich vorbei und liegt in Europa hinter Belgien, Spanien, England und Italien.

Auch Vorgängerin von Tegnell äusserte Kritik

Auch in Schweden hatten die Behörden stets physische Distanz zwischen den Menschen empfohlen. Anders als die anderen europäischen Länder hatte Schweden dabei allerdings nicht auf Verbote und Restriktionen gesetzt, sondern auf Appelle an die Vernunft der Bürgerinnen und Bürger. Schulen, Bars, Restaurants, Einkaufszentren und Fitnessstudios waren die ganzen Monate geöffnet.

Offiziell war es das Ziel der Regierung, mit dem lockeren Kurs die psychischen und ökonomischen Folgeschäden der Pandemie zu minimieren. Der Preis dafür ist, dass Schweden im Moment eine der höchsten Sterberaten Europas hat.

Die vergangenen Monate stand ein Grossteil der schwedischen Bevölkerung, aber auch der politischen Parteien geschlossen hinter dem Regierungskurs. Kritik war lediglich von einzelnen Journalisten und einer Gruppe von Wissenschaftlern geäussert worden, die dafür wiederum selbst scharf kritisiert wurden. Nun aber mehren sich die Anzeichen, dass «der Burgfrieden vorbei ist», so lautet ein Kommentar des schwedischen Fernsehens SVT.

«Irgendwas stimmt nicht, wenn Schweden zum Aussätzigen Europas geworden ist.»

Kommentar der Zeitung «Dagens Nyheter»

Im Mai schon hatte sich die Vorgängerin von Anders Tegnell im Amt des Staatsepidemiologen, Annika Linde, als erste prominente Vertreterin der Gesundheitsbürokratie überraschend als Kritikerin geoutet. Auch sie habe lange an den schwedischen Kurs geglaubt, sagte Linde in mehreren Interviews, aber sie habe ihre Meinung geändert angesichts der vielen Todesfälle und auch der Fehler der Behörden. «Wenn wir die Gesellschaft für einen Monat dichtgemacht hätten, dann hätten wir Zeit gewonnen», sagte Linde.

Wie Linde waren viele Kritiker erschrocken ob des Versagens der Behörden, die Senioren in den Altersheimen zu schützen, wo das Virus weit mehr Todesopfer forderte als in den Nachbarländern. Ein anderes Versäumnis ist die Tatsache, dass Schweden noch immer weit entfernt ist von den schon längst versprochenen 100’000 Corona-Tests pro Woche.

Die Opposition treibt nun seit Freitag eine Kommission voran, die das Vorgehen der Behörden zur Corona-Krise untersuchen soll – und zwar nicht nach Ende der Pandemie, wie die Regierung sich das wünscht, sondern möglichst bald. «Wasser auf die Mühlen» der Kritiker, so der Sender SVT, seien die jüngsten Pläne einiger anderer europäischer Länder, aufgrund der hohen Infektions- und Sterbezahlen in Schweden ihre Grenzen zwar für Dänen, Norweger und Finnen zu öffnen, aber eben nicht für die Schweden.

«Irgendwas stimmt nicht, wenn Schweden zum Aussätzigen Europas geworden ist», war ein Kommentar in «Dagens Nyheter» überschrieben.