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Infektionen mit Bluetooth verfolgenSchweiz beteiligt sich an Corona-App

Mit einer neuen Plattform wollen Forscher nachverfolgen, wer welche Menschen angesteckt haben könnte. Das soll die Verbreitung des Virus verlangsamen – auch nach dem Lockdown.

Die neue europäische Software setzt auf die Rückverfolgung von Smartphone-Nutzern und nicht auf Ortung.
Die neue europäische Software setzt auf die Rückverfolgung von Smartphone-Nutzern und nicht auf Ortung.
Foto: Wolfgang Kumm / Keystone

Forscher bündeln europaweit ihre Kräfte, um mithilfe der Digitalisierung gegen die Ausbreitung des Coronavirus vorzugehen. Am Mittwoch lancierten 130 Wissenschaftler und Techniker das Projekt mit dem sperrigen Namen PEPP-PT. Es handelt sich um eine technische Plattform. Sie erlaubt es anderen Apps, anonymisierte Daten mit Nutzern und Gesundheitsbehörden auszutauschen.

Das Kürzel steht für Pan-European Privacy Preserving Proximity Tracing, auf Deutsch etwa: paneuropäische Privatsphäre-schützende Annäherungsüberwachung. Laut dem Initianten Hans-Christian Boos soll das Meldesystem spätestens am 7. April voll einsatzfähig sein. Boos ist Gründer der deutschen Firma Arago, die auf künstliche Intelligenz spezialisiert ist.

«Menschen verbreiten die Krankheit, und wir können dies weder messen noch sehen – ganz anders als bei Sars.»

Marcel Salathé, Epidemiologe an der ETH Lausanne

Am Projekt beteiligt sind neben dem deutschen Robert-Koch-Institut und dem britischen Telecomkonzern Vodafone auch die Eidgenössischen Technischen Hochschulen in Zürich und Lausanne. «Menschen verbreiten die Krankheit, und wir können dies weder messen noch sehen – ganz anders als bei Sars», sagt Marcel Salathé, Leiter des digitalen Labors für Epidemiologie an der ETH Lausanne. Die Lungenerkrankung Sars war in den Jahren 2002 bis 2003 weltweit ausgebrochen und forderte knapp 800 Tote.

«Da wir infizierte Menschen nicht durch die Verfolgung der Symptome finden können, besteht die einzige Möglichkeit darin, in die Vergangenheit zu schauen und diejenigen Menschen zu finden, die eine infizierte Person angesteckt haben könnten, bevor wir von der Infektion wussten», sagt der ETH-Professor zum Prinzip des neuen Systems.

Die Software setzt also auf Rückverfolgung und nicht auf Ortung. Sie nutzt dazu den Bluetooth-Funk von Smartphones und nicht Standortangaben. Dies, um zu messen, ob sich zwei Nutzer einander annähern. So kann das System erkennen, welche Menschen so nah zusammen waren, dass eine Übertragung des Coronavirus denkbar gewesen wäre.

Voraussetzung ist indes, dass ein Nutzer seine Ansteckung auch in der entsprechenden App vermerkt hat. Die Anwendung meldet die möglichen Infektionskontakte dann an den Nutzer. Dieser entscheidet, ob er die Informationen an die Behörden weitergibt.

Die Hoffnung der Betreiber ist, dass Anwender mit dem System es frühzeitig erkennen, wenn sie sich angesteckt haben könnten, sich also nicht erst sozial isolieren, wenn sie Symptome der Krankheit bemerken. So könnte die Ausbreitung des neuartigen Erregers deutlich verlangsamt und eingegrenzt werden. Das könnte sinnvoll sein, wenn die Länder ihre strengen Massnahmen lockern.

Der Bundesrat habe an seiner Sitzung vom Mittwoch kurz über die neue europäische Plattform gesprochen, sagte Bundesrätin Karin Keller-Sutter. Die Anwendung sei «interessant».

Bund prüft Einsatz des neuen Systems

Bei der Eidgenossenschaft prüfen verschiedene Behörden, inwiefern dieses System zum Einsatz kommen könnte. So befasst sich das wissenschaftliche Beratungsgremium, das den Bundesrat bei der Bewältigung der Corona-Krise unterstützt, mit dieser Frage. Das ist bei der Bundeskanzlei zu erfahren. Das Bundesamt für Gesundheit wiederum klärt die rechtlichen Aspekte ab.

Was den Datenschutz betrifft, so sammelt das System laut dem Konsortium keine personalisierten Daten. Vielmehr vergibt die Software jedem Gerät nur eine Nummer, die dann zur Kommunikation mit dem Smartphone benutzt wird.

«Das Herunterladen einer solchen App muss auf Freiwilligkeit beruhen.»

Adrian Lobsiger, Eidgenössischer Datenschutzbeauftragter

Der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte hält diesen Weg zwar für gangbar. Adrian Lobsiger pocht aber darauf, dass die Nutzungsbedingungen datenschutzkonform zu gestalten seien. «Das Herunterladen einer solchen App muss auf Freiwilligkeit beruhen», sagt Lobsiger. «Grundrechte und Datenschutz müssen auch in einer ausserordentlichen Lage gewährleistet sein.»

Das Bundesamt für Gesundheit nutzt zeitverzögerte Standortangaben von Mobilfunknutzern, um die Wirksamkeit der getroffenen Massnahmen zu überprüfen. Marktführer Swisscom liefert der Behörde Analysen und Visualisierungen von anonymisierten Kundendaten. Beim Bundesamt für Gesundheit hat eine einzige Person Zugang zu diesen Informationen.

Spende aus Basel

Mittelfristig soll der Zusammenschluss von europäischen Universitäten, Organisationen und Unternehmen ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in der Schweiz werden. Dessen einziger Zweck soll der Betrieb des neuen Meldesystems sein. Langfristig will sich der Verein aus Spenden finanzieren.

Die ETH Lausanne erhielt vergangene Woche einen ersten Beitrag in Höhe von 3,5 Millionen Franken von der Botnar-Stiftung in Basel für die Arbeit an dem Projekt.