1985 bis heute: Die skurrilsten Szenen am Rednerpult

Johann Schneider-Ammann mag es nicht, das Rednerpult im Bundeshaus. Dabei hat sich dort schon Denkwürdiges abgespielt.

Sie sind selten, aber es gibt sie: Momente, aus denen Bundeshaus-Reden grosses Kino wurde. (Video: ParlCH/SRF)

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Es sei nicht sein Lieblingsmöbel, sagte der abtretende Bundesrat Johann Schneider-Ammann gestern in seiner Abschiedsrede vor dem Parlament und meinte damit das Rednerpult im Nationalratssaal.

Man kann das verstehen. Dass Schneider-Ammann nicht zum Typ der politischen Gross-Rhetoriker gehört, ist sicht- und hörbar. Gleichzeitig kommt Bedauern auf: Zum Wesen des Politikers gehört der Wille, die Welt zu verändern; allzu viele Instrumente hat er freilich nicht dazu, schon gar nicht in einer Demokratie, wo er stets von neuem um die Gunst der Wählenden werben muss. Im Grunde hat er vor allem ein Instrument: die Rede. Politiker, für die das Reden eine Qual darstellt, dürften folglich einen eher freudlosen Alltag fristen.

So ist es denn gewissermassen die ironische Pointe der Bundesrats-Ära von Anti-Redner Schneider-Ammann, dass ausgerechnet er mit seinem Abschiedsauftritt und seiner Lieblingsmöbel-Bemerkung das schafft, was nur wenigen gelingt: Er ergattert einen Platz in der Best-of-Galerie der Bundeshaus-Auftritte.

Magnetische Kraft

Der Fall Schneider-Ammann ist die Ausnahme, welche die Bundesberner Regel bestätigt – die Regel, dass das Rednerpult im Bundeshaus eine geradezu magnetische Anziehungskraft entfaltet. Gerade bei wichtigen Geschäften ist die Liste der Rednerinnen und Redner nicht enden wollend. Dabei liegt es in der Natur des Berner Politbetriebs, dass das rhetorische Talent bei den meisten Parlamentariern mit dem Mitteilungsbedürfnis nicht mitzuhalten vermag. Andere Parlamente – der Bundestag in Berlin, das Unterhaus in London – sind diesbezüglich in anderen Sphären unterwegs.

Auch Puppen schafften es schon ans Rednerpult: Für SVP-Nationalrat Thomas Aeschi droht die Schweiz zur Marionette zu werden.

Und doch gibt es auch an diesem geliebten ungeliebten Holzmöbel unter der Bundeshauskuppel grosse Momente. Momente von grandioser Komik, von Witz – und, ja, auch dies: von rhetorischer Brillanz. So sei am Tag nach der Wahl von Karin Keller-Sutter an ihren St. Galler Vorgänger erinnert: Kurt Furgler, von 1971 bis 1986 im Bundesrat, gehört bis heute zu den besten Rednern, die der Berner Betrieb je hervorgebracht hat. Sein Auftritt am «Lieblingsmöbel» vom September 1985, mit dem er den Rechtsaussen-Nationalrat Markus Ruf in den Senkel stellte, ist bis heute unvergessen.

«Bü-, Bü-, Bündnerfleisch»

Unvergessen bleiben auch die beiden Lachanfälle aus jüngerer Zeit: Bundesrätin Doris Leuthard lachte Tränen, als sie im Parlament eine Frage zu den sogenannten Gymkhana-Prüfungen für Pferde beantworten musste. Dazu der Bü-, Bü-, Bündnerfleisch-Auftritt von Bundesrat Hans-Rudolf Merz im Herbst 2010: ganz grosses Kino.

Und dann: Bundesrat Moritz Leuenberger, der am Pult steht, sich ärgert, dass ein Nationalrat über seine bundesrätlichen Ausführungen den Kopf schüttelt, und diesen anfaucht: «Es macht halt jeder, was er mit seinem Kopf kann» (2010). SVP-Nationalrat Roland Borer, der während eines Fussball-Länderspiels die Parlamentssitzung unterbrechen will, mit seinem Ordnungsantrag aber aufläuft (2010). EVP-Nationalrat und Pfarrer Ernst Sieber, der mit einer Schweizerfahne ans Rednerpult tritt, freilich einer ohne weisses Kreuz, sondern mit einem kreuzförmigen Loch (1992). SVP-Nationalrat Thomas Aeschi, der mit einer Marionettenfigur ans Pult tritt und davor warnt, dass die Schweiz zur Marionette der EU werde (2018).

Pfarrer-Nationalrat Sieber mit Kreuz.

Das Bundeshaus ist leider selten der Ort der grossen Unterhaltung. Vielleicht werden wir Johann Schneider-Ammann noch vermissen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.12.2018, 13:50 Uhr

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