65'000 Menschen leben in Hochrisiko-Gebieten

Zehntausende sind in der Schweiz durch Hochwasser bedroht – auch Schulen und Spitäler. Das zeigt eine neue nationale Gefahrenkarte.

In Reichenbach im Berner Oberland kam es 2005 zu einem Jahrhunderthochwasser. Foto: Feuerwehr Frutigen

In Reichenbach im Berner Oberland kam es 2005 zu einem Jahrhunderthochwasser. Foto: Feuerwehr Frutigen

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Potenziell tödlich. So sagt es Tony ­Arborino: «Die Situation ist potenziell tödlich.» Der Leiter des Walliser Amts für Wasserbau redet über die kantonalen Gebiete mit dem höchsten Sicherheitsrisiko für Hochwasser. Männer, Frauen, Kinder – mehrere Tausend von ihnen sind betroffen. Arborino spricht von porösen Deichen, von fehlenden Warnzeiten, von Flutwellen, die innert Sekunden alles mitreissen können.

Wie etwa in Fully, nördlich von ­Martigny. Doch die Einwohner hier wirken entspannt. Klar, man habe schon Überschwemmungen erlebt, viele hätten auch mal Evakuierungen mitgemacht. Aber Gefahr, nein, die sieht hier niemand. Die Menschen täuschen sich.

Das sagen nicht nur Spezialisten wie Arborino. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) schreibt über das Leben im risikoreichsten Gebiet für Hochwasser: «Personen sind sowohl innerhalb als auch ausserhalb von Gebäuden gefährdet. Mit der plötzlichen Zerstörung von Gebäuden ist zu rechnen.»

Recherchen zeigen nun, dass in der Schweiz Zehntausende Menschen in solchen unmittelbaren Gefahrenbereichen leben. 3'400 wohnen zudem in den ­risikoreichsten Lawinengebieten. In jahrzehntelanger Kleinarbeit haben die ­Behörden aller 26 Kantone bis auf wenige Meter genaue Gefahrenkarten für Hochwasser und Lawinen erstellt. Diese ­Redaktion hat erstmals die kantonalen Gefahrenkarten zusammengefasst und im Internet aufbereitet.

14'000 Gebäude gefährdet

Auf der Karte sind jeweils drei ver­schiedene Bereiche eingezeichnet: gering und mittel gefährdete Gebiete ­sowie Bereiche mit erheblicher Gefahr, wo laut dem Bund auch Personen in ­Gebäuden gefährdet sind. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass es Hunderte ­Gebiete der höchsten Gefahrenstufe gibt – verteilt über die ganze Schweiz, oft nicht besonders gross. Doch viele verlaufen mitten durch Dörfer und Städte.

Gemäss den Daten des Bundesamtes für Landestopografie befinden sich alleine 100 Schulen sowie zehn Spitäler und Kliniken in diesen erheblich gefährdeten Gebieten. Zudem sind darin auch Universitäten, Kindergärten, Alters­heime und sogar Deponien. Insgesamt ­stehen 14'000 Gebäude in den Bereichen mit dem höchsten Risiko. Mithilfe von Daten des Bundesamtes für Statistik lässt sich ausrechnen, dass dort rund 65'000 Leute leben.

Die Rhone tritt immer wieder über die Ufer: Im Jahr 2000 standen Teile von Naters unter Wasser. Foto: Keystone

Besonders gefährlich: das Rhonetal. Darin liegen auch die vier Gemeinden mit den meisten Menschen im Hochrisikogebiet: Fully, Visp, Sitten und Vouvry. 12'500 Menschen sind hier betroffen, in Fully ist es sogar mehr als die Hälfte der Einwohner. In der Deutschschweiz sind besonders viele Menschen in Davos und Glarus Nord gefährdet. Jeweils über 300. In all diesen Gemeinden stehen Hun­derte Gebäude an Stellen, wo man heute wegen der Gefahr gar nicht mehr bauen dürfte. Bestehende Häuser sollten eigentlich geschützt werden, doch das geschieht bei weitem nicht immer. Das zeigt sich, wenn man nur schon die betroffenen Kindergärten, Krippen, Schulen und Universitäten genauer anschaut.

Kindergarten nur dritte Priorität

Bereits vor 14 Jahren verursachte ein Jahrhunderthochwasser in der Gemeinde Reichenbach im Berner Oberland gewaltige Schäden. In der Zwischenzeit wurden zwei Bäche, die Kiene und die Suld, für gut 20 Millionen Franken gezähmt, die bewohnten Häuser sind ­weitgehend vor weiteren Katastrophen geschützt. Aber eben nur weitgehend. An einer Stelle ragt das rote Gefahrengebiet noch immer ins Dorf vor. Darin: Schulhaus und Kindergarten.

Schutzbauten für die Schule in Reichenbach sollen erst nächstes Jahr kommen: Ausschnitt aus der Gefahrenkarte. Bild: Tamedia

Weshalb bis heute nichts gegen die unmittelbare Gefahr durch ein drittes Gewässer – den Reichenbach – getan wurde, ist auch für Peter Bettschen, den Wasserbauverantwortlichen, nicht klar. «Nach dem Hochwasser 2005 musste man eine Priorisierung machen. Dass ein Schulhaus für 80 Kinder nur dritte Priorität hat, kann ich nicht nachvollziehen und ist tragisch», sagt er. Bis vor einem Jahr habe es nicht einmal ein ­Notfallkonzept gegeben. «Jetzt würde die Schule bei einem gewissen Wasserstand evakuiert», so Bettschen. Vorher habe man das dem Zufall überlassen. Im kommenden Jahr soll mit Schutzbauten begonnen werden.

In Massongex VS befindet sich die Krippe des Dorfes gleich am Rande des höchsten Gefahrenbereichs, das Gebiet ist von einer Springflut bedroht. 360 Personen sind hier gemäss Kanton gefährdet. Doch die Sicherungsarbeiten am Deich haben noch nicht einmal ­begonnen. Es bestehe in dieser Region eine «schwerwiegende Gefahr», dass der Rhone-Deich breche, sagt der Walliser Amtsleiter Tony Arborino.

Gefährlich sind die Beispiele Reichenbach und Massongex, weil hier das Wasser sprunghaft steigen kann. In zahlreichen anderen Fällen drohen ­zumindest Gebäudeschäden. Etwa bei einem Kindergarten in Liestal BL, der unmittelbar neben dem Hochrisikobereich liegt. Hier stand schon einmal der Garten unter Wasser. In Lausanne stehen auch drei Gebäude der Universität im unmittelbaren Gefahrengebiet.

Schutzmassnahmen im Verzug

Angesichts der Tausenden gefährdeten Bauten stellt sich die Frage, warum man in der Schweiz derart falsch gebaut hat. Laut Experten liegt das auch an einer unglücklichen Verkettung von Umständen. Ab 1950 herrschte in der Schweiz ein Bauboom. Neue Gebäude und ­ganze Quartiere schossen aus dem Boden. Durch Zufall kam es damals während mehrerer Jahrzehnte davor und danach zu keinem grösseren Hochwasser. «Man wusste in den 50er- oder 60er-Jahren oftmals nicht, dass bestimmte Standorte eigentlich gefährdet waren», erklärt Roberto Loat von der Sektion ­Risikomanagement des Bafu. Es war ja so lange kaum mehr etwas passiert.

In Fully VS lebt die Hälfte der Einwohner im Hochrisiko-Gebiet: Der Rhone-Deich wird deshalb verstärkt. Foto: Sylvain Besson

So baute man unbeschwert Tausende Gebäude an Stellen, die die Kantone erst dank der neuen Gefahrenkarten langsam als Hochrisikogebiete erkannten. Inzwischen gibt es in der ganzen Schweiz Projekte, um die Bevölkerung und Infrastruktur in den neu erkannten Gefahrengebieten zu schützen. An manchen Stellen ist dies bereits geschehen. Doch meistens heisst es entweder, dass die Arbeiten erst geplant seien – oder dass man schlicht in Verzug sei. In ­Granges VS sollten die Sicherungsarbeiten schon 2015 abgeschlossen sein. Heute sind erst ein paar Bäume gefällt.

Bereits 2016 warnte eine Expertengruppe des Bundes in einem umfangreichen Bericht, dass es Probleme beim Umsetzen des Hochwasserschutzes gebe. Es fehlten Risikoübersichten und übergeordnete kantonale und nationale Planungen. «Schutzmassnahmen an bestehenden Gebäuden in bekannten Gefahrengebieten werden oft erst nach dem Schadenfall realisiert», so die Experten.

Gemäss der Strategie des Bundes zu den Naturgefahren sollten eigentlich bis ins Jahr 2030 die Defizite beim Hochwasserschutz weitgehend behoben sein. Doch zehn Jahre werden wohl nicht reichen, um die Gefahrenbereiche wirklich zu sichern. «Es werden bis 2030 nicht alle Schutzdefizite behoben sein», sagt Bruno Spicher, Präsident der Expertenkommission, die den Bundesrat zum Umgang mit Naturgefahren berät. Es gehe in der Schweiz zwar vieles in die richtige Richtung. Aber auf dem Papier sei die Umsetzung von Schutzmassnahmen oft einfacher als in der Realität.

Erstellt: 01.06.2019, 07:01 Uhr

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