Alles soll werden wie die Kalkbreite

Die Jungen Grünen möchten in der Schweiz Wohnformen wie die Kalkbreite-Siedlung in Zürich fördern.

Die Siedlung Kalkbreite ist ein Symbol für nachhaltiges Wohnen. Foto: Reto Oeschger

Die Siedlung Kalkbreite ist ein Symbol für nachhaltiges Wohnen. Foto: Reto Oeschger

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Initiant Lustenberger erwartet keinen Widerstand in den eigenen Reihen gegen das Projekt. Die Parteileitung versteht ihre Initiative als Antwort auf «fremdenfeindliche, wachstumskritische» Volksbegehren wie Ecopop oder die Masseneinwanderungsinitiative der SVP. In der Bundesverfassung soll neu stehen, dass «nachhaltige Formen des Wohnens und Arbeitens mit kleinräumigen Strukturen, kurzen Verkehrswegen und hoher Lebensqualität» gefördert werden müssen. Weil in erster Linie die Kantone und Gemeinden für die Raumplanung verantwortlich zeichnen, wären sie es, die entsprechend handeln müssten. Etwa indem sie Sondernutzungszonen für nachhaltige Quartiere schaffen oder gesetzliche Hürden abbauen, zum Beispiel die vielerorts be­stehende Pflicht zur Erstellung von Parkplätzen, wie Lustenberger sagt.

Kalkbreite als Vorzeigemodell

Günstiger wohnen, weniger Energie verbrauchen, verdichtet leben: Die Wohnsiedlung Kalkbreite in der Stadt Zürich soll zum nationalen Symbol für eine nachhaltige Form des Wohnens werden. Dies jedenfalls schwebt den Jungen Grünen vor. Die Parteispitze wird ihrer Basis an der Mitgliedersammlung von morgen in Zug ein entsprechendes Projekt für eine nationale Volksinitiative vor­legen. «Wie wir als Gesellschaft zusammenleben, wirkt sich entscheidend auf die Umwelt aus», sagt Co-Präsident Andreas Lustenberger. Der Zuger Kantonsrat fordert daher eine Abkehr von der Einfamilienhaus-Schweiz. In kleinen, genossenschaftlich organisierten Wohnstrukturen wie der Kalkbreite lasse sich der Verbrauch von Ressourcen im Bereich von Nahrung, Energie und Material markant verringern, so Lustenberger. Gleichzeitig würden die Nachbarn wichtige soziale Dienstleistungen füreinander erbringen, etwa in Form von Kinderkrippen oder Altersbetreuung. «Solche Nachbarschaften», folgert Lustenberger, «leisten nebst allen ökologischen Vorteilen auch Beiträge für die Verringerung von staatlichen Sozialkosten und haben überdies integrativen Charakter.»

Zu einem ähnlichen Schluss kommen das Bundesamt für Energie (BFE) und das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE). Nachhaltige Quartiere taxieren sie als zentralen Baustein, um das in der Bundesverfassung verankerte Ziel der Nachhaltigkeit zu erreichen. Auch Justizministerin Simonetta Sommaruga (SP) hat vor der Ecopop-Abstimmung wieder­holt betont, in einer schnell wachsenden Schweiz komme verdichteten urbanen Räumen eine überragende Bedeutung zu.

Grüne Antwort auf Ecopop

Die Initiative setzt nicht nur bei der Verdichtung an. Sie will auch verhindern, dass sich der Siedlungsbrei weiter ausbreitet. Anknüpfungspunkt ist das nationale Raumplanungsgesetz (RPG). 2013 hat das Stimmvolk entschieden, dass die Kantone nicht mehr beliebig viel Bauland horten dürfen. In Kantonen, die in der Vergangenheit über­bordet haben, drohen Rückzonungen.

Benedikt Loderer als Zugpferd

Die Kantone bemessen derzeit ihren mutmasslichen Baulandbedarf bis 2027, wie dies das RPG vorschreibt; ihre Anträge muss der Bundesrat absegnen. Was nach 2027 passiert, ist jedoch offen. Die Jungen Grünen befürchten, dass die Politik neue Einzonungen beschliessen wird, sobald diese letzten Bauzonen überbaut sind. Die Initiative will dies verhindern – mit einem Einzonungsstopp für die Zeit nach 2027.

Ob die Initiative über das ökologische Lager hinaus Support erhalten wird, ist fraglich; in bürgerlichen Kreisen baut sich jeweils grosser Widerstand gegen jedwede Beschränkungen des Wachstums auf. Immerhin ist es den Initianten gelungen, ein erstes Zugpferd zu gewinnen: den Architekten und Stadtwanderer Benedikt Loderer. Fakt ist ebenso, dass das Stimmvolk in den letzten Jahren sein Sensorium für das knappe Gut Boden verfeinert hat; davon zeugt seine Zustimmung zur Zweitwohnungsinitiative oder zur Zürcher Kulturlandinitiative.

Erstellt: 04.12.2014, 22:34 Uhr

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