Ansturm auf Notfallstationen – Hausärzte helfen

Zunehmend suchen Patienten bei Beschwerden direkt die Notfallstationen der Spitäler auf. Diese reagieren auf den Ansturm mit vorgelagerten, von Hausärzten betriebenen Notfallpraxen.

In der Notfallpraxis des Kantonsspitals Baden untersucht ein Hausarzt den verstauchten Finger einer Patientin.

In der Notfallpraxis des Kantonsspitals Baden untersucht ein Hausarzt den verstauchten Finger einer Patientin. Bild: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nirgends steigen die Gesundheitskosten so stark wie im ambulanten Spitalbereich. 2007 erhöhten sie sich um 6,8 Prozent auf 2,8 Milliarden Franken. Für den übermässigen Anstieg (insgesamt steigen die Gesundheitskosten um 4,7 Prozent) gibt es mehrere Gründe. So erfolgen dank des medizinischen Fortschritts Eingriffe und Rehabilitationen öfters ambulant – etwa Augenoperationen wegen des Grauen Stars. Mit Blick auf die Gesamtkosten im Gesundheitswesen ist dies erfreulich, kostet doch ein ambulanter Eingriff weniger als ein stationärer. Auch volkswirtschaftlich werden Kosten gespart, da die Patienten weniger lang ausfallen.

Weniger erfreulich sind die übrigen Gründe für den Ansturm auf die Notfallstationen. «Viele junge Menschen haben keinen Hausarzt mehr und begeben sich bei einem Leiden direkt ins Spital», sagt Bernhard Wegmüller, Direktor des Spitalverbands H+. Ähnlich verhält es sich mit Ausländern, die das Hausarzt-System nicht kennen und bei Beschwerden ebenfalls das Spital ansteuern. Kommt hinzu, dass die hausärztliche Notfallversorgung auf dem Land zunehmend ausgedünnt wird. Einerseits fehlen immer mehr Hausärzte, anderseits sind die verbliebenen nicht mehr bereit, allzeit erreichbar zu sein. Die Folgen: In den Notfallstationen der Spitäler stauen sich Patienten, die eigentlich gar nicht dorthin gehören.

Kantonsspital Baden als Vorreiter

Als erste auf diese Situation reagiert haben die Verantwortlichen des Kantonsspitals Baden. Seit Anfang 2007 führt das Spital neben der herkömmlichen Notfallstation eine Notfallpraxis, die gemeinsam mit Hausärzten der Umgebung betrieben wird. Hier werden leichtere Fälle behandelt, was die Notfallstation deutlich entlastet. Gleichzeitig wird in der Praxis der hausärztliche Notfalldienst abgewickelt; der Hausarzt, der abends und am Wochenende Dienst hat, untersucht die Patienten hier und kann bei Bedarf auf die Spitalinfrastruktur zurückgreifen. «Das Miteinander von Spital- und Hausärzten bewährt sich sehr», sagt Oberarzt Philipp Rahm. Im Durchschnitt werden täglich gegen 40 Patienten in der Notfallpraxis behandelt. Vor allem am Wochenende werde die Notfallstation dadurch deutlich entlastet. Zudem entstehen weniger Kosten. Denn auf Notfallstationen werden bei Patienten systematisch mehr Abklärungen gemacht als in der Notfallpraxis. «Hier kommt der reiche Erfahrungsschatz der Hausärzte zum Tragen», sagt Rahm.

Dieses «Badener Modell» macht zunehmend Schule. Im Kantonsspital Luzern wurde es im August eingeführt, im Bürgerspital Solothurn letzte Woche. «Ärzte und Patienten sind begeistert», sagt der Solothurner Spitaldirektor Jürg Nyfeler. So seien die Wartezeiten für Bagatellfälle massiv gesunken – von teilweise bis zu mehreren Stunden auf noch wenige Minuten. Diesem Beispiel wollen nächstes Jahr weitere Spitäler folgen, unter ihnen Basel-Bruderholz (BS), Bülach (ZH), Langenthal (BE), Liestal (BL), Olten (SO) sowie Wolhusen (LU). Eine Mischform besteht bereits am Universitätsspital Genf; dort wird die räumlich getrennte Notfallpraxis von Spitalärzten betrieben.

Entlastung durch «Walk-in»-Praxen

In der Stadt Zürich entlasten derweil vier so genannte «Walk-in»-Praxen die Notfallstationen. Vorbild dieser Einrichtungen, in denen Patrienten von früh bis spät ohne Voranmeldung behandelt werden, sind die Permanence-Notfallpraxen, wie es sie in der Deutschschweiz in den Bahnhöfen von Zürich, Bern und Luzern gibt. Seit letzter Woche existiert in Zürich zudem eine Notfallpraxis, in der auch operiert wird.

Trotz dieser Angebote hat sich auch das Stadtspital Waid entschieden, im März 2009 eine von Hausärzten betriebene Notfallpraxis zu eröffnen – sind doch die Notfälle von 14'326 im Jahr 2006 auf rund 16'000 im Jahr 2007 sprunghaft angestiegen. Einen anderen Weg geht das Stadtspital Triemli: Geplant ist, in der Umgebung des Spitals eine Quartiernotfallpraxis einzurichten, um die spitaleigene Notfallstation zu entlasten. Und das Universitätsspital Zürich setzt auf die Optimierung von Abläufen und eine frühere Trennung von Bagatell- und Notfällen.

Zerschlagen hat sich die Idee einer von Hausärzten betriebenen Notfallpraxis vorerst im Spital Limmattal in Schlieren. In einer nach den Sommerferien durchgeführten Konsultativabstimmung sprachen sich die Hausärzte der Region dagegen aus. «Viele befürchten, dass man sie im Spital wie Angestellte behandelt und dass ihnen bei der Arbeit dreingeredet wird», sagt René Schmid, Präsident des Ärztenetzwerks Zürich West. Definitiv gestorben sei die Idee jedoch nicht. «Nun braucht es noch mehr Information und Überzeugungsarbeit», sagt Schmid. Denn auch für ihn ist klar: Der Trend zur stärkeren Zusammenarbeit von Spitälern und Hausärzten ist unaufhaltsam. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.10.2008, 07:18 Uhr

Kommentare

Paid Post

Frühlingserwachen im höchstgelegenen Outlet der Schweiz

Der Frühling ist da und macht Lust auf Bewegung. Im Landquart Fashion Outlet bieten die mehr als 160 Premium-Marken jetzt eine noch grössere Auswahl an hochwertigen Basics für sportliche Höchstleistungen, und dies zu besonders attraktiven Preisen.

Die Welt in Bildern

Friede, Freude, Farbenrausch: Schülerinnen in Bhopal feiern das indische Frühlingsfest Holi. Das «Fest der Farben» ist ein ausgelassenes Spektakel, bei dem sich die Menschen mit Farbpulver und Wasser überschütten (19. März 2019).
(Bild: Sanjeev Gupta) Mehr...