Auch Lehrer finden Lohnforderungen zu hoch

Der oberste Lehrervertreter schliesst einen Streik nicht aus, sollten die Lehrer künftig nicht 20 Prozent mehr verdienen. Von der Basis wird indes Kritik laut.

Die aktuellen Einkommen der Lehrer in der Nordwestschweiz. (Grafik: BaZ)

Die aktuellen Einkommen der Lehrer in der Nordwestschweiz. (Grafik: BaZ)

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«Lohnerhöhungsforderungen von 20 Prozent sind schlicht überzogen und frech.» So kommentiert der Rheinfelder Bezirksschullehrer Werner Recher auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet die aktuelle Debatte zu den Lehrerlöhnen. Er habe mit Lehrern in seinem Umfeld gesprochen und diese teilten seine Meinung, so Recher weiter. Die meisten von ihnen fänden ihren Lohn ganz in ­Ordnung, wünschten sich aber weniger Bürokratie und weniger Ausfüllen von Formularen.

Sage und schreibe 20 Prozent mehr Lohn verlangen Lehrerinnen und Lehrer. Dies verkündete der Schweizerische Lehrerverband LCH kurz vor den Sommerferien. Verbandspräsident Beat W. Zemp doppelte gleich nach: Streik als letztes Mittel sei nicht ausgeschlossen. Diese Aussage löste in der Region Basel eine grosse Kontroverse aus – selbst unter Lehrern: Adrian Hofer, Schulleiter der Primarschule Aesch BL, sieht zwar eine grosse Mehrbelastung der Lehrer. «Die Anforderungen sind zweifellos gestiegen. Doch viel sinnvoller als mehr Lohn ist eine Überprüfung der Lehrerfunktion», sagt er. Fachteam- und Leitungsaufgaben müssten vermehrt belohnt werden, Lohnerhöhungen im Giesskannenprinzip würden wenig Sinn machen.

Unterstützung aus dem Landrat

Der Baselbieter Landrat Jürg Wiedemann (Grüne) hingegen hält die Forderung nach 20 Prozent mehr Lohn für absolut berechtigt. «Der Kanton Zürich beispielsweise hat die Lehrerlöhne massiv erhöht. Wenn wir die guten Lehrer halten wollen, müssen wir Schritt halten», sagt er. «Ich stelle fest, dass Lehrkräfte die Faust im Sack machen.» Nicht nur wegen des Lohnes, sondern auch aufgrund der vielen Reformen und Zusatzbelastungen. So ist er der Ansicht, dass man die Lehrer stärken muss: «Beim Entscheid zwischen separativer oder integrativer Schulform muss man sofort handeln können», sagt Wiedemann. Denn ein schwieriger Schüler brenne die Lehrer aus, belaste die Klassenstimmung. «Lehrer müssen die Kompetenz erhalten, die Notbremse zu ziehen.»

Dass der Lohn nur ein Teil des Problems ist, bestätigt ein Sekundarlehrer, der anonym bleiben will: Im Kanton Baselland würden den Lehrern zwar alle Privilegien wie Dienstaltersgeschenke und mehr zusammengestrichen, andererseits werde reformiert, angepasst und Weiterbildungen verlangt, die der Kanton nur halbherzig mitfinanziere. Er findet daher Zemps Forderungen mutig und richtig.

Reformen stehen an

Tatsächlich kommen auf die Schule Baselland grosse Veränderungen zu. So soll in zwei Jahren die Umstellung auf sechs Primar- und drei Sekundarschuljahre über die Bühne gehen. Einem Viertel der Seklehrer droht dann die Kündigung. Seit vergangenem Jahr wird Französisch schon ab der dritten Klasse unterrichtet. Und ab kommendem Jahr soll es Englisch schon in der Primar geben. Am meisten zu schaffen macht den Lehrern allerdings die integrative Schulung. Die Volksschule Baselland fördert die Integration von allen Schülern in Regelklassen, wenn auch in etwas geringerem Masse wie Basel-Stadt. Die Integration von auffälligen Kindern bringt allerdings mehr Unruhe in die Klassen und mehr Belastung für die Lehrer.

So hat in den Klassenzimmern das Teamteaching Einzug gehalten. Das heisst, dass zwei oder mehrere Lehrpersonen eine Klasse unterrichten. So sitzt vielleicht Sämi oder Sophie in der Schulbank, daneben eine Heilpädagogin, die jede Handlung beobachtet. Macht Sophie etwas falsch, wird sie geduldig korrigiert, möchte sie den Unterricht mit einem Zwischenruf stören, so legt sie ihr mahnend den Arm auf die Hand. Sie reicht ihrem Schützling Blätter und notiert sorgfältig jeden Lernfortschritt. Doch die Sophies und Sämis schiessen wie Pilze aus dem Boden. Mittlerweile brauchen über 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler eine Hilfestellung in der Schule. Und dann gibt es Evaluationen zum Integrationsartikel, Wohlfühlrunden, Weiterbildung zu Teamteaching und vieles mehr. Die Bildungskassen leeren sich, die Lehrer fühlen sich immer ausgepumpter und die Kinder verwirrter.

Keine Angst vor dem Streik

Der Baselbieter Bildungsdirektor Urs Wüthrich allerdings will von einer Überlastung der Lehrer nichts wissen. «Eine Überforderung stelle ich nicht fest», sagt er. Dank sorgfältiger Umsetzungsplanung sowie guten Weiterbildungsangeboten und Zusatzressourcen für den Mehraufwand sei die Bildungsharmonisierung in Baselland gut auf Kurs. Es gebe aber Lehrerinnen und Lehrer, die einzelnen Neuerungen und Reformen mit Kritik und Skepsis begegnen würden. Dies sei für ihn aber kein aussergewöhnlicher Vorgang.

Der Bildungsdirektor fürchtet sich auch nicht vor Klassenzimmern ohne Lehrer nach den Sommerferien: «Ich bin zuversichtlich, dass die Schüler in unserem Kanton auch nach den Sommerferien von engagierten – hoffentlich gut erholten – und bestens vorbereiteten Lehrpersonen unterrichtet werden», sagt er.

Das Wort Streik wird zwar von den Lehrern immer wieder mal in den Mund genommen. So demonstrierten rund 5000 Berner Lehrerinnen und Lehrer im November 2010 in der Bundesstadt. Sie forderten bessere Arbeitsbedingungen und angemessene Entlöhnung. Allerdings sind die Berner Löhne heute noch um einiges tiefer als jene in der Nordwestschweiz. Höher als in der Region Basel sind sie seit der vergangenen Lohnrunde im Kanton Zürich. Dort verdient eine Primarlehrkraft ohne Berufserfahrung über 90'000 Franken. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.07.2013, 10:01 Uhr

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