Hintergrund

Aufstand der Lehrer gegen zweite Fremdsprache

Der Fremdsprachenunterricht in der Primarschule sorgt seit seiner Einführung für Diskussionen. Nun setzen die Lehrer einen Hilferuf ab.

Ohne zusätzliche Unterstützung sei es nicht möglich, in der Primarschule zwei Fremdsprachen zu unterrichten, heisst es bei Lehrern: Schülerinnen und Lehrerin in einer Primarschule in der Ostschweiz.

Ohne zusätzliche Unterstützung sei es nicht möglich, in der Primarschule zwei Fremdsprachen zu unterrichten, heisst es bei Lehrern: Schülerinnen und Lehrerin in einer Primarschule in der Ostschweiz. Bild: Sophie Stieger

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Wechselt heute eine Familie den Wohnkanton, müssen die Kinder im Extremfall mehrere Jahre Englisch- oder Französischunterricht nachbüffeln. Jeder Kanton gestaltet den Fremdsprachenunterricht autonom. Die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) hat dies vor fast zehn Jahren erkannt und will seither den Fremdsprachenunterricht in den Kantonen einander angleichen. Die Primarschüler in der ganzen Schweiz sollen spätestens ab dem dritten Schuljahr die erste Fremdsprache und ab dem fünften Schuljahr die zweite Fremdsprache lernen. Um dies zu erreichen, müssen fast alle Kantone den Fremdsprachenunterricht in der Primarschule neu organisieren.

Nun schlagen die Lehrer Alarm: «Wenn es so weitergeht, wird die Fremdsprachenstrategie scheitern», sagt Beat Zemp, Präsident des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH). Die Fremdsprachenstrategie der Kantone gleiche einem Flickenteppich. Mit zwei Fremdsprachen in der Primarschule seien heute zudem nicht nur viele Kinder, sondern auch die Lehrer überfordert. Der Verband hat deshalb nach Umfragen unter den Lehrern in mehreren Kantonen eine Resolution mit acht Forderungen an die EDK vorbereitet. Die rund hundert LCH-Delegierten werden das Papier an ihrer Versammlung am 15. Juni mit grosser Wahrscheinlichkeit verabschieden. Die wichtigsten Punkte:

  • Der Fremdsprachenunterricht soll gemäss den Leitlinien der EDK umgesetzt werden. Das ursprüngliche Fremdsprachenkonzept der EDK würde in vielen Kantonen unterlaufen. Vielerorts würden die Fremdsprachen schon auf der Primarstufe benotet.
  • Für den Fremdsprachenunterricht in heterogenen Klassen brauche es zusätzliche Lehrkräfte.
  • Der Fremdsprachenunterricht müsse alle – auch die lernschwachen Kinder – erreichen. Benachteiligte Kinder müssten wie in Basel-Stadt bereits im Vorschulalter in den Genuss von Sprachförderung kommen, sagt Zemp. Vollständige Befreiungen von Lernzielen müssten aber die Ausnahme bleiben.
  • Den Lehrkräften soll eine angemessene Sprachausbildung geboten werden. «Auf Wunsch sollen die Klassenlehrpersonen kostenlos und während der Arbeitszeit die notwendigen Weiterbildungen für den Fremdsprachenunterricht erhalten», fordert Zemp.
  • Die Kantone müssten den Verfassungsauftrag bei der Harmonisierung des Fremdsprachenunterrichts erfüllen. Dazu Zemp: «Die Schweizer Stimmbevölkerung hat sich 2006 deutlich dafür ausgesprochen, den Bildungsartikel und damit die Angleichung des Fremdsprachenunterrichts in der Verfassung zu verankern.» Nun sollten die Kantone dies endlich umsetzen und für Englisch und die zweite Landessprache die gleichen Regelungen betreffend Beginn, Abfolge und Wählbarkeit festlegen.

Nur noch Wahlpflichtfach

Falls diese «Grundbedingungen für einen gelingenden Fremdsprachenunterricht» bis zum Schuljahr 2015/16 nicht umgesetzt werden, will der Lehrerverband beim Bund vorstellig werden. «Dann müsste die zweite Fremdsprache als Wahlpflichtfach eingeführt werden», sagt Zemp. Die Eltern könnten entscheiden, ob das Kind die zweite Fremdsprache bereits ab der 5. Klasse oder erst später erlernen soll. Am Ende sollen alle Kinder beide Fremdsprachen während mindestens drei Jahren gelernt haben. Lernschwache Kinder müssten sich allerdings nicht durch den wöchentlichen Unterricht quälen, sondern dürften den Fremdsprachenunterricht während der Sekundarschule als Sprachaufenthalt absolvieren, schlägt Zemp vor. Er rechnet damit, dass die Resolution mit grosser Mehrheit angenommen wird.

Der Präsident der Deutschschweizer EDK, Regierungsrat Christian Amsler, ermuntert die Lehrer, Geduld zu haben: «Es braucht nun Mut, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen und erste Erfahrungen mit dem neuen System zu sammeln», sagt er. Der Schaffhauser Bildungsdirektor signalisiert aber auch Kompromissbereitschaft: «Wenn es eine gute Lösung gibt, kann ich mir vorstellen, lernschwache Kinder von den Lernzielen zu befreien.» Amsler dürfte dies auch mit Blick auf gewisse Kantone vorschlagen.

Politischer Widerstand

Denn mit dem Umsetzen der Sprachenstrategie harzt es vielerorts – erst zwölf Deutschschweizer Kantone sind so weit; die anderen arbeiten daran oder warten zuerst die Einführung des Lehrplans 21 ab. Uri will die zweite Fremdsprache weiterhin erst ab der 7. Klasse unterrichten. In Graubünden hat ein bürgerliches Komitee eine Initiative lanciert, welche die Primarschule von der zweiten Fremdsprache befreien will. In den Kantonsparlamenten von Thurgau und Nidwalden haben Politiker, angeführt von SVP-Vertretern, zwei ähnliche und breit abgestützte Vorstösse eingereicht.

Die SVP sei dabei, weitere Vorstösse zu koordinieren, sagt Ulrich Schlüer, Alt-Nationalrat und Präsident der SVP-Bildungskommission. Zurzeit baue man eine Art Informationsdatenbank auf, die allen Kantonalparteien zur Verfügung stehen werde. «Der Fremdsprachenunterricht auf der Primarschulstufe muss generell abgebaut und der Mathematik- und Deutschunterricht wieder ausgebaut werden», fasst Schlüer das Ziel der SVP zusammen. Darin seien sich auch die sieben SVP-Bildungsdirektoren einig.

Neben den Bedenken der Politik und der Lehrerschaft erschwert auch die Mehrsprachigkeit der Schweiz eine vollständige Vereinheitlichung des Fremdsprachenunterrichts: In den Kantonen an einer Sprachgrenze – zum Beispiel Bern oder Baselland – lernen die Kinder als erste Fremdsprache Französisch oder Italienisch. In den restlichen Deutschschweizer Kantonen ist Englisch die erste Fremdsprache.

Der Bund müsste eingreifen

Sollten gewisse Kantone die zweite Fremdsprache aus der Primarschule verbannen, droht die Einmischung des Bundes. Denn durch das Konkordat zur Schulharmonisierung (Harmos), den Bildungsartikel in der Verfassung und das Sprachengesetz des Bundes sind die Kantone zu einer einheitlichen Fremdsprachenstrategie verpflichtet. Wenn sie sich bis zum Sommer 2015 nicht einigen, muss der Bund eingreifen und für alle verbindliche Regeln bestimmen. Das möchte Amsler verhindern. Ein Ausstieg der Kantone aus der Sprachenstrategie der EDK hätte auch Konsequenzen für den ersten für die Deutschschweiz einheitlichen Lehrplan 21, der Ende Juni der Öffentlichkeit vorgestellt wird. «In einem solchen Fall müssen wir den Lehrplan anpassen», sagt Amsler.

Erstellt: 06.06.2013, 06:29 Uhr

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