Länger schlafen? Nein, danke!

Der Kanton Bern fragte seine Gymnasiasten, ob sie lieber eine Stunde später zur Schule gehen wollen, um den ÖV zu entlasten. Sie wollen nicht.

Ein späterer Schulbeginn soll den öffentlichen Verkehr in Bern entlasten.

Ein späterer Schulbeginn soll den öffentlichen Verkehr in Bern entlasten. Bild: Urs Baumann

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Prognosen sind unmissverständlich: Bis 2030 wird der öffentliche Verkehr um 25 Prozent, der Strassenverkehr sogar um 55 Prozent zunehmen. Die Folgen sind schon jetzt absehbar: stundenlang dauernde Staus und überfüllte Trams, Busse und Nahverkehrszüge. Vor allem am Morgen droht vielerorts ein Verkehrskollaps.

Verursacht durch Pendler, die sich an einheitliche Arbeitszeiten halten müssen, aber auch durch Schüler, welche pünktlich im Klassenzimmer zu erscheinen haben. Allein im Raum Bern sind fast 48'000 Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe 2, Berufsschüler, Gymeler und Studierende allmorgendlich und praktisch zeitgleich unterwegs – ein Grossteil von ihnen mit dem öffentlichen Verkehr.

Umfrage in Schulen

Diese Zielgruppe hat die Berner Verkehrsdirektorin Barbara Egger (SP) nun ins Visier genommen. In einer Onlinebefragung an den Gymnasien Kirchenfeld und Neufeld in Bern und Lerbermatt in Köniz wollte sie von Schülern, Eltern und Lehrern wissen, was sie von einem späteren Schulbeginn zur Entlastung des ÖV halten. Mit 939 Schülerinnen und Schülern, 326 Lehrpersonen und 1119 Eltern resultierte eine statistisch aussagekräftige Rücklaufquote. Über 80 Prozent der Schüler, über 70 Prozent der Eltern und 78 Prozent der Lehrer möchten am Schulbeginn um acht Uhr festhalten.

Immerhin: Eine Alternative wie ein 9-Uhr-Schulbeginn an einzelnen Tagen wäre für eine Mehrheit der Schüler (62 Prozent), der Eltern (61 Prozent) und Lehrer (53 Prozent) «vorstellbar». Unter einem späteren Schulbeginn, so die Befürchtung der Schüler, würden ihre gewohnten Freizeitaktivitäten leiden. Kaum Auswirkungen hätte ein 9-Uhr-Stundenplan hingegen aufs Schlafverhalten.

Beachtliches Potenzial

Die Resultate der Gymeler-Umfrage dürften für die Verkehrsplaner ernüchternd sein. Denn das Potenzial der ÖV-Entlastung bei einem späteren Schulbeginn ist beachtlich: Rund 70 Prozent der Befragten gaben an, für ihren Schulweg die Bahn, das Tram oder den Bus zu nehmen. Nur 30 Prozent nehmen das Velo oder gehen zu Fuss zur Schule. Nicht zuletzt deshalb will die Berner Verkehrsdirektorin Barbara Egger das erstmals in der Schweiz aufgegriffene Thema nicht einfach ad acta legen. «Wir arbeiten weiter daran», erklärte sie am gestrigen «Berner Verkehrstag».

Nun würden ganz konkret kleinere Massnahmen geprüft wie etwa ein späterer Schulbeginn an einem einzelnen Wochentag. Dies in Absprache mit den Gymnasien und mit der Erziehungsdirektion. «Wir werden jetzt nach Massnahmen suchen mit einzelnen Schulen und zwar nicht nur mit den Gymnasien, sondern auch mit den Berufsschulen», bestätigt Theo Ninck, der Vorsteher des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes.

Die Umfrageergebnisse hätten ihn nicht überrascht, ein generelles Verschieben des Schulbeginns sei nicht beliebt: «Die Jungen haben ihre Netzwerke in der Freizeit und im Sport, die sie nicht gerne aufgeben.» Um dennoch die Verkehrsspitzen etwas zu entlasten, appelliert Ninck, doch vermehrt das Velo zu nehmen oder bei kurzen Distanzen zu Fuss zu gehen.

Erstellt: 21.08.2015, 10:16 Uhr

Enormes Sparpotential

Die alltäglichen Spitzen vor allem im Morgenverkehr kosten heute schon Millionen und werden in Zukunft noch viel mehr kosten. Das geht aus einer von den SBB, der Berner Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion, der Post und der Swisscom lancierten Studie hervor, die am Berner Verkehrstag vom Freitag präsentiert wurde.

Auslöser für die vom Büro Ecoplan im Raum Bern erhobenen Untersuchung ist die Work-Smart-Initiative, welche flexible Arbeitszeiten fördern und dadurch die Hauptverkehrszeiten entlasten will. Denn das Gedränge zu den Spitzenzeiten ist auch zu einer finanziellen Belastung geworden. Die Massnahmen wie Zusatzzüge und Zugverlängerungen im S-Bahn-Netz und im Fernverkehr sowie die zusätzlichen Kurse von Postautos, Bussen und Trams von Bernmobil kosten heute schon mehr als 40 Millionen Franken pro Jahr.

Das Sparpotenzial bei einem geänderten Mobilitätsverhalten ist enorm. Die Ecoplan-Studie geht von einer möglichen Verkehrsentlastung um 20 bis 30 Prozent aus. Was laut SBB-CEO Andreas Meyer allein im Kanton Bern Einsparungen von jährlich 10 Millionen Franken bringen könnte. Gesamtschweizerisch liegt das Sparpotenzial sogar bei 150 Millionen Franken im Jahr. «Die Zahlen aus der Studie sind eindrücklich», sagte der SBB-Chef, flexiblere Arbeitszeiten seien deshalb «ein superrelevantes Thema».

Der Kanton Bern kenne das Angebot flexibler Arbeitszeiten bereits, ergänzte Barbara Egger. Jetzt gehe es darum, die Mitarbeiter zu motivieren. Die Verkehrsdirektion will mit gutem Beispiel vorangehen. «Ich werde meinen Sekretär anweisen, keine Sitzungen mehr um acht Uhr anzusetzen», beteuerte sie, «aber auch nicht früher» uz

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Paid Post

Blasenentzündung? Ein schneller Test bringt Klarheit

Sie bemerken Anzeichen einer Blasenentzündung? Ein unkomplizierter Test schafft Klarheit und verhindert eine Antibiotika-Behandlung.

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...