Besuch in der neuen Bundes-Flüchtlingsunterkunft in Allschwil

Bern hat die Asylunterkunft Atlas übernommen – und ist trotz anfänglicher Bedenken über den Betriebsverlauf zufrieden.

Enge Platzverhältnisse: Flüchtlingsfamilien arrangieren sich mit den kleinen Vierer-Zimmern im Atlas.

Enge Platzverhältnisse: Flüchtlingsfamilien arrangieren sich mit den kleinen Vierer-Zimmern im Atlas. Bild: Dina Sambar

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Die Asylunterkunft Atlas in Allschwil wirkt auf den ersten Blick wie ein Ferienlagerhaus in den Bergen – wären da nicht ein Zaun und die Security-Leute, die rund um die Uhr anwesend sind. Seit rund drei Monaten herrschen hier strengere Regeln. Das ehemalige Asylbewerberheim der Gemeinde ist neu die Aussenstelle des Empfangs- und Verfahrenszentrums (EVZ) in Basel (siehe Box), dem grössten der fünf EVZ des Bundesamtes für Migra­tion. Das Atlas steht somit unter der Obhut des Bundes, der diese Sicherheitsmassnahmen vorschreibt. Trotzdem unterscheidet sich das Atlas von anderen Bundeszentren.

Thomas* aus Nigeria steht in der Gemeinschaftsküche und kocht sich Spaghetti mit einer scharfen Tomaten-Zwiebel-Sauce. Marina* aus Serbien wärmt Karotten und Erbsen. «Thomas ist ein guter Typ», meint sie. Sahin* aus Bangladesh preist wiederum Marinas Kochkünste. Im Atlas bereitet sich jeder sein Essen selber zu – wann er will und wie er will. Jeder Bewohner erhält dafür acht Franken pro Tag. ­Diese Selbständigkeit ist ein Novum für eine Bundesunterkunft. Zum Vergleich: Im EVZ Basel kaufen die Asylsuchenden nicht selber ein. Dort gibt es zu fixen Zeiten fertig vorbereitete Mahlzeiten.

Kochen hebt die Stimmung

«Die Sicherheitsexperten hatten zuerst Bedenken wegen dieses Koch­regimes, denn in einer Küche hat es Messer. Doch es gibt deswegen überhaupt keine Probleme», sagt EVZ-Leiter Roger Lang. Das Gegenteil sei der Fall: «Einkaufen und Kochen nehmen relativ viel Zeit in Anspruch. Beschäftigte ­Leute sind zufriedener und haben weniger Zeit, um auf dumme Gedanken zu ­kommen.»

Atlas-Leiter Marco Tschopp bestätigt: «Schon als wir eine Gemeinde­unterkunft waren, haben wir mit dem Kochen sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Familien laden sich untereinander ein. Es herrscht eine gute Stimmung.» Thomas, der mittlerweile mit seiner Tomatensauce fertig ist, ­bestätigt das: «Ich finde es angenehm, selber zu kochen. Ich esse generell nicht so gerne auswärts, sondern lieber, was zu Hause zubereitet wurde. Darf ich ­Ihnen auch einen Teller anrichten?» Der 33-Jährige wurde, nach eigenen Aus­sagen, als gläubiger Christ in Nigeria von einer muslimischen Sekte drang­saliert. Missionare hätten ihn in die Schweiz gebracht. Er hofft, mindestens bis im Oktober bleiben zu können, danach sei die Situation in seiner Heimat für ihn nicht mehr so kritisch.

Das Atlas ist mit seinen flexibleren Regeln nicht für alle Asylbewerber geeignet: «Wir steuern das ein bisschen. Leute, die bereits im EVZ negativ auffallen, dürfen nicht hierher», sagt Lang. Denn nicht nur bei der Verpflegung sind die Regeln hier lockerer. Im EVZ müssen beispielsweise alle spätestens um viertel nach Acht aufstehen. Im Atlas gibt es nur Tagwachzeiten für jene, die Putzdienst haben. In Basel dauert der Ausgang maximal bis 17 Uhr, in Allschwil bis 21 Uhr.

Für renitentes Verhalten wie beispielsweise das Rauchen im Haus oder Tramfahren ohne Billett, gibt es im Atlas denn auch nur eine Sanktion, die ­jedoch sehr wirksam sei – zurück ins EVZ. Der Grund für die unterschied­lichen Regeln sei die Grösse der Betriebe. Im EVZ leben zurzeit rund 300 Personen (Kapazität rund 400) und im ­Atlas 84 (Kapazität 150): «Das EVZ ist vergleichsweise ein Massenbetrieb. Dort wäre eine solch individuelle Tages- struktur nicht zu handhaben», sagt Lang. Auch die Unterbringungssitua­tion ist im Atlas angenehmer. Dank Vierer-Zimmern haben Familien hier meist einen eigenen Raum, den sie abschliessen können. Diese Privatsphäre ist im EVZ, mit seinen Zwölfer-Zimmern nicht gegeben.

Aldijana*, eine bosnische Roma, findet jedoch, dass sie schon lange genug in einer Gemeinschaftsunterkunft leben musste: «Das alles macht mich nervös hier. Ein Studio für mich und meine Brüder wäre viel besser.»

Auch die 30-jährige Djulka Amzic bewohnt mit ihrem Mann und den zwei Töchtern ein solches Vierer-Zimmer. Darin stehen zwei Etagenbetten und blaue Blech-Spinde. Sie findet die Stimmung und die Betreuer im Atlas sehr angenehm. Trotzdem sei es nicht einfach, auf so engem Raum zu leben: «In Serbien haben wir ein 540 Quadratmeter grosses Haus. Für die Kinder ist das nicht einfach. Auch kommen die Leute hier aus sehr verschiedenen Umständen. Viele sind nicht gebildet», sagt Amzic. Sie selbst stamme aus einer reichen Familie, und sei hier, weil ihr Bruder, ein mehrfacher Mörder, ihr nach dem Leben trachte. Sie holt Zeitungs­artikel hervor, die ihre Geschichte belegen sollen, und zeigt auf eine Narbe im Gesicht ihrer Tochter, die von einer ­Attacke ihres Bruders stamme.

Der ermordete Vater

Auch Sahin hat Zeitungsausschnitte aus Bangladesh dabei. Sein Vater, ein Politiker, sei vor Jahren ermordet worden. Nun seien dieselben Leute hinter ihm her, weil auch er in die Politik ­eingestiegen sei.

Nicht alle Schicksale stellen sich am Ende als wahr heraus. Für die Mitar­beiter des Atlas ist es nicht immer einfach, wenn Bewohner gehen müssen. Im Moment sitze beispielsweise ein ­Familienvater in Ausschaffungshaft, während die Mutter mit den Kindern noch hier sei, erzählt Tschopp: «Die Frau hatte Panik, dass sie ihren Mann nie wieder sehen wird, als dieser von der Polizei abgeholt wurde. Das war schon schwierig.» Sie habe sich etwas beruhigt, als man ihr versichern konnte, dass sie nur gemeinsam ausgewiesen würden. Die meisten Atlas-Bewohner werden die Schweiz wieder verlassen müssen – wenn nötig unter Zwang.

*Name geändert (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.05.2013, 11:35 Uhr

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