Analyse

Bevölkerungswachstum: Die SVP operiert mit zweifelhaften Zahlen

Die Volkspartei rechnet bis 2060 mit über 16 Millionen Einwohnern – 5 Millionen mehr als der Bund in seinem Extremszenario. Das BFS bezeichnet dies als unseriös.

Zuwanderung begrenzen: Mit der Initiative will die SVP das von ihr errechnete Szenario verhindern.

Zuwanderung begrenzen: Mit der Initiative will die SVP das von ihr errechnete Szenario verhindern.

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Die Schweiz platzt aus allen Nähten: Dieses Bild zeichnet die SVP in Inseraten, mit der sie knapp drei Wochen vor dem Urnengang für ihre Einwanderungsinitiative wirbt. Die Volkspartei warnt, 2060 würden ohne Steuerung der Zuwanderung 16,3 Millionen Menschen in unserem Land leben – doppelt so viel wie aktuell. Über die Hälfte davon seien Ausländer. Zum Vergleich: Die Niederlande, praktisch gleich gross wie die Schweiz, zählen mit ihren rund 17 Millionen Einwohnern zu den am dichtesten besiedelten Staaten der Welt.

Wie die SVP zu ihrer Prognose kommt, deutet sie im Kleingedruckten an: Es handle sich um eine «lineare Hochrechnung der masslosen Zuwanderung seit der vollen Personenfreizügigkeit im Jahr 2007». Als Quelle zitiert die SVP das Bundesamt für Statistik (BFS). Dort zeigt man sich verärgert über diese Nennung, die der Berechnung einen offiziellen Anstrich gibt. «Wir distanzieren uns davon», sagt BFS-Sprecher Marius Widmer. Die von der SVP angewandte Methodologie geht laut BFS von einer linearen Extrapolation der Einwanderung aus. Sie entbehre damit jeder wissenschaftlichen und demografischen Basis.

Bund hat sich schon verrechnet

Das Problem aus Sicht des BFS: Die SVP nimmt die durchschnittliche jährliche Zuwachsrate der letzten fünf Jahre bei den Schweizern (+0,59 Prozent) und Ausländern (+3,14 Prozent) und rechnet ein sogenannt geometrisches Wachstum hoch. Mit dem Effekt, dass die Bevölkerungszahl lawinenartig anschwillt. Ein Beispiel illustriert die Dimension: Ausgehend vom Bevölkerungswachstum zwischen 1957 und 1962 müssten in der Rechenart der SVP heute mehr als 80 Millionen Ausländer in der Schweiz leben, wie das BFS erläutert.

Im eigenen Szenarien aus dem Jahr 2010 kommt das BFS auf viel tiefere Werte, weil es andere Faktoren wie die Entwicklung der Wirtschaft, Abwanderung und Fruchtbarkeit berücksichtigt. Demnach leben 2060 in der Schweiz – je nach Szenario – zwischen 6,8 Millionen und 11,3 Millionen Einwohner beziehungsweise zwischen 1,3 und 2,8 Millionen Ausländer. Allerdings hat das BFS die tatsächliche Entwicklung in der Vergangenheit teils «stark» unterschätzt, nicht nur beim Migrationspotenzial, sondern auch bei anderen Faktoren wie der Fruchtbarkeit; dies geht aus dem Bericht «Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung der Schweiz 2010–2060» hervor. Das BFS versichert, darauf reagiert zu haben und in den neuen Szenarien mit höheren Werten zu rechnen. Und es betont, die Realität habe zwar das Szenario «mittel» wiederholt übertroffen, nie aber das Szenario «hoch». Als Beispiel nennt das Bundesamt das Jahr 2012: Das Szenario «hoch» weist per Ende jenes Jahrs 8'065'440 Einwohner aus. Die tatsächliche Zahl lag darunter, mit 8'039'060 allerdings nur geringfügig.

Zwist wie bei den Muslimen

BFS und SVP streiten nicht zum ersten Mal miteinander. Vor der Abstimmung über erleichterte Einbürgerungen 2004 haben unter anderem SVP-Politiker mit umstrittenen Hochrechnungen zur Entwicklung der Zahl der Muslime operiert. Als Basis diente auch damals eine statistisch ausgewiesene Entwicklung des BFS. Daraus erstellte das überparteiliche Komitee um den damaligen SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer eine Prognose mit dem Titel «Muslime bald in der Mehrheit». Vergeblich beklagte sich das BFS, die Inserate erschienen weiter – was den Ethikrat der öffentlichen Statistik der Schweiz zur Rüge veranlasste, das Komitee habe die ethischen Grundsätze der Statistik wohl wissentlich «in grober Art und Weise» verletzt.

Die SVP bestreitet, das Volk mit Rechentricks in die Irre führen zu wollen. «Das Inserat ist nicht mehr und nicht weniger wissenschaftlich als andere Hochrechnungen auch», sagt SVP-Generalsekretär Martin Baltisser. Er verweist auf die «Wissenschaft», auf die sich der Bundesrat gestützt habe, als er der Bevölkerung die Personenfreizügigkeit habe schmackhaft machen wollen. Damals habe die Landesregierung eine Zuwanderung von jährlich 8000 Personen vorausgesagt. 2013 seien jedoch 84'000 Personen mehr ein- als ausgewandert.

Erstellt: 21.01.2014, 08:31 Uhr

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