Bund sagt resistenten Bakterien den Kampf an

Mit einer nationalen Strategie soll der Antibiotikaeinsatz in der Human- und Tiermedizin verringert werden.

MRSA-Bakterien in einer Petrischale: Die antibiotikaresistenten Stämme sind eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit. Foto: Reuters

MRSA-Bakterien in einer Petrischale: Die antibiotikaresistenten Stämme sind eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit. Foto: Reuters

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In Europa verursachen Infektionen mit antibiotikaresistenten Bakterien jährlich schätzungsweise 25'000 Todesopfer. Zur Schweiz gibt es keine spezifischen Zahlen. Aber auch hierzulande sind Spitäler immer öfter mit Bakterien konfrontiert, die nur noch schwer oder in einzelnen Fällen gar nicht mehr zu bekämpfen sind. Ein Grund dafür, dass immer mehr resistente Keime auftreten, ist der übermässige und unsachgemässe Einsatz von Antibiotika. Deshalb haben mehrere Bundesämter eine nationale Strategie ­gegen Antibiotikaresistenzen erarbeitet. Darin ist jedoch wenig von Verboten und Vorschriften die Rede. Oberstes Ziel ist es, durch Aufklärung und Kontrolle den Verbrauch der Antibiotika zu reduzieren. So verschreiben Ärzte diese Mittel immer noch zu häufig bei viralen Atemwegsinfektionen, um präventiv bakteriellen Infekten vorzubeugen.

Zu den zentralen Gegenmassnahmen des Bundes gehört die Überwachung des Antibiotikaverbrauchs in der Human- und Tiermedizin sowie in der Landwirtschaft. Dazu wird die Anresis-Datenbank ausgebaut, eine Plattform des Schweizerischen Zentrums für Antibiotikare­sistenzen. Ziel ist es, dass im Humanbereich nicht nur Spitäler ihren Antibiotikaverbrauch erfassen, sondern auch ambulante Versorger. Laut Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) hält sich der Aufwand in Grenzen. Da Antibiotika rezeptpflichtig seien, könne über die Apotheken der ambulante Verbrauch gut erhoben werden. Zudem will der Bund eine Meldepflicht für bestimmte resistente Bakterien einführen.

Ohne Antibiotika geht es nicht

Für die Anwendung von Antibiotika werden mit den ärztlichen Fachgesellschaften Richtlinien erarbeitet. Die Therapiefreiheit der Ärzte bleibe aber gewährleistet, sagte Koch. Solche Richtlinien sollen auch in der Tiermedizin angewendet werden. Nicht zuletzt der hohe Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft fördert resistente Bakterien, die sich auf den Menschen übertragen. In der Schweiz werden pro Jahr 50 bis 60 Tonnen Antibiotika an Tiere verabreicht. Etwa ein Drittel der Antibiotika landet über Mist und Gülle im Boden und im Wasserkreislauf. Gleichzeitig ist geplant, Anresis auch als Datenbank für Resistenzen in der Tiermedizin und der Landwirtschaft anzuwenden.

Im Gegensatz zur Humanmedizin will der Bund in der Tiermedizin die Behandlungsrichtlinien für verbindlich erklären. Geplant sind Therapierichtlinien für jede Tierart. Eine antibiotikafreie Landwirtschaft sei jedoch unrealistisch, sagte Dagmar Heim vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Auch kranke Tiere hätten ein Recht darauf, dass sie behandelt würden. Ziel sei jedoch, den Verbrauch von Antibiotika zu reduzieren. Insbesondere soll die Anwendung sogenannter kritischer Antibiotika eingeschränkt werden. Als solche gelten jene, die bei schweren Krankheitsfällen von Menschen verwendet werden, wenn normale Antibiotika nicht mehr anschlagen. Für die Anwendung kritischer Antibiotika bei Tieren plant der Bund rechtlich verbindliche Richtlinien. Verboten werden soll zudem die Abgabe kritischer Antibiotika auf Vorrat an Bauern.

Auch Spitalhygiene hilft

Der Einsatz von Antibiotika kann aber auch gesenkt werden, indem Infektionen vermieden werden, etwa mit strikter Anwendung der Hygienemassnahmen in Spitälern. Auch die Grippeimpfung hilft aus Sicht des BAG, bakterielle Infekte zu vermeiden. Denn die von Viren ausgelöste Grippe wird oft begleitet von bakteriellen Infekten, die Lungenentzündungen auslösen.

Eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit geht vor allem von MRSA-Bakterienstämmen aus. Die Bakterien (Staphylococcus aureus) kommen auf der Haut vor, ohne eine Erkrankung hervorzurufen. Bei geschwächtem Gesundheitszustand oder nach schweren medizinischen Eingriffen in Spitälern können die Bakterien jedoch schwere Infektionen auslösen. Bei den resistenten Stämmen helfen Antibiotika der ersten Wahl (Methicillin) meist nicht mehr, was die Behandlung schwierig macht.

Die Schweiz liegt bei der Anzahl resistenter Bakterienstämme in der Humanmedizin im Mittelfeld. Die Situation ist laut BAG im Vergleich zu Frankreich, Italien, England sowie ost- und südeuropäischen Ländern besser. In Skandinavien und den Niederlanden treten jedoch weniger resistente Keime auf. Auch im Veterinärbereich bezeichnen die Behörden die Situation in der Schweiz als noch vergleichsweise gut. Allerdings bereitet hier das zunehmende Auftreten von Resistenzen gegenüber kritischen Antibiotikagruppen Sorgen.

Erstellt: 15.12.2014, 21:10 Uhr

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