Das Gegenteil der Griechen

Die Schweizer Aussenpolitik ist leise, technokratisch und diskret.

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Wenn die Schweiz einen besonderen aussenpolitischen Trumpf besitzt, dann ist es das Ungleichgewicht zwischen wirtschaftlicher Potenz und politischer Bedeutung. Auf der politischen Landkarte Europas blieb die Schweiz lange Jahre nahezu unsichtbar. Sie kultivierte das Bild eines Landes gepflegter ­politischer Langeweile: ohne Streiks, ohne Regierungswechsel, ohne international verwertbare politische Figuren. Und vor allem: ohne internationale ­Ambitionen.

Dafür schiebt die kleine Schweiz in wirtschaftlicher Hinsicht lange schon die Bugwelle einer Mittelmacht vor sich her. Nicht die Logik der Politik, sondern die Logik des Wirtschaftens hat jahrzehntelang den internationalen Umgang mit der Schweiz geprägt. Sie kam unbeschadet durch den Zweiten Weltkrieg, weil sie als neutrale Finanzdrehscheibe mehr hergab denn als Kriegstrophäe. Im Kalten Krieg wurde sie dank ihrer Zurückhaltung und trotz Westeinbindung auch im Osten als Treuhänderin akzeptiert. Seither baute sie sehr erfolgreich bilaterale europäische Beziehungen im Geist des wirtschaftlichen Pragmatismus. Sie war erfolgreich, weil es ihr gelang, die Scheinwerfer schriller Symbolpolitik zu meiden.

Eitle Pfauen und kluge Raben

Aussenpolitik nach Schweizerart ist das Gegenteil dessen, was die neue Linksregierung Griechenlands in den letzten Wochen geräusch- und effektvoll der europäischen Öffentlichkeit vorgeführt hat, als sie mit Vollgas auf einen Crash mit der übermächtigen Eurogruppe zusteuerte. Mit Gegenteil ist jedoch nicht schwach und nachgiebig gemeint, sondern leise, technokratisch und diskret. Der entscheidende Denkfehler der hiesigen nationalkonservativen Bewunderer der standhaften Griechen liegt darin, dass sie im falschen Gegensatzpaar gefangen sind.

Das Weltbild von Blocher und seinesgleichen ist geprägt von stolzen Falken und jämmerlichen Tauben. Sie vergessen, dass der Gegensatz manchmal auch zwischen eitlen Pfauen und klugen Raben verläuft.

Der Weg von Tsipras und Varoufakis ist der Weg maximaler Öffentlichkeit, maximaler Symbolkraft und maximaler Provokation. Jede Reaktion darauf erhält damit eine bedeutende politische Kraft – weit über das Ökonomische hinaus. Für die europäischen Entscheidungsträger geht es nicht nur um Schulden, sondern auch um die Wirkung eines allfälligen Nachgebens gegenüber der linksoppositionellen Podemos in Spanien. Mehr noch. Auf dem Spiel steht die politische Dynamik innerhalb Europas.

Das ist keine Kritik an Griechenland. Syrizas operative Linie bringt das darbende Land womöglich mittelfristig ans Ziel. Die Provokationen führten zwar vorerst zu geschlossenen Reihen um den deutschen Finanzminister Schäuble. Mit seiner von der Bevölkerung mitgetragenen Vehemenz hat Tsipras jedoch zugleich die griechische Verzweiflung ins politische Bewusstsein Europas gehämmert. Es ist eine alte Erfahrung: Wer sein Leid am eindrucksvollsten zu inszenieren weiss, kommt bei Wohltätern meist am besten davon. Genau hier liegt der entscheidende Unterschied zur Schweiz. Dem wohlgenährten, selbstzufriedenen Schweinchen mitten in Europa nimmt die Verzweiflung niemand ab. Da kann der Bundesrat noch so lange die Lederjacke überziehen und in Brüssel Stärke markieren.

Kein Drama für die Schweiz

Schuld daran ist nicht zuletzt die Bevölkerung selber, der es an Mut und Entschlossenheit fehlt. Es war schliesslich die Basis, die Ecopop eine überdeutliche Abfuhr erteilte. Damit haben die Stimmberechtigten den europäischen Verhandlungspartnern längst gezeigt, dass sie offenbar nur an der Zuwanderung leiden, bis sie einen wirtschaftlichen Preis für deren Begrenzung zahlen müssten.

Aussenpolitik nach Schweizerart lief immer dann am erfolgreichsten, wenn es ihr gelang, abseits grosser Inszenierungen und symbolischer Gesten gegenseitige wirtschaftliche Interessen aufzuzeigen. Griechisches Drama beherrschen wir Schweizer nicht. Doch genau in diese Rolle versucht uns die SVP seit Jahren zu drängen mit ihren krawalligen Volksinitiativen, die eine grosse symbolische Wirkung und eine schmale inhaltliche Reichweite haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.03.2015, 23:39 Uhr

Michael Hermann

Der Politgeograf wechselt sich mit der Autorin und Schauspielerin Laura de Weck und dem Ex-Preisüberwacher Rudolf Strahm ab.

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