Das Genf von Wanzen, Tricks und Spionen

Was Geheimdienste in die Rhonestadt zieht und welche Affären den Ort in die Schlagzeilen brachten.

Durchlässiges Schutzschild: Den Virenangriff auf die Atomverhandlung im Genfer Hotel President Wilson konnten die klassischen Sicherheitsmassnahmen nicht abwehren. (14. Januar 2015)

Durchlässiges Schutzschild: Den Virenangriff auf die Atomverhandlung im Genfer Hotel President Wilson konnten die klassischen Sicherheitsmassnahmen nicht abwehren. (14. Januar 2015) Bild: Keystone

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Und wieder steht Genf im Rampenlicht: Die Atomverhandlungen zwischen dem Iran und dem Westen wurden ausspioniert – mit einer Virenattacke. Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) hat verdächtige Handlungen festgestellt und bei den Strafverfolgungsbehörden Anzeige erstattet. Die Bundesanwaltschaft ermittelt. Indizien weisen auf Israel als Urheber der Spionage hin.

Dass es erneut Genf trifft, verwundert kaum. In einer Stadt mit solcher Diplomatendichte liegen Informationen fast an jeder Strassenecke. Es gilt nur, sie aufzuheben – respektive abzufangen. Nahezu alle der 193 UNO-Mitgliedsstaaten haben in Genf eine ständige diplomatische Vertretung. Genf beheimatet nach New York die meisten Diplomaten weltweit. Am Genfersee sind 32 internationale Organisationen ansässig. Rund 42’000 Menschen arbeiten im «internationalen Genf». Eine hohe Dichte dieser Organisationen dürfte mit einer grossen Zahl von Nachrichtendienstlern einhergehen.

Als Diplomat getarnt

Es ist nicht unüblich, dass Botschaften für Spionage benutzt würden, sagt David Sylvan, Professor am Genfer Institut für internationale Politik und Entwicklung, gegenüber der NZZ. Agenten und Nachrichtentechniker reisen teilweise als diplomatisches Personal ein und geniessen auch dessen Privilegien.

Rund 100 ausländische Geheimdienstler sollen es laut der SRF-Sendung «Schweiz Aktuell» von 2013 sein. Der Genfer Anwalt Marc Bonnant hält diese Zahl für stark untertrieben. Denn prinzipiell sei jeder Landesvertreter ein Informant.

Also ist Diskretion eminent wichtig. Aufgeflogene Aktivitäten gelten im Spiel der Geheimdienste als Niederlage.

Immer wieder gelangten Affären und Fälle mit (vermuteten) Aktivitäten der Geheimdienste an die Öffentlichkeit. Eine Auswahl:

  • Der Fall Uwe Barschel

1987 kam es im nördlichsten Bundesland Deutschlands zu einem der grössten Skandale der Nachkriegszeit. Im schleswig-holsteinischen Wahlkampf lieferten sich der amtierende CDU-Ministerpräsident Uwe Barschel und die Opposition eine regelrechte Drecksschlacht, die immer weiter eskalierte. Barschel trat am 2. Oktober 1987 zurück. Neun Tage später wurde er im Hotel Beau-Rivage in Genf tot in der Badewanne seines Zimmers aufgefunden. Er starb an einer Medikamentenvergiftung. Die Umstände sind weiterhin ungeklärt. Selbstmord ist möglich, aber auch Fremdeinwirken kann nicht ausgeschlossen werden, weswegen nicht nur Verschwörungstheoretiker den Tod Barschels mit Geheimdiensten in Verbindung bringen.

Ein Toter kam auf das Titelbild: Ein «Stern»-Reporter fotografierte Barschels Leichnam in Genf. (Foto: Stern; G+J; 1987)

  • Der Fall Mary Robinson

Die ehemalige irische Staatspräsidentin Mary Robinson war von 1997 bis 2001 UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte in Genf. Während der Jugoslawienkriege kritisierte sie besonders die USA scharf. Der mit den Amerikanern befreundete britische Auslandsgeheimdienst MI6 pflanzte Wanzen, um Robinson «auszuspionieren», wie der ehemalige Ex-Agent Richard Tomlinson sagte.

Verwanzt: Die ehemalige UNO-Menschenrechtskommissarin Mary Robinson. (Foto: Keystone; Archiv)

  • Der Fall Luxusauto

Die USA und Japan stritten Mitte der 1990er-Jahre über Strafzölle für Luxusautos. Sowohl die Amerikaner als auch die Japaner wollten jeweils im eigenen Land verhandeln, also einigte man sich auf das neutral Genf. Dort hörte die NSA Gespräche zwischen Vertretern von Nissan und Toyota mit japanischen Diplomaten ab. Das schreibt der Autor James Bamford in dem Buch «Body of Secrets». Nach den Gesprächen hielt der amerikanische Unterhändler Mickey Kantor im Hotel Intercontinental eine Pressekonferenz und berichtete, von Präsident Bill Clinton beauftragt worden zu sein, «jeden Aufwand» für den Erfolg der Verhandlungen zu unternehmen.

  • Der Fall des betrunkenen Bankers

Die Enthüllungen von Edward Snowden zeigten: Im Zusammenhang mit dem Steuerstreit zwischen der Schweiz und den USA heuerte der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA einen Banker als Informanten an – mit einer perfiden, filmreifen Methode. Der Banker wurde von zwei CIA-Mitarbeitern abgefüllt, kam in eine Verkehrskontrolle der Polizei und wurde dann von Agenten aus der Situation «rausgeholt» – als Gegenleistung verlangten die Amerikaner sensible Bankdaten.

Der Ausgangspunkt war die amerikanische Mission in Genf. Dort sitzen auch Abhörprofis von CIA und NSA zusammen unter dem Namen «Special Collection Service» (SCS).

Die grosse Empörung der offiziellen Schweiz blieb auch im letzten Fall aus. «Die Schweizer Regierung hat seit langem von den Spionen in Genf gewusst», sagt der Genfer SP-Nationalrat Carlo Sommaruga. Doch sie habe nichts unternommen, weil meistens Nachrichtendienste befreundeter Staaten spionierten und sie nicht gegen die Interessen der Eidgenossenschaft gearbeitet hätten. «Die Schweiz als Staat ist selten Ziel von Spionage», sagt auch der ehemalige Botschafter Luzius Wasescha im Radio SRF «Tagesgespräch». Ganz anders sehe es allerdings für Schweizer Unternehmen aus.

Erstellt: 12.06.2015, 13:01 Uhr

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