«Das Internet in die Aufklärung einbeziehen»

Daniela Melone, Leiterin der Elternberatung von Pro Juventute, erklärt, weshalb die Kampagne «Sexualaufklärung 2.0» auf die Erwachsenen abzielt. Und sie sagt, dass Eltern den Gefahren im Netz gegenüber nicht machtlos sind.

Der gesunde Umgang mit den Neuen Medien will für Kinder und Eltern gelernt sein: Teenager mit dem Handy.

Der gesunde Umgang mit den Neuen Medien will für Kinder und Eltern gelernt sein: Teenager mit dem Handy. Bild: Prisma

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Warum müssen Eltern bei der Aufklärung unterstützt werden?
In erster Linie möchten wir die Eltern dafür sensibilisieren, dass Sexual­auf­klärung auch das Internet umfassen soll. Das ist einmal der erste Teil.

Die meisten Eltern von Teenagern kennen doch das Internet und seine Gefahren.
Aktuelle Studien zeigen, dass die Hälfte der Eltern nicht weiss, dass ihr Kind bereits sexuelle Darstellungen im Internet gesehen hat. Aber das Wissen darum ist das eine. Die andere Frage ist, ob die Eltern das Internet tatsächlich in die Aufklärung einbeziehen. Da geht es nicht nur darum, zu sagen: Pass auf, jemand könnte dich anmachen, und das ist dann kein Jugendlicher, sondern ein Grüsel. Es geht auch darum, dass Kinder im Internet beispielsweise anhand von Pop-up-Fenstern ungewollt mit sexuellen Darstellungen in Kontakt kommen. Manche klicken es einfach weg, und haben dabei vielleicht ein schlechtes Gewissen.

Haben sie nicht eher ein ­schlechtes Gewissen, wenn sie es nicht wegklicken?
Das vielleicht auch. Anderseits: Das Fenster ist von Erwachsenen gemacht, also kann es doch nicht schlecht oder unrichtig sein. Trotzdem wollen es die Jugendlichen vielleicht nicht sehen.

Sexuelle Belästigung also?
Das ist ein guter Vergleich. Man muss damit einen Umgang finden, in der virtuellen Welt genauso wie im realen Leben.

Eigentlich sind doch Eltern gegen die Gefahren im Internet machtlos.
Mit dieser Haltung werden wir erst machtlos. Es ist doch normal, dass Eltern sich für den Aufenthaltsort ihrer Kinder interessieren. Sie wollen wissen, ob sie in den Wald gehen oder zu einem Schulkollegen, und was sie dort machen. Beim Internet ist das nicht oder weniger der Fall. Dabei wäre es normal. Nein, machtlos sind die Eltern nicht.

Gewisse Erfahrungen und ­Kenntnisse wollen Kinder einfach nicht mit den Eltern teilen.
Ja, aber Eltern müssen dafür sorgen, dass Kinder diese Erfahrungen in gewissen Räumen gefahrlos machen können. Sie üben ja auch mit ihnen das Schuhbinden. Genauso haben sie den Auftrag, den richtigen Umgang mit dem Internet zu üben. Kinder machen ihre eigenen Erfahrungen, aber sie sollen nicht sich selber überlassen werden. Sie brauchen Ansprechpersonen. Wenn nicht die Eltern, dann eine andere Vertrauensperson.

Können die Jugendlichen gut ­umgehen mit dem Internet?
Viele haben einen guten Zugang. Sie sind technisch versiert und klicken weg, was sie nicht sehen wollen. Anderseits gibt es Inhalte, die mich nachdenklich machen. In einer TV-Sendung wurden 12-, 13-Jährige gefragt, was ein «Gangbang» ist. Sie wussten es. Sie wussten aber nicht, was ein Eisprung ist. Diese Verschiebung von Wissen zeigt, dass der Umgang mit dem Internet bei einigen nicht ideal ist. Dass Jugendliche an sexuellen Inhalten interessiert sind, ist normal. Aber je jünger ein Kind ist, desto weniger kann es reflektieren und einen Sachverhalt beurteilen. Wir müssen uns auch fragen: Sollen 12-Jährige Pornos schauen? Und diese sind oft von der übelsten Sorte.

Machen sie das?
Ich habe eine deutsche Studie vor mir, die besagt, dass 19 Prozent der Jungen und 2 Prozent der Mädchen zwischen 12 und 19 Jahren auf dem Handy Pornovideos erhalten haben. Eine andere Studie aus der Schweiz besagt, dass 94 Prozent der 13-jährigen Jungen und 50 Prozent der Mädchen solche Videos ge­sehen haben.

Das klingt dramatisch. Sollten wir nicht etwas gelassener sein und darauf vertrauen, dass Jugendliche den richtigen Umgang damit finden?
Gelassenheit ist immer gut. Man kann darauf vertrauen, dass die Kinder ihren Weg finden. Aber wir sollten uns fragen, was es mit einem Kind macht, wenn es ungefragt sexuelle Darstellungen erhält. Früher war harte Pornografie nicht so in Reichweite wie heute, man musste sich zuerst ein Video beschaffen. Heute ist es nur ein Klick weit entfernt.

Früher waren es ein paar Schritte zum Kiosk.
Dann musste man aber zuerst das Schamgefühl überwinden, der Kioskfrau gegenüberzustehen, die einem Jugend­lichen das Sexheftli vielleicht nicht verkaufte. Das ist nochmals etwas ganz anderes. Natürlich hat jedes Zeitalter seine Herausforderungen. Mit den Sexheftli haben wir einen Umgang gefunden, mit dem Internet haben wir jetzt nochmals etwas ganz Neues. Und das ist verdammt schnell. Diese Geschwindigkeit, die Ausbreitung, das Flächendeckende, das macht etwas mit uns.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2014, 01:56 Uhr

Daniela Melone
Leiterin der Eltern­beratung von Pro ­Juventute.

Pro Juventute

Sexualaufklärung und Neue Medien

Die Stiftung Pro Juventute hat am Montag ihre Kampagne «Sexualaufklärung und Neue Medien» lanciert, die sich an Eltern von Kindern und Jugendlichen richtet. Durch die Verbreitung von mobilen Empfangsgeräten würden diese immer früher und unkontrollierter mit sexuellen Inhalten konfrontiert und könnten dabei leicht an die falsche Adresse geraten, heisst es in einem Mediencommuniqué: in virtuellen Darkrooms oder in Gefässen mit harter Pornografie. Mit Infomailings, Plakaten und einem Videoclip sollen Eltern für die Gefahren des Internets sensibilisiert werden. Zudem berät die Pro Juventute interessierte Eltern per Mail oder telefonisch.

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