Das Klima-«Extrablatt» der SVP im Experten-Check

Heute erhalten wir alle Post von der Volkspartei. Kampf-Thema: Die «Klimahysterie». ETH-Professor Reto Knutti prüft die Argumente.

«Vernunft statt Ideologie»: Die 16-seitige Zeitung bringt die Sicht der SVP auf die aktuellen Themen.

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Ein roter Teufel mit einem hämischen Grinsen blickt dem Leser auf der Titelseite des neuen SVP-Extrablatts zur Klimapolitik entgegen. In seiner Hand hält er ein grünes, lächelndes Blatt. Das Heft wird heute an alle Schweizer Haushalte verteilt. Parteipräsident Albert Rösti schreibt darin von einer «schrillen Panikmache».

«Die Zeitung ist ein buntes Sammelsurium von teils in sich nicht konsistenten Argumenten», sagt Reto Knutti. Der Professor für Klimaphysik an der ETH hat das Extrablatt unter die Lupe genommen und sagt, was er von den einzelnen Aussagen zur Klimadebatte hält.

In einem Beitrag schreibt Wahlkampfleiter und Nationalrat Adrian Amstutz, heute würden als Folge der ungebremsten Zuwanderung bereits 8,6 Millionen Menschen in der Schweiz leben. «Sie nutzen die Strassen, den öffentlichen Verkehr und verbrauchen grosse Mengen an Wasser, Treibstoffen und Strom.» Reto Knutti: Mit der gefährlichen und emotionalen Vermischung der Klimafrage mit der Zuwanderung will die SVP Wut bei den Lesern schaffen. Es ist klar, dass jeder Mensch Ressourcen braucht, aber für das Klima ist es erstens egal ob jemand in der Schweiz CO2 ausstösst oder anderswo. Zweitens müssen auch alle Schweizerinnen und Schweizer von den fossilen Rohstoffen wegkommen, Zuwanderung hin oder her. Und nicht zuletzt wird der Klimawandel die Ungleichheit von Arm und Reich verstärken. Entwicklungsländer sind am stärksten betroffen – mit potenziellen Folgen für die Migration.

In einem Interview sagt Nationalrat Roger Köppel, es gebe keinen wissenschaftlichen Beweis, dass der Mensch einen massgeblichen Einfluss auf das Klima habe.

Reto Knutti: In den Klimaberichten der UNO ist zu lesen, dass der Mensch mit «extrem hoher Wahrscheinlichkeit» der «dominante Faktor» für die beobachtete Erwärmung ist. Roger Köppel hingegen zitiert den gleichen Bericht mit der Aussage, der Mensch habe keinen «massgeblichen» Einfluss auf die Erwärmung. Die Wissenschaft geht Köppel zufolge davon aus, dass 95 Prozent der CO2-Emissio­nen einen natürlichen Ursprung haben und knapp fünf Prozent vom Menschen verursacht sind.

Tatsächlich nimmt eine Kartoffel durch Photosynthese Kohlenstoffdioxid auf, wenn sie wächst. Dann essen wir sie und atmen das CO2 wieder aus. Oder sie verfault auf dem Kompost, und das CO2 ist auch wieder in der Luft. Diese natürlichen CO2-Flüsse sind gross, aber sie sind ausgeglichen. Die Verbrennung der fossilen Rohstoffe hingegen ist zusätzlich, der Anstieg von Kohlenstoffdioxid in der Luft ist damit zu praktisch 100 Prozent menschgemacht.

Roger Köppels Aussage ist schlicht falsch, das ist eine Irreführung des Lesers. Besonders stossend ist, dass die gleichen Behauptungen immer wieder kommen, obwohl man die SVP und Roger Köppel schon oft darauf hingewiesen hat.

Mit der Angst vor dem Weltuntergang sei schon immer Politik gemacht worden, schreibt Nationalrat Peter Keller. Umweltschutz sei richtig, aber die links-grünen Klimahysteriker würden vor allem eines wollen: den Mittelstand abzocken. In einer Tabelle listet die Partei Beträge auf, mit denen Linke und Grüne den Mittelstand «umerziehen» wollen. Reto Knutti: Mit den Argumenten der angeblichen Beschneidung der Freiheit und des «Abzockens des Mittelstandes» spielt die SVP mit der Angst der Leser. Tatsache ist, dass wir schon lange nicht mehr wie im Wilden Westen leben. Freiheit ist schön, aber sie darf nicht auf Kosten der Freiheit und Lebensqualität von anderen gehen. Das gilt auch für die der nächsten Generationen. Alle profitieren, wenn wir uns an gemeinsame Regeln halten, wie etwa bei Bauzonen oder im Strassenverkehr. Wir profitieren alle von Stabilität und Investitionssicherheit, wenn sich alle an die Regeln halten müssen. Eine Umverteilung in einigen Bereichen sollte völlig normal sein, wenn sie der Gesellschaft als Ganzes und den nächsten Generationen dient.

Wir haben in der Schweiz schon viele ähnliche Herausforderungen, wie etwa den Abfall, die Wasserqualität und das Ozonloch, gemeistert. Wir haben aber keine allein durch Eigenverantwortung oder Innovation gelöst. Sondern durch verbindliche Regeln, an die sich alle halten, von denen aber auch alle profitieren. Die Welt ist nicht untergegangen, weil wir die Fakten ernst genommen und entsprechende Massnahmen getroffen haben. Ohne Zweifel kosten solche Projekte, aber nichts tun kostet langfristig viel mehr.

In einer Box wird die Schweiz als führend im Umweltschutz bezeichnet. Sie sei Vorreiterin beim Recycling und bei neuen Umwelttechnologien. Der CO2 von jährlich rund 40 Millionen Tonnen in der Schweiz entspreche 0,1 Prozent des weltweiten, menschengemachten Kohlenstoffdioxids.

Reto Knutti: Es wird suggeriert, die Schweizerinnen und Schweizer seien ja schon so vorbildlich bei Umweltfragen. Umweltschutz und Recycling sind sinnvoll, und wir sind dort gut unterwegs. Aber um den Klimawandel zu begrenzen, müssen wir vor allem die fossilen Brenn- und Treibstoffe aus Gebäuden, Verkehr und Industrie eliminieren. Dort befindet sich die Schweiz überhaupt nicht auf Kurs. Die Schweiz ist klein, aber sie hat pro Kopf einen grossen Fussabdruck und gleichzeitig viel Know-how, Geld und Technologien. Damit haben wir auch eine Verantwortung, um zur Lösung beizutragen.

Erstellt: 14.06.2019, 15:02 Uhr

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