Interview

«Wo man das Fremde nicht kennt, will man sich eher abschotten»

Offenheit prallte bei der SVP-Initiative auf Abschottungswillen: ETH-Professor Christian Schmid sagt, wie und weshalb sich der Städter vom Dorfbewohner unterscheidet.

Grosse Unterschiede: Die Mehrheit der Städter lehnte die Massenwanderungsinitiative ab - ganz im Gegensatz zu den Stimmberechtigten auf dem Land.

Grosse Unterschiede: Die Mehrheit der Städter lehnte die Massenwanderungsinitiative ab - ganz im Gegensatz zu den Stimmberechtigten auf dem Land.

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Weshalb haben die Städter bei der Masseneinwanderungsinitiative derart anders abgestimmt als die Menschen auf dem Land?
Es ist schon eindrücklich, dass beispielsweise die Genferseeregion oder auch die Stadt Zürich die Initiative am deutlichsten verworfen haben, obschon sie am stärksten von den Folgen der Immigration, von der Wohnungsnot oder von übervollen Zügen betroffen sind. Es ist offensichtlich, dass Abschottungsgedanken und Abwehrverhalten gerade in Gebieten, die nicht stark von der Immigration betroffen sind, eine sehr grosse Rolle gespielt haben.

Dann spielte der vielzitierte Dichtestress keine ausschlaggebende Rolle?
Es macht den Anschein. Der «Dichtestress» hat insgesamt sicherlich eine Rolle gespielt, doch das Resultat zeigt, dass dieser Stress nicht der Hauptgrund für die Annahme der Initiative gewesen ist. Ich bin versucht zu sagen, das Einwanderungsproblem ist Kopf-gemacht. Weshalb hat beispielsweise der Kanton Schwyz die Initiative mit grosser Mehrheit angenommen, obschon er mit einem verhältnismässig geringen Ausländeranteil nicht übermässig von der Einwanderung betroffen ist? Die Angst vor Veränderung hat hier eine sehr viel grössere Rolle gespielt.

Wie unterscheidet sich denn der Zürcher vom Muotathaler?
In den urbanen Zentren haben die Menschen einerseits mehr Erfahrung mit dem Fremden und können sich dadurch dem Unbekannten auch mehr öffnen, man findet Wege, die einem helfen, mit vielen möglichen Situationen umzugehen. Diese Erfahrung haben Menschen, die in homogeneren und weniger dichten Gebieten leben, weniger. Andererseits zieht es neugierige, für Neues offene Menschen eher in die städtischen Zentren. Die anderen suchen sich eher einen Wohnort in kleineren Gemeinden oder in der Agglomeration – falls sie nicht schon da leben. Das sind die beiden Hauptpunkte, die dazu führen, dass man sich im einen Fall eher abschottet oder sich eben öffnet. Doch das sind alles Tendenzen – das heisst also überhaupt nicht, dass alle Muotathaler engstirnig sind, oder alle Bewohner des Kreis 5 in Zürich weltoffen.

Dann sind Städter grundsätzlich toleranter?
In der Tendenz ist das sicher so. Es geht hier aber nicht nur um Toleranz, sondern es geht darum, dass man Spass hat am Anderen, an den Differenzen, an den Unterschieden, an den Möglichkeiten, etwas Neues kennenzulernen, und das in der eigenen Gemeinde! Menschen aus anderen Ländern sind ja nicht nur ein Problem, das man erdulden müsste, sondern das ist auch eine Lebensqualität – genau deshalb ist ja beispielsweise New York für viele so attraktiv.

Weshalb gibt es diese Unterschiede?
In der Stadt wird man von klein auf daran gewöhnt, nahe aufeinander zu wohnen, man kommt automatisch mit anderen Kulturen in Kontakt, in der Schule, in der Nachbarschaft. Doch es gibt nicht per se einen einzigen Stadt-Land-Graben: In Tourismusgebieten im Bündnerland, oder auch im Wallis wurde die Initiative beispielsweise abgelehnt. Es spielen also nicht nur grossflächige, sondern auch kleinräumige Unterschiede – das Städtische hat ja längst auch schon die Alpentäler erreicht. Das «Land», von dem viele noch träumen, gibt es in der Schweiz nicht mehr. Das ist mit ein Grund, warum sich viele so unwohl fühlen.

Üben Faktoren wie Bildung oder Einkommen einen Einfluss auf das Stimmverhalten aus?
Erstaunlicherweise scheint dies nicht der Fall zu sein. Wir haben hierzu leider keine genauen Studien, aber es liegt nicht am Einkommen, nicht am Beruf, und auch nicht nur am Elternhaus – vielmehr sind soziokulturelle Einflüsse von Belang. Wie offen man gegenüber dem Fremden eingestellt ist, wie neugierig man ist, oder ob man lieber abgeschieden wohnt, sei dies im Einfamilienquartier oder kleineren Dörfern.

Eine Auswertung der Abstimmung zeigt: Je tiefer der Ausländeranteil in einem Kanton ist, desto höher war die Zustimmung.
Das ist typisch. Dort wo man das Fremde nicht kennt, will man sich eher abschotten.

Ist das engstirnig oder fremdenfeindlich?
Natürlich ist das fremdenfeindlich, das muss man nicht schönreden. Die Engstirnigkeit übersetzt sich in Fremdenfeindlichkeit. Das äussert sich nicht nur gegenüber den Einwanderern, man stellt sich ja oft auch gegen das Nachbardorf, oder einen Nachbarkanton. Abschotten heisst, dass alles Fremde zu einem Problem wird. Vielleicht bringt es Geld, dann ist es halbwegs willkommen, aber man möchte sich nicht wirklich darauf einlassen.

Sind die Menschen aus den ländlichen Gebieten nicht einfach kritischer gegenüber der Wachstumsfrage?
Schauen Sie sich den Kanton Schwyz an, besonders am oberen Zürichsee. Dort ist die Zersiedelung sehr stark, doch das Wachstum ist hausgemacht, man wollte Wachstum. Die Behörden haben mit tiefen Steuern Firmen und wohlhabende Personen angelockt, sie wollten, dass sie in ihren Kanton, in ihre Dörfer ziehen. Man war beinahe grenzenlos bereit, das Land dem Meistbietenden zu verkaufen. Kein Wunder sind die Bodenpreise derart explodiert, dass es heute für viele Einheimische ohne eigenen Grundbesitz schwierig geworden ist, überhaupt noch im Dorf zu wohnen.

Die Agglomeration von Zürich reicht mittlerweile bis nach Schaffhausen – kann nicht auch sein, dass die Menschen mit dem Tempo der Urbanisierung, der Modernisierung überfordert sind?
Ja, dieses Tempo überfordert viele, und die starken Veränderungen im Alltag sind tatsächlich für viele eine Zumutung. Aber das liegt nicht an der Immigration, sondern an der sich verändernden Welt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.02.2014, 21:43 Uhr

Christian Schmid ist Geograph, Soziologe und Stadtforscher. Er ist Titularprofessor für Soziologie am Departement Architektur der ETH Zürich und Forscher am ETH Studio Basel / Institut Stadt der Gegenwart

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