«Der Bankenplatz wird ein Imageproblem haben»

Um verlorenes Vertrauen wieder aufzubauen, sollen Bankchefs zu ihren Fehlern stehen und ihre Bezüge limitieren, sagt der Präsident der kantonalen Finanzdirektoren.

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Herr Wanner, die Schweizer Börse schloss gestern mit dem grössten Taucher seit 17 Jahren. Welche Auswirkungen wird die Finanzkrise auf die Schweiz haben?
Das Vertrauen in die Banken schwindet. Das ist gravierend, denn der Finanzmarkt ist einer der bedeutendsten Faktoren für eine funktionierende Wirtschaft.

Wird der Finanzplatz längerfristig geschwächt?
Wenn keine Grossbank oder grössere Versicherung ins Schleudern kommt, so glaube ich, dass sich der Finanzplatz Schweiz halten kann. Aber das bedingt grosse Anstrengungen: Wir werden in den nächsten Jahren kämpfen müssen, um unseren Platz zu halten. Es reicht nicht, wenn die UBS den Vertrauensverlust in den USA wettmacht, aber die Schweizer Kunden das Vertrauen nicht wiedergewinnen.

Wie wird sich der Bankensektor entwickeln?
Die Margen kommen unter Druck, weil sich die Banken richtigerweise aus den Bereichen mit den höchsten Gewinnen, aber auch den grössten Risiken etwas zurückziehen. Ich rechne mit einer Verlagerung von den Grossbanken zu den Regionalbanken. Im positiven Fall kann das Volumen übers Ganze gehalten werden. Aber die Zahl der Beschäftigten wird wohl sinken.

Was heisst das für den Bankenplatz Zürich?
Zürich ist international ausgerichtet und wird deshalb in den nächsten Jahren betroffen sein von den negativen Entwicklungen. Es fällt schwer, dies den Leuten zu erklären. Man kann ihnen überhaupt diese ganze Entwicklung schlecht erklären: Dass die USA 700 Milliarden in die Finanzwirtschaft pumpen, und es reicht immer noch nicht. Und deshalb sage ich: Der Bankenplatz wird ein Imageproblem haben.

Wie soll man dem nun entgegenwirken?
Künftig werden Manager nicht mehr nur die grösste Rendite anstreben können, ohne Rücksicht auf Risiken. Unter den Verlusten hat nämlich das Volk zu leiden – etwa indem die Pensionskassen in eine Unterdeckung schlittern und Sanierungsmassnahmen nötig werden. Ich verlange, dass die Verantwortlichen hinstehen und sich öffentlich zu den Fehlern bekennen.

Wer muss sich zu den Fehlern bekennen?
Die Bankmanager, ganz klar. Sie müssen bekennen, dass sie Dinge tolerierten, die nicht mehr gehen. Es braucht Ehrlichkeit.

Was haben sie falsch gemacht?
Das Risikomanagement hat versagt. Es hat die Situation derart falsch eingeschätzt, dass die Existenz renommierter Institute bedroht ist.

Werfen Sie das auch Marcel Ospel vor?
Ich kenne Herrn Ospel nicht. Ich erhebe auch keine persönlichen Vorwürfe. Aber diese Herren sollen mit und in ihren Unternehmen nachhaltig arbeiten und wieder mehr dem Gesamtwohl verpflichtet sein.

Befürchten Sie, dass die aktuelle Situation in eine Rezession führt?
Ich erwarte einen deutlichen Rückgang des Wachstums. Mehr noch: Ich denke, es ist schon ein Erfolg, wenn wir ein kleines Wachstum oder eine Stagnation erreichen.

Und wie hoch ist die Gefahr einer Inflation?
Man kann sie nicht ausschliessen. Das Schreckgespenst wäre die Stagflation – eine Krise und obendrauf eine Geldentwertung.

Muss der Bund in irgendeiner Art eingreifen?
Wenn die UBS oder die CS ins Trudeln kommen, dann muss der Bund eingreifen, vermutlich über die Nationalbank. Denn sonst wäre der Imageverlust unvorstellbar. Die Schweiz könnte dem nicht tatenlos zusehen. Ich bin aber überzeugt, dass es nicht so weit kommen wird.

Wird der Staat die Leitplanken anders setzen müssen?
Aus meiner politischen Überzeugung finde ich, der Staat habe sich nicht in die Wirtschaft einzumischen. Aber er hat die Rechte und Ansprüche der Bürgerinnen und Bürger zu verteidigen. So zum Beispiel bei der Einlagensicherung, wo ich mit einer Erhöhung der Limite von derzeit 30 000 Franken einverstanden wäre. Es darf nicht sein, dass letztlich noch die Kleinsparer an die Kasse kommen.

Welche Limite schwebt Ihnen denn vor?
100'000 Franken.

Sind Sie auch für eine Erhöhung der Eigenmittel der Banken?
Allenfalls schon, auch wenn dann die Banken für andere Bereiche weniger Geld zur Verfügung hätten. Wenn wir diese Krise bewältigen wollen, müssen wir - und damit auch die Banken - da und dort zurückstecken.

Gibt es sonst Korrekturbedarf?
Auf Grund der jüngsten Erfahrungen kommen wir kaum darum herum, die Bankenaufsicht zu verstärken – ob dies nun den Banken passt oder nicht.

Soll der Staat die Einkommen der Topmanager begrenzen?
Nein, aber Einkommen von 20 oder 30 Millionen Franken sind jenseits von Gut und Böse und dem Volk nicht zu vermitteln. Die Manager müssen Einsicht zeigen und mit gutem Beispiel vorangehen, wie etwa Peter Kurer, der seinen eigenen Lohn limitieren will. Es braucht Selbstbeschränkung in den obersten Etagen.

Dann werden Sie also die Abzocker-Initiative unterstützen?
Nein, ich unterstütze diese Initiative nicht. Aber ich erhebe laut und deutlich meine Stimme und sage: So geht das nicht. Die Manager müssen nun endlich selbst wissen, was zu tun ist, und zwar unverzüglich. Ich möchte dafür nicht auf diese Initiative warten müssen.

Sie wirken verärgert.
Ich bin verärgert, weil ich überzeugt bin, dass ein guter Teil der gegenwärtigen Probleme zu verhindern gewesen wäre.

Fusst Ihr Ärger auch darin, dass Ihre Steuereinnahmen schwinden?
Solothurn ist auch betroffen, wenn auch nicht im selben Ausmass wie Zürich. Wir rechnen mit Ausfällen von fünf bis sechs Millionen Franken. Die Sache ist aber: Wir kriegen ein Problem beim Finanzausgleich. Wenn die grossen Kantone wie Zürich und Genf, die in den Finanzausgleich einzahlen, weniger Geld haben, so hat das Auswirkungen auf die kleineren.

Die Kantone lieferten sich in den letzten Jahren einen harten Steuerwettbewerb. Haben sie dabei übertrieben?
Gegen Wettbewerb ist an sich nichts einzuwenden. Doch die Kantone müssen nun offen miteinander reden, wie weit sie ihn noch treiben wollen. Ich denke, auch Steuersenkungsvorhaben des Bundes müssen stark hinterfragt werden. Eine neuerliche Unternehmenssteuerreform hat im Moment politisch keine Chancen. Als Politiker stört es mich, dass ewig nur jene profitieren sollen, welche den Staat miesmachen.

Wird sich das Verhältnis von Staat und Wirtschaft verändern?
Das Verhältnis muss sich bessern. Man soll offener miteinander reden. Der Staat soll die Gelegenheit erhalten, seine Bedürfnisse darzulegen, und man soll zusammen diskutieren, wie diese finanziert werden können. Wenn man meint, man könne die Steuern so weit drücken, bis der Staat die demokratisch beschlossenen Kernaufgaben nicht mehr erfüllen kann, hört es bei mir einfach auf.

Wie lange wird die aktuelle Krise nachwirken?
Im Bankenbereich wird das Jahre dauern. Das verlorene Vertrauen ist nicht so einfach wieder aufzubauen. Gelingt es, das Schlimmste zu verhindern, und sollte sich die Börse wieder stabilisieren, werden die Auswirkungen auf die Realwirtschaft in etwa zwei Jahren überwunden sein. Aber wir werden uns dann auf einem tieferen Niveau bewegen.

Was könnte die verunsicherten Leute derzeit beruhigen?
Erklärungen, man habe da und dort einfach Pech gehabt, sind nicht geeignet, Vertrauen zu schaffen. Die Verantwortlichen müssen persönlich vortreten, Ziele formulieren und an die Arbeit gehen. Sollte es den Leuten allerdings am Geld fehlen, wird es sehr rasch kritisch. Ich glaube zwar nicht an sinkende Einkommen. Aber wir müssen die Teuerung im Griff haben.

Aber die Bevölkerung hat schon jetzt Angst um ihr Geld, um die zweite Säule und den Arbeitsplatz.
Ich persönlich verspreche, das Beste zu geben, dass weder Sparguthaben noch Arbeitsplätze verloren gehen. Alle andern müssten dies ebenfalls versprechen. Das mag nicht nach sehr viel tönen. Aber derzeit weiss ich nichts Besseres.

Erstellt: 11.10.2008, 09:18 Uhr

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