Reportage

Der Botschafter spricht in Floskeln, seine Frau über Politik

Tim Guldimann vertritt die Schweiz in Deutschland. Er spricht über seinen Job – und seine Ehefrau, die «Spiegel»-Journalistin Christiane Hoffmann, über die deutschen Wahlen.

Der Botschafter auf dem Dach der Residenz in Berlin, die sich seit Jahrzehnten im Besitz der Schweiz befindet: Tim Guldimann.

Der Botschafter auf dem Dach der Residenz in Berlin, die sich seit Jahrzehnten im Besitz der Schweiz befindet: Tim Guldimann. Bild: Christian Mang

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Diplomaten plaudern nicht über ihre Verhandlungstaktik. Erst recht keine Worte verlieren sie über den Inhalt von aktuellen Verhandlungen. Und das Kommentieren von politischen Ereignissen ist grundsätzlich verboten. Im Grunde ist alles tabu, was Journalisten interessiert. Trotzdem kommen sie in Scharen, wenn Tim Guldimann, der Schweizer Botschafter in Berlin, zur Audienz bittet. So auch gestern, als die Botschaft zum Lunch mit Guldimann lud. Nebst deutschen Korrespondenten der Schweizer Medien sind auch Journalisten aus der Schweiz angereist.

Mit Guldimann auf dem Dach

Der Fototermin ist auf 11.55 Uhr angesetzt. Um 12.30 Uhr beginnt das Essen. Nach der Sicherheitskontrolle und einem warmen Empfang ist ein Rundgang angesagt, damit die Fotografen den passenden Hintergrund auswählen können, um Guldimann ins Bild zu rücken. Im Treppenhaus die erste Begegnung mit dem Botschafter, der eigentlich noch etwas vorbereiten wollte. Es ist schon 12 Uhr. Dann geht es schnell. Rasch ist klar, dass es Fotos vom Dach des Botschaftsgebäudes gibt. Das Sujet drängt sich auf, da die Schweizer Botschaft im Nervenzentrum der deutschen Politik liegt – umgeben von Bundestag und Regierungsgebäuden. Guldimann erscheint kurze Zeit später auf dem Dach, wo er die Fotosession freundlich, aber spürbar ungeduldig über sich ergehen lässt und zwischendurch telefoniert. Die Fotografen zollen dem Botschafter Respekt und verzichten auf zeitraubende Sonderwünsche.

Drei Wahlszenarien

Beim Essen ist am Tisch gegenüber von Guldimann ein Platz für seine Ehefrau Christiane Hoffmann reserviert. Sie ist politische Journalistin beim «Spiegel». Sie spricht und analysiert den möglichen Ausgang der deutschen Bundestagswahlen vom 22. September. Klar, zehn Tage vor der Wahl führt kein Weg an diesem Gesprächsthema vorbei. Indem Guldimann dies an seine Frau delegiert, umgeht er das für den Spitzendiplomaten heikle Terrain. Hoffmann doziert nicht vom hohen Ross herab, sondern wirkt zugänglich. Für den Wahlausgang skizziert sie drei wahrscheinliche Szenarien: Erstens, es bleibt bei der jetzigen «schwarz-gelben» Regierung (CDU/CSU mit FDP), zweitens, es kommt zu einer grossen Koalition mit der SPD oder drittens machen CDU/CSU gemeinsame Sache mit den Grünen.

Offene Türen in Deutschland

Der Hauptgang steht auf dem Tisch, als der bald 63-jährige Diplomat die Ausführungen seiner Frau ergänzt. «Unabhängig davon, wie die Wahlen ausgehen: In Bezug auf die Beziehungen zwischen der Schweiz und Deutschland wird es auf jeden Fall Veränderungen geben.» So könnten zum Beispiel wichtige Ansprechpartner der Schweiz auf Ministerebene ersetzt werden. Aus Schweizer Sicht ist das bedeutend, weil das Beziehungsnetz in Deutschland eine wichtigere Rolle spielt als dasjenige in anderen Ländern. «Wir haben in Deutschland einen vergleichsweise privilegierten Zugang zu Schlüsselpersonen der Politik – beispielsweise in Rom oder Paris ist das für die Schweiz schwieriger», erläutert Guldimann. Das hilft nicht nur in den bilateralen Beziehungen mit Deutschland, sondern auch mit der EU. So ist auch in Bundesbern längst bekannt, dass deutsche Freunde gelegentlich in Brüssel viel bewegen können. Guldimann betont aber gleichzeitig, dass die deutsche Unterstützung nicht selbstverständlich sei. Es gebe zwar das unter anderem durch den Tourismus positiv geprägte Bild von der Schweiz. «Doch es wäre falsch, sich deswegen Illusionen zu machen und blind mit Unterstützung zu rechnen.» Das grundsätzliche Wohlwollen gegenüber der Schweiz erleichtere zwar die Kontaktaufnahmen, Unterstützung gebe es aber nur, wenn auch deutsche Interessen auf dem Spiel stünden. Und daraus leitet Guldimann eine Kernaufgabe des Schweizer Botschafters in Berlin ab: intensive Kontaktpflege mit deutschen Ansprechpartnern, bei der es darum geht, gemeinsame Interessen und Positionen herauszuarbeiten.

Abgeltungssteuer adieu

Während fast alle fertig sind mit dem Hauptgang und das Personal bereits abräumt, steht vor Guldimann noch ein voller Teller. Er spricht nicht wie andere Diplomaten in derart verschachtelten Floskeln, dass sich die versteckte Aussage höchstens Insidern offenbart. Seit Mai 2010 ist er Botschafter in Berlin. Zu seinen Karriere-Höhepunkten zählt die Vermittlung zwischen Tschetschenien und Russland 1996 und 1997. Als Leiter der OSZE-Mission gelang ihm überraschend ein Friedensvertrag. Er ist auch erfahren genug, um keine Berührungsängste mit Journalisten zu haben. Das Treffen war ursprünglich als reines Hintergrundgespräch ohne Veröffentlichung geplant. Guldimann hatte aber nichts dagegen, dass seine Aussagen auch in Artikeln verwendet werden. In der weiteren Diskussion kommt auch das in Deutschland gescheiterte Abgeltungssteuerabkommen zur Sprache. Mit diesem Modell versuchte die Schweiz das Problem des Schwarzgelds auf Schweizer Konten mit Deutschland bilateral und pauschal zu lösen. In dieser Frage sieht Guldimann keinen Grund für Optimismus: Da sich in Deutschland mittlerweile auch konservative Kräfte zum automatischen Informationsaustausch (AIA) bekennen würden, sei das Thema wieder in die Hände der EU gelegt. Der AIA sei für die Schweiz aber nur als internationaler und nicht als regionaler Standard denkbar. Die Schweiz werde sich in internationalen Verhandlungen darauf fokussieren, dass ihr deswegen keine Wettbewerbsnachteile entstünden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.09.2013, 08:59 Uhr

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