Porträt

Der Erfinder der 1:12-Initiative wirkt am liebsten im Hintergrund

Die Idee zur Juso-Initiative stammt von Marco Kistler. Der 28-jährige Glarner Jungpolitiker ist Spezialist für linke Aktionen und Provokationen.

Marco Kistler hatte einst 1:10 vorgeschlagen. Doch die Jungsozialisten machten daraus aus Marketinggründen 1:12.

Marco Kistler hatte einst 1:10 vorgeschlagen. Doch die Jungsozialisten machten daraus aus Marketinggründen 1:12. Bild: Reto Oeschger

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Im Vordergrund kämpfen der ehemalige Juso-Präsident Cédric Wermuth und sein Nachfolger David Roth. Doch erfunden hat die 1:12-Initiative ein anderer. Einer, dessen Ideen selbst den Jungsozialisten manchmal zu weit gehen: Marco Kistler (28), Glarner Landrat und Mitglied der Gemeindeexekutive von Glarus Nord. Als er vor fünf Jahren seinen Initiativvorschlag an einer Juso-Retraite einbrachte, hielt sich die Begeisterung erst in Grenzen. «Ich war skeptisch, ob die Initiative über die Juso hinaus Unterstützung finden würde», sagt Wermuth.

Dann kam die Finanzkrise, und die Jungsozialisten hielten die Zeit für reif. Sie schwächten jedoch Kistlers Ansinnen etwas ab – aus Marketinggründen. Der Glarner hatte 1:10 vorgeschlagen. So stand es auf dem Zettel, den er an der Retraite aus der Kiste zückte, in welcher er all seine Ideen sammelte. Die Juso machten daraus 1:12, was sich ihrer Ansicht nach besser vermarkten lässt: Der Bestverdienende eines Unternehmens soll in einem Monat nicht mehr verdienen als der Schlechtestverdienende in einem Jahr.

In jedem SP-Garten ein Plakat

Kistler ist es etwas unangenehm, wenn er nun als Erfinder der Initiative bezeichnet wird. «Wahnsinnig innovativ war die Idee ja nicht, auch andere diskutierten über Lohnbandbreiten», relativiert er. Irgendwie scheint er Innovationen aber anzuziehen – oder diese ihn. So war Kistler 2006 Medienverantwortlicher der Juso Glarnerland, als deren Antrag auf eine Fusion der Glarner Kommunen zu drei Grossgemeinden von der Landsgemeinde gutgeheissen wurde. Dies sorgte national für Aufsehen. Und ein Jahr später gelang den Glarner Jungsozialisten gleich nochmals ein weit herum beachteter Coup: Sie brachten an der Landsgemeinde das kantonale Stimmrechtsalter 16 durch.

Jetzt bereitet sich Kistler auf den Abstimmungskampf für seine Initiative vor, die im Herbst vors Volk kommt. Der 28-Jährige sitzt in der sechsköpfigen Kampagnenleitung und organisiert Freiwillige, die den Kampf vor Ort führen sollen. Er selbst wird das Glarnerland übernehmen. Unter anderem will er in jedem Garten eines Sozialdemokraten ein 1:12-Plakat stehen sehen. Auch bei der später zur Abstimmung gelangenden Mindestlohninitiative ist Kistler als 50-Prozent-Angestellter des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB) mit von der Partie.

Als Querkopf aufgefallen

Politisiert wurde der linke Kämpfer bereits in der Schule. Sein Religionslehrer sprach über die Befreiungstheologie, was Kistler für Fragen der Armut und der Gerechtigkeit sensibilisierte. Er wollte sich gegen die Ungleichheiten auflehnen. Erst rebellierte der Glarner aber in eigener Sache. Er verlangte die Gleichberechtigung von Schülern und Lehrern – und die Mitbestimmung der Schüler über das, was sie lernen wollten. Mit mässigem Erfolg. Kistler musste erst repetieren, später flog er gar vom Gymnasium. Zu schlecht war sein Französisch, das er noch heute als seine grosse Schwäche bezeichnet. Später holte er die Erwachsenenmatur nach.

Als Querkopf fiel Kistler einer Gruppe von anderen Gymnasiasten auf, welche die Juso Glarnerland gründeten. Mit 15 Jahren trat er der Jungpartei bei, mit 17 sass er im Kantonalvorstand, und mit 22 vertrat er die Jungsozialisten in der Geschäftsleitung der SP Schweiz. Vor allem aber brachte er zusammen mit Cédric Wermuth die damals verschlafenen Juso wieder in Schwung.

Während sich der Präsident vor laufender Kamera einen Joint anzündete, wirkte Kistler im Hintergrund. «Er war für die Kampagnen und Aktionen zuständig – etwa für das Sit-in vor der UBS am Paradeplatz», erzählt Wermuth, der mit Kistler eng befreundet ist. Die beiden teilten sich damals eine Stelle beim Schweizerischen Arbeiterhilfswerk. Und nach ihrer eigentlichen Arbeit dachten sie sich immer neue Juso-Provokationen aus. «Die damals boomenden Gratiszeitungen waren für uns ideal», erinnert sich Wermuth. «Wir entwickelten uns zu einer Art Experten dafür, wie man sie für Provokationen nutzt.»

Manch eine Idee fanden selbst die Jungsozialisten übertrieben. Zum Beispiel ein Sujet, das Kistler während der Debatte über einen Einsatz von Schweizer Soldaten gegen somalische Piraten vorschlug. Das Bild zeigte Soldaten mit einem Sarg, über dem eine Schweizer Flagge lag.

Als Gemeinderat hält er auch das Grusswort, wenn die Schützen von einem Schützenfest zurückkehren.

Das war 2009. Im selben Jahr kandidierte Kistler zur Verblüffung vieler Juso-Kollegen für den Gemeinderat von Glarus Nord. Als Notlösung. Ein anderer SP-Kandidat hatte sich wenige Wochen vor der Wahl zurückgezogen, worauf die SP erst verzichten wollte. Kistler widersprach, kandidierte mangels Alternative selbst, klebte an jede Haustür einen Post-it-Zettel und wurde überraschend gewählt. Seither sitzt er zusammen mit sechs Bürgerlichen im Gemeinderat. In seiner Funktion als Leiter des Ressorts Gesundheit, Jugend und Kultur hält er auch mal das Grusswort, wenn die Schützen von einem Schützenfest zurückkehren.

Kistler lebe zwei Rollen, sagt der freisinnige Gemeindepräsident Martin Laupper. Im Gemeinderat erlebe er ihn als «überlegt, differenziert, lösungsorientiert und überhaupt nicht dogmatisch». Ausserhalb des Gemeinderats hingegen sei der 28-Jährige «hemmungslos» – auch im Glarner Kantonsparlament, dem er seit Ende 2011 angehört.

Dort fällt Kistler schon rein optisch auf. Während die anderen Landräte – auch die Sozialdemokraten – in Anzug und Krawatte erscheinen, trägt Kistler, was er fast immer trägt: einen Kapuzenpullover und Jeans. Er sieht darin kein Problem, auch wenn die Landratsverordnung eine «schickliche Kleidung» verlangt. «Mich stört, wenn die Politik abgehoben und distanziert daherkommt; das will ich durchbrechen.» Im Gemeindeparlament von Glarus Nord kämen alle normal gekleidet, wodurch die Stimmung viel natürlicher und angenehmer sei, argumentiert der Kapuzenpullover-Träger.

«Immer unter Strom»

Im persönlichen Gespräch ist Kistler ruhig und höflich. In seinen öffentlichen Auftritten hingegen pflegt er einen harten Stil. «Ich bin immer radikaler geworden, immer überzeugter, dass es tiefe Veränderungen braucht», sagt er und fordert mehr Rücksicht und Solidarität gegenüber anderen in der ganzen Gesellschaft – nicht nur in der Familie und im Freundeskreis. Über Privates spricht der ehemalige Pfadfinder, der es bis zum Abteilungsleiter gebracht hat, ungern. In seinem Leben dominiert die Politik. Er sei «immer unter Strom», «sehr überzeugt» und «eigensinnig», sagt Wermuth. Ruft Juso-Präsident David Roth zum Anstossen auf Maggie Thatchers Tod auf, mag Kistler dies nicht kritisieren.

Mit diesem angriffigen Stil stelle sich der 28-Jährige im Glarnerland ins Abseits, glaubt BDP-Präsident Martin Landolt, der als Glarner Nationalrat von Kistler schon hart attackiert wurde. Auch SVP-Ständerat This Jenny findet die Ausdrucksweise des Jungpolitikers «deftig», sieht sie ihm aber «in Altersmilde» nach.

Ein nationales Parlamentsmandat ist so im Majorzkanton Glarus nicht zu holen. «Wenn man in Glarus gewählt werden will, muss man aus dem Links-rechts-Schema herauskommen und den Leuten zeigen, dass man sich für die breite Bevölkerung einsetzt», sagt Werner Marti, der die Glarner als Sozialdemokrat 17 Jahre lang im Nationalrat vertreten hat. Für Kistler ist dagegen klar: «Ich will mich nicht anpassen, nur um nach Bern gewählt zu werden.» Im Moment interessiere er sich sowieso nicht fürs Bundesparlament. Im Vordergrund steht jetzt für den Glarner der Kampf für seine Initiative.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2013, 17:24 Uhr

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