Der Feind im Fertigsalat

Eine Welle von Listeriose-Erkrankungen hat in der Schweiz zwei Tote gefordert. Fieberhaft fahnden die Behörden nach der Quelle.

Unsichtbarer Feind. Nur Hitze hilft gegen Listerien. Foto: Jean Claude Moschetti (Laif)

Unsichtbarer Feind. Nur Hitze hilft gegen Listerien. Foto: Jean Claude Moschetti (Laif)

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Die Panik sitzt immer nur einen Mausklick entfernt. Man öffne seinen Internetbrowser und tippe ein: Listeriose AND Schwangerschaft. Listeriose AND Gefahr. Listeriose AND Symptome.

Die Resultatliste – ein Pandämonium des Grauens aus Ausrufezeichen und Grossbuchstaben. PANIK!!!, schreibt eine Userin in einem Babyblog und schildert dann, wie sie sich zum Znacht nach einem Rindstatar noch zwei Stück Weichkäse gegönnt habe, sie dann etwas im Internet gelesen habe und sich jetzt alles drehe: Hab ich es? Wie geht es meinem Kind? Was kann ich tun?

Das Listerie-Bakterikum, das die ­Listeriose-Erkrankung auslöst, ist heimtückisch. Es ist gefährlich für Immunschwache, für Alte und für Schwangere, die die Krankheit ihrem ungeborenen Kind übertragen können. Im schlimmsten Fall kann die Krankheit eine Fehlgeburt auslösen, oder man stirbt an Hirnhautentzündung oder Blutvergiftung. Man sieht nichts, man riecht nichts, man spürt nichts. Verstecken kann sich das Bakterium in verschiedenen Lebensmitteln – in roher Milch, in Weichkäse aus dieser Milch, in abgepackten Salaten oder in Aufschnitt.

Normalerweise sind Listeriose-­Erkrankungen selten und nicht jene Panik wert, die im Internet verbreitet wird. Rund 40 bis 60 Fälle werden in der Schweiz pro Jahr gemeldet. Doch seit Montag gilt in der Schweiz nicht mehr der Normalfall. Wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) diese Woche mitteilte, verzeichnen die Ärzte seit Juni auffällig viele Listeriose-Fälle. Zwölf Menschen sind schwer erkrankt, zwei sind an der Infektion gestorben (das fanden die Forscher erst im Rahmen der Befragungen heraus), eine Mutter übertrug die Krankheit ihrem Kind – es überlebte. Vermutlich liegt die Dunkelziffer noch viel höher. Viele erkranken nur leicht oder gar nicht. Um den Ausbruch zu stoppen, müssen die Forscher jetzt jedoch unbedingt seine Quelle finden.

Eine mögliche Quelle von Listerie-Bakterien: Fertigsalate bei der Produktion. Foto: Keystone

Es ist Detektivarbeit. Ein Team des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts (Swiss TPH) in Basel forscht seit einigen Wochen danach, wo der aktuelle Listeriose-Ausbruch in der Schweiz seinen Ursprung haben könnte. Neben Labortests sind dabei Befragungen entscheidend. «Wir fragen die Kranken, was sie in den letzten Tagen gegessen haben», sagt Esther Künzli, Infektiologin am Swiss TPH. Künzli ist Teil des Teams, das den aktuellen Ausbruch untersucht. Gleichzeitig stellen die Forscher einer gesunden Kontrollgruppe die gleichen Fragen zu ihrem Menüplan der letzten Wochen. Dabei hoffen sie, auf ein bestimmtes Lebensmittel zu stossen, das die Kranken häufiger als die Gesunden zu sich genommen haben.

Ziemlich schwierig

Einfach sind diese Befragungen im Fall der Listeriose nicht. Die Patienten sind meist schwer krank, die Bakterien lösen Blutvergiftungen oder Hirnhautentzündungen aus, und die Betroffenen sind nicht unbedingt in der Lage, überhaupt Auskunft zu geben. Und selbst bei Gesunden ist die Suche nicht leicht. Wer weiss schon noch, was er vor mehreren Tagen zum Zmittag gegessen hat.

Ausserdem haben Listerien eine lange und sehr unterschiedliche Inkubationszeit. Es kann zwischen 3 und 70 Tage dauern, bis jemand Krankheitssymptome zeigt. «Bei einer Hochzeitsgesellschaft, die sich beim gemeinsamen Mittagessen mit Salmonellen angesteckt hat, ist das um vieles leichter», sagt Künzli. Der Fall ist dann regional begrenzt, und die Symptome treten nach spätestens drei Tagen auf.

Der aktuelle Ausbruch ist hingegen über die Schweiz verteilt. Menschen in den Kantonen Aargau, Neuenburg, Schwyz, Tessin, Wallis und Zürich sind erkrankt. Nachweisen lassen sich die Listerien mit einem Bluttest. Auffällig ist, dass der Erreger in allen Fällen identisch ist. Das haben die BAG-Experten mit einer Genanalyse herausgefunden. «Wegen dieser Häufung haben wir nun die Spurensuche in die Wege geleitet», sagt Daniel Koch, Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten beim BAG. Verschiedene Erregerquellen sind unwahrscheinlich. Gesucht wird also: ein bestimmter Käse. Oder ein Aufschnitt. Oder ein bestimmter Fertigsalat.

Betroffen war im Jahr 1987 vor allem das Waadtland, 122 Menschen erkrankten, 33 starben.

Verunreinigungen können an verschiedenen Stellen geschehen sein, bei der Herstellung oder der Verpackung. Bei tierischen Produkten aus Rohmilch, rohem Fleisch und Fisch sind die Listerien teilweise sowieso vorhanden, weil sie in Tieren sehr häufig sind.

Nicht nur in der Schweiz schlägt man sich mit dem Problem herum. Auch in der EU haben die ­Listeriose-Fälle in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen, in Deutschland haben sich die Zahlen von 2009 bis 2017 verdoppelt. Der Verdacht liegt nahe, dass die Vorliebe für frische, fertig verpackte Lebensmittel wie vorgeschnittene Salate eine Rolle spielen könnte. Ausserdem gibt es mehr alte Menschen, die anfälliger für eine Listeriose sind. «Verändertes Konsumverhalten kann tatsächlich einen solchen Anstieg mitverursachen», sagt Künzli. Doch die Ärztin hat noch einen anderen, weniger besorgniserregenden Verdacht. Die diagnostischen Methoden haben sich in den letzten zehn Jahren stark verbessert. Ob es tatsächlich mehr Fälle sind oder ob die besseren Methoden mehr Fälle aufspüren können, sei deshalb noch offen. In der Schweiz haben die Fälle weniger stark zugenommen als in der EU. Darum verbreitet auch das BAG vorderhand Zuversicht. «Im besten Fall ist es nur ein vorübergehendes Problem», sagt Koch.

2005 bestand der Verdacht auf Listerie bei Tomme-Käse: Ein Käser in Travers NE zeigt seine Produkte. Foto: Keystone

Wie schmal der Grat zwischen sachgerechter Information und Hysterie sein kann, sah man vor 30 Jahren, beim letzten grossen Ausbruch von Listeriose-­Erkrankungen in der Schweiz. Betroffen war im Jahr 1987 vor allem das Waadtland, 122 Menschen erkrankten, 33 starben. Schuld war ein Weichkäse aus Rohmilch, der Vacherin Mont-d’Or. Nachdem die Behörden die Quelle entdeckt hatten, musste sich der damalige BAG-Direktor für seine zurückhaltende Informationspolitik entschuldigen. Er habe nicht damit gerechnet, dass eine solche Aufregung entstehen würde. Und eine Aufregung entstand in der Tat.

Kampf dem «Killerkäse»

Täglich schrieb der «Blick» in mindestens so grossen Buchstaben wie die User in den Blogs heute über den «Killerkäse» aus dem Waadtland. Als letzte Massnahme verbaten die Waadtländer Behörden damals vorübergehend die Produktion und den Verkauf des Vacherin. Käser kippten Tonnen ihres Produkts in Abfallmulden, es gab Proteste, Kurzarbeit bei Käseherstellern und Vacherin-Protest-Degustationen von aufmüpfigen Waadtländern Bauern: jetzt erst recht. Die Affäre hatte internationale Auswirkungen. Weil die französischen Käser ennet der Grenzen ebenfalls Absatzeinbussen zu beklagen hatten, protestierten sie mit einer Wand aus Käse. Die Strassensperre aus Weichkäse blockierte mehrere Stunden das Stadttor von Pontarlier.

Davon ist die Schweiz heute weit entfernt. Auch weil der Übeltäter vielleicht nie gefunden wird. Die Befragungen der Forscher laufen noch. Einen eindeutigen Verdacht, wo die Quelle des Ausbruchs liegen könnte, haben die Spezialisten aber nicht. Auch ob sie das Rätsel überhaupt lösen können, ist unklar. Im besten Fall wird die Welle von allein ­abklingen. Wenn jener Weichkäse oder dieser spezielle Fertigsalat oder genau dieser Aufschnitt in den Läden aufgebraucht ist. Vielleicht. Hoffentlich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.10.2018, 06:32 Uhr

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