Der nette Wutbürger am Telefon

Wie ich einen wütenden Stimmbürger zum Nachdenken brachte – und er mich.

Pauschalurteile über Muslime sind unfair – und solche über Töfffahrer?

Pauschalurteile über Muslime sind unfair – und solche über Töfffahrer? Bild: Klaus-Dietmar Gabbert (DPA)

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Er könne die Wut der Bürger verstehen, sagte der Mann, der sich kürzlich nach einem TV-Auftritt per Telefon bei mir meldete. Das Volk entscheide, und dann halte sich in der Politik doch niemand daran. Er spüre selber wachsenden Frust und – ja – auch Wut. «Die da oben in Bern machen halt wirklich, was sie wollen.» Damit wolle er also sagen, fragte ich bewusst etwas naiv zurück, dass die in Bern nun einfach die Unternehmensteuerreform umsetzten, obwohl das Volk die Vorlage abgelehnt habe? So wie dies bei unzähligen anderen Behördenvorlagen geschehen sei, die im Referendum durchgefallen seien? «Natürlich nicht», gab er zurück. Das sei etwas anderes.

Doch ist es das wirklich? Politiker und Politikerinnen investieren Jahre in die Ausarbeitung eines Gesetzes und müssen am Schluss immer damit rechnen, dass ihre Arbeit von der Stimmbevölkerung mit einem schlichten Nein zu Makulatur gemacht wird. Die, die scheinbar machen, was sie wollen, bekommen die Macht des Volks immer wieder mit aller Härte zu spüren – ganz gleich ob es sich um Abstimmungen oder Wahlen handelt. Am Ende ist es nämlich nicht zuletzt das Volk, das macht, was es will. Da müssten ja auch die da oben in Bern frustriert sein, meinte der Herr am Telefon leicht ironisch und doch ohne Häme.

Die Propaganda vom «Volksverrat»

Befriedigt war er dennoch nicht, denn er hatte natürlich von Anfang an etwas anderes im Kopf. Ihn beschäftige diese «Zuwanderungssache». Da habe sich das Parlament doch einfach über den Volkswillen hinweggesetzt. Es ist schon bemerkenswert, wie sehr diese eine Initiative die Wahrnehmung von Politik in diesem Land in den letzten Jahren geprägt und alles andere überprägt hat. Das Umsetzungsdrama nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative hat in breiten Kreisen die Vorstellung «Die in Bern machen ohnehin, was sie wollen» zur gefühlten Wahrheit werden lassen.

Die Propaganda vom «Volksverrat» hat sich tief in die Köpfe eingegraben. Doch dass es gerade hier zu einem heftigen Konflikt zwischen Initianten und Umsetzungsorgangen kam, ist kein Zufall. Es liegt in der Sache selbst. Auch die Minarettinitiative hatte den Behörden nicht gefallen, dennoch werden seit ihrer Annahme keine Minarette mehr gebaut. Hier gilt: klarer Inhalt – klare Umsetzung. Wenn eine Initiative hingegen darin besteht, die hiesigen Behörden dazu zu verdonnern, mit der EU eine neue Zuwanderungsregelung auszuhandeln, von der beide Seiten nicht überzeugt sind, entsteht daraus kein befriedigendes Resultat. Er kenne dies aus dem Geschäft, überraschte mich das Gegenüber am Telefon. Wolle der Chef, dass jemand von den Angestellten eine Lösung ausarbeite, von der dieser nicht überzeugt sei, komme nie etwas Gutes heraus.

Töfffahrer, die Muslime der Passstrassen

Nun keimte etwas Hoffnung in mir auf, nur um sogleich dort zu landen, wo ein Gespräch über die Wut der Bürger fast zwangsläufig hinführen muss, beim Islam. Und da sei die Sache halt klar und eindeutig, hörte ich ihn sagen. Mit wenig Hoffnung auf Erfolg blieb ich meiner Rolle des erklärenden Einordners treu. Eine Wut auf alle Muslime treffe ganz viele Menschen, die mit Terrorismus so wenig am Hut hätten wie er und ich. Und da bestehe doch die Gefahr, dass die so geschaffenen Fronten den Konflikt bloss verschärften, war einer meiner Versuche.

Statt mit dem erwarteten Widerspruch reagierte mein Gegenüber mit einer Anekdote, die ich so schnell nicht vergessen werde. Tatsächlich sei ihm bei einer Passfahrt über den Grimsel etwas Ähnliches widerfahren. Ein paar Motorräder seien haarsträubend vorbeigedonnert. Oben auf dem Pass habe sich die Wut der übrigen Verkehrsteilnehmer jedoch auf alle Töfffahrer gerichtet. Auch auf jene, die – wie er – ganz vernünftig gefahren seien. Dieses Gefühl, dass er dabei diese Wut gespürt habe, sei kein gutes gewesen. Vielleicht sei dies gar nicht so anders als die Gefühle, die Muslime bei uns kennen.

Der Velofahrer in mir wollte sogleich widersprechen: Ich verstehe diese Wut, sie kommt mir selber bekannt vor. Töfffahrer sind nämlich wirklich eine Landplage. Doch ich konnte mich zurückhalten und stimmte dem netten Wutbürger am Telefon bloss zu. Und so war am Schluss er es, der mich mindestens so sehr über meine Vorurteile nachdenken liess. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.04.2017, 23:44 Uhr

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Michael Hermann

Michael Hermann ist Politgeograf.

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