«Der sozialpolitische Diskurs entfernt sich von der Realität»

Der Soziologe Ueli Mäder deutet das Nein zu den Mindestlöhnen auch als Votum der Angst.

Mitglieder der Gewerkschaft Unia forderten am 1. Mai in Basel einen Mindestlohn von 4000 Franken. Foto: Keystone

Mitglieder der Gewerkschaft Unia forderten am 1. Mai in Basel einen Mindestlohn von 4000 Franken. Foto: Keystone

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Die SVP-Initiative hat die Schweiz gespalten. Ist sie wieder geeint nach der Mindestlohninitiative?
Unabhängig vom Tagesgeschehen ist der Zusammenhalt immer noch relativ hoch – dank Dingen wie Geschichte, ­relativem Wohlstand, Föderalismus und der Rücksicht auf Minderheiten.

Aber gerade die Ablehnung der Mindestlöhne ist ein Schlag gegen eine Minderheit: die Tiefstlöhner.
Das kann man durchaus so sehen. Unter den Geringverdienern sind viele Ausländer, die gar nicht stimmen dürfen. Sind die zahlreichen Geringverdiener aber wirklich eine Minderheit? Ich glaube nicht. Der sozialpolitische Diskurs entfernt sich zunehmend von der Realität.

Wie meinen Sie das?
Mächtige Diskurse verfälschen die Wahrnehmung. Man spricht über Überalterung und Rentnerschwemme und übersieht dabei, dass der Rentneranteil nur bis 2035 so steigen wird. Danach kommen die geburtenschwachen Jahrgänge. Es gibt entgegen den Vorstellungen vieler Leute nicht mehr über 65-Jährige als unter 20-Jährige. Die Sozialwerke sind nicht derart bedroht, wie wir denken.

Es gibt also Raum für Umverteilung?
Zumindest gibt es einen Bedarf. In Statistiken wird von schweizweit weniger als 200 000 Working Poor gesprochen. Berücksichtigt man die Familiensituation und zieht auch kleinere Arbeitspensen mit in die Statistik ein, dann verdoppelt sich die Zahl.Gemessen am BIP sind die Sozialausgaben seit 2004 gesunken. Doch davon nehmen nur wenige Notiz.

Herrscht eine Wohlstandsillusion?
Die Lebensumstände mancher Gruppen sind prekärer geworden. Die sogenannte Mittelschicht wird zwar mobiler, büsst bei Jobwechseln aber öfter an Einkommen ein. Ich traf kürzlich einen ehemaligen kantonalen FDP-Präsidenten und ehemaligen Bankdirektor, der seit Monaten arbeitslos ist. Das wäre früher undenkbar gewesen.

Wie viel Zukunftsangst schwingt in den Abstimmungsresultaten mit?
Die geschürte Angst dürfte ein bedeutender Faktor gewesen sein. Offenbar verstellt sie auch den Blick auf ausgewogene Lösungen. In der Vergangenheit hat die Schweiz vielfach Kompromisse geschlossen. Eine gesetzliche Lohnabsicherung wäre eine gute Ergänzung zum liberalen Schweizer Arbeitsrecht gewesen.

Generalarbeitsverträge mit Mindestlöhnen sind verbreiteter als zur Jahrtausendwende.
Problematisch an dieser Zunahme ist die Beliebigkeit. Die Wirtschaft macht Zugeständnisse, wenn es politisch opportun ist. Die langjährige Abwehrhaltung ist ein Grund für die Initiativen der jüngsten Zeit. Nach wie vor ist nur die Hälfte der Arbeitstätigen einem GAV unterstellt, nur die Hälfte der GAVs umfasst einen Mindestlohn. Ich kenne Gewerkschafter, die ihr halbes Leben mit dem Kampf für einen GAV verbracht haben.

Trauen Sie der Wirtschaft zu, die Sozialpartnerschaft hochzuhalten?
Ich nehme sehr unterschiedliche Kräfte wahr. Manchen Betrieben ist der Dialog ziemlich schnuppe, anderen ist er ein echtes Anliegen. Sie haben den Gewerkschaften zugehört, als diese einen Mindestlohn über 3000 Franken und später über 4000 Franken ins Spiel brachten. Nicht die ganze Wirtschaft ist der Ansicht, dass allein die hohe Produktivität und der grosse Gewinn zählen.

Braucht es Gewerkschaften noch?
Es braucht weiter starke Gewerkschaf-ten – vielleicht sogar noch dringender. Die Gewerbeverbände haben eine starke Lobby und die hegemoniale Deutungsmacht über viele wirtschaftliche Realitäten. Nichts garantiert, dass sich die Lohnspirale nicht wieder nach unten dreht.

Müssen die Gewerkschaften ihre Strategie ändern?
Die Gewerkschaften sollten nicht nur auf höhere Löhne und bessere Arbeitszeiten pochen, sondern möglichst nahe bei den Betrieben sein. Wo drückt wirklich der Schuh? Materielle Fragen sind vielfach nur die eine Seite. Die Sinnfrage an der Arbeit, das Zusammenleben im Betrieb ist ebenso wichtig.

Sind vermehrte Streiks ein Weg?
Kampfmassnahmen sind und bleiben wichtige ergänzende Schritte. Die Schweiz ist ein enorm reiches Land. Doch wenn sich die sozialen Gegensätze weiter verschärfen, dann bricht auch der viel gelobte Zusammenhalt auf.

Erstellt: 20.05.2014, 07:44 Uhr

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Ueli Mäder

Der 63-Jährige ist Professor für Soziologie an der Universität Basel.

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