Der unkontrollierbare Einzelkämpfer

Walter Wobmann hat praktisch im Alleingang das Minarettverbot durchgebracht und die Erhöhung der Autobahnvignette gebodigt. Nun tritt er gegen die Bahnfinanzierung an.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das winzige Büro liegt eingeklemmt zwischen Wohn- und Essraum sowie Wintergarten: Auf dem Pult türmen sich die Dossiers bis zu einen halben Meter hoch, die Büchergestelle an den Wänden quellen über, der ganze Raum ist proppenvoll mit Akten und Papierstapeln. Da sorgt keine tüchtige Sekretärin für bürokratische Ordnung, da räumt niemand weg, was vielleicht noch gebraucht wird, da weiss nur er allein, wo sich was angesammelt hat. Es ist das Büro eines Einzelkämpfers – das Büro von Walter Wobmann. Hier, bei sich zu Hause in diesem adretten Einfamilienhaus an der Sagigass 9 in Gretzenbach, hier laufen die Fäden zusammen. Hier hat er seine drei Standbeine verankert, hier wirkt er unermüdlich: beruflich als viel reisender Verkaufsleiter, politisch als konservativer SVP-Nationalrat, leidenschaftlich als Präsident der nationalen Motorradfahrerverbandes FMS.

Aktuell ist er für seine grosse Passion unterwegs – für den Motorsport. Die erste Januarwoche verbrachte der «höchste Töfffahrer» der Schweiz in Andalusien. Die Hersteller von Ducati und MV-Agusta hatten zu Testfahrten nach Spanien eingeladen. Er selber besitzt eine Kawasaki Z 750 R. Walter Wobmann gerät rasch ins Schwärmen, wenn er vom Motorsport redet. Von den Weltklasse-Rennen der Schweizer Talente Tom Lüthi und Dominique Aegerter, die er etwa ins Ausland begleitet. Von den gemütlichen Höcks und lockeren Zusammenkünften unter motorisch Gleichgesinnten. Vom Isebähnli, dem nahe gelegenen Töfftreff am Hauenstein, wo er die erste Begegnung mit seiner Frau Susann eingefädelt hatte. «Freiheit und Kameradschaft – das ist Töfffahren», sagt er.

Grundsatzdiskussion

Und dafür gibt er gerne Gas, legt sich auch in die politischen Kurven, lobbyiert ungeniert durchs Bundeshaus und ist viele Kilometer unterwegs mit dem klar definierten Ziel, den Strassenverkehr vor all den Verunglimpfungen, Diffamierungen und Schmähungen zu bewahren, die ihm von diesen grün-roten ÖV-Fundis drohen. «Es ist einfach nicht richtig, dass der Privatverkehr so viele andere Verkehrsträger mitfinanzieren muss», sagt Wobmann, der gelernte Automechaniker. Und stellt sich gegen die Vorlage zu Finanzierung und Ausbau der Bahninfrastruktur (Fabi), über die am kommenden 9. Februar abgestimmt wird.

Auch bei der Fabi-Abstimmung gehe es, wie zuvor beim Referendum gegen die 100-Franken-Vignette, um Grundsatzdiskussionen über die Verkehrsfinanzierung, meint der dezidierte Strassenpolitiker und erinnert an die dritte Vorlage in dieser Serie: an die «Milchkuh»-Initiative der Autolobby «für eine faire Verkehrsfinanzierung», die im März eingereicht wird. All diesen Engagements gemeinsam ist der Alleingang. Wobmann, dieser hemdsärmlige Politiker aus dem solothurnischen Mittelland, dieser Bewahrer jener Schweizer Mentalität zwischen A 1 und erster Jurakette, dieser «gmögige» Volksvertreter mit leichtem Schulsack und ohne hochtrabende Rhetorik, dieser aufrechte Volksparteiler, der parteiintern als «Chrampfer» gilt, schon bei fünfzig neuen SVP-Ortsparteien Pate stand, dieser Wobmann hat sich beharrlich das Image des Einzelkämpfers zugelegt.

Vater des Minarett-Verbots

Das war 2009 beim Minarettverbot so, das er in einem Dreierteam lanciert und dann mit dem minimal dotierten Egerkinger Komitee durchs Land geboxt hatte; das war im vergangenen November so, als er wiederum ohne grossen Parteiapparat im Rücken gegen die massive Preiserhöhung für die Autobahnvignette antrat; das ist jetzt wieder so, wenn er trotz erdrückend klarer Mehrheiten im Bundeshaus und ohne Geld aus der Parteikasse die Fabi-Vorlage bekämpft. Und das wird in Zukunft so sein, wenn er eine Initiative für ein Burkaverbot nach Tessiner Vorbild lancieren will. Als treue Weggefährtin ist jeweils die Bernerin Nadja Pieren dabei.

Mit ihr ist er auch privat freundschaftlich verbunden. «Wir kommen super aus», schwärmt «der rechte Wunderknabe aus Gretzenbach» («Tages-Anzeiger») über das «absolute Talent» aus Burgdorf. «Das Freie, das Unabhängige prägt meine ganze Politik», sagt Wobmann über seine Rolle als unbremsbarer Einzelstarter, «das gefällt mir, das muss so sein.» «Walter Wobmann wird von den meisten unterschätzt und belächelt», sagt der Solothurner SP-Ständerat Roberto Zanetti. «Das kümmert ihn nicht, und er dreht sein Ding – wie die Vergangenheit gezeigt hat, recht erfolgreich.»

Aufgewachsen im Entlebuch

Um diesen Sololäufer zu verstehen, ist ein Blick in seine Vergangenheit dienlich. Walter Wobmann ist im Entlebuch aufgewachsen. Genauer: in «Schüpfe» (zu Deutsch Schüpfheim). Voglisberg, Buechli, Änetämme und Änetacher heissen die Fluren am Hügelzug entlang der Kleinen Emme. Dort, auf der Oberischwand, ist Walter als jüngstes von sechs Kindern auf einem Bauernhof aufgewachsen. Da galt es anzupacken, wenn andere Fussball spielten. Die Schule hatte es ihm nicht angetan, dem ungeliebten Lehrer wurde einmal an allen vier Pneus die Luft rausgelassen. Was Strafarbeiten am schulfreien Mittwochnachmittag zur Folge hatte.

Auch in der Kirche, streng katholisch, war er nur zweimal als Ministrant zu sehen, dann nie mehr. Dafür kam das Töfffahren. Mit 15 Jahren baute er sich seinen ersten alten Töff in eine Motocrossmaschine um. Die hügelige Gegend war geradezu ideal für wilde Ritte quer übers Land. Später kamen Strassenrennen dazu, und der Luzerner Hinterländer konnte seine Begeisterung für starke Motoren auf zwei Rädern ausleben, hatte sein soziokulturelles Umfeld gefunden. Der Motorsport sollte ihm zum Trittbrett werden für seine politische Karriere. Walter Wobmann dankt es mit viel Lobbyarbeit gegen die «Diskriminierung des Motorsports in der Schweiz».

Sätze aus dem SVP-Programm

Und er nutzt das Zweckbündnis ungeniert für weitere politische Botschaften. So liess er an der letzten «Motorrad-Landsgemeinde» Statements absegnen wie: «Als verantwortungsvolle Staatsbürger kämpfen wir für eine freie, unabhängige Schweiz, die ihre Angelegenheit selbst bestimmt.» Und: «Wir wollen unsere einzigartigen Volks- und Freiheitsrechte hochhalten und dulden keine Unterwerfung unter fremdes Recht und fremde Richter.» Die Sätze könnten dem SVP-Parteiprogramm entnommen sein. Wobmann lässt die Töffcommunity fadengerade auf seine politischen Ziele einspuren. So wird der Einzelkämpfer aus Gretzenbach auch bei den nächsten Nationalratswahlen im Kanton am meisten Stimmen erzielen.

Erstellt: 30.01.2014, 10:06 Uhr

Zur Person

Walter Wobmann ist am 21. November 1957 geboren und in Schüpfheim im Kanton Luzern aufgewachsen. Er lernte Automechaniker, machte diverse Weiterbildungen in Betriebs- und Personalführung und ist seit 1996 Verkaufsleiter in einer Werkzeughandelsfirma. Seine politische Karriere begann er von 1997 bis 2001 als Gemeinderat in Gretzenbach. Dann war er bis 2003 Kantonsrat und seither Nationalrat. Walter Wobmann ist verheiratet, Vater von drei erwachsenen Kindern und wohnt in Gretzenbach.
uz

Artikel zum Thema

Der halbe Winkelried

Im Parlament unterstützte SVP-Nationalrat Walter Wobmann den Ausbau der Bahninfrastruktur für 6,4 Milliarden Franken. Kurz vor der Abstimmung bekämpft er die Fabi-Vorlage. Wie passt das zusammen? Mehr...

Präsident der Anti-Minarett-Initiative soll in den Ständerat

Noch nie war die SVP des Kantons Solothurn im Ständerat vertreten. Mit Walter Wobmann soll sich dies nun ändern. Mehr...

Zwei Drittel des Parlaments sind für Fabi

Im Februar kommt die Bahnvorlage Fabi vors Volk. Das Ja-Komitee warb in Bern für die Annahme des Finanzierungsprojekts. Ein Blick in die Reihen der Befürworter zeigt: Fabi findet Anhänger in fast allen Parteien. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...