Die SVP in der Klimafalle

Ists Klimawandel? Oder nur eine Phase? Die SVP-Bauern sind sich uneins.

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Der Mann klingt verzweifelt. «Dieser Sommer ist schlimm für uns», sagt Andreas Aebi, Bauer. «Ich musste mein ganzes Leben noch nie Gras bewässern, jetzt muss ich es. Wir beginnen die Wintervorräte zu verfüttern, das ist schlecht.» Aebi ist Nationalrat der SVP, der aus der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei hervorgegangenen Partei. Der Partei der Landwirte also – und der Klimawandel-Verneiner. Roger Köppel fragte im Nationalrat süffisant, wie es zu erklären sei, dass zur Zeit des Römischen Reichs die Temperaturen in Europa viel höher gewesen seien als heute?

Das war letztes Jahr, es ging um das Pariser Klima-Abkommen. Die SVP betont in ihrem Positionspapier zur Klimapolitik, Klimaveränderungen habe es in der Erdgeschichte schon immer gegeben. «Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass die alarmierenden Meldungen der letzten Jahre, wonach menschliche Aktivitäten das Klima der Erde beeinflussen würden, nicht der Realität auf diesem Planeten entsprechen.» Das Papier ist fast 10-jährig, aber für die Partei noch immer gültig.

Seen werden angepumpt

Gross ist die Diskrepanz zwischen dem kalten Ton der SVP-Funktionäre und dem Horror der Bauern, zwischen Papier und Alltag. Wegen der hohen Temperatur und des fehlenden Regens trocknen die Felder aus. Kühe müssen geschlachtet werden, weil das Futter fehlt. Flüsse und Seen werden angepumpt, die Armee fliegt Wasser auf die Alpen.

Meteo Schweiz zufolge registrieren alle Messstationen seit Anfang der 60er-Jahre eine Zunahme hoher Tagestemperaturen. Für die Wissenschaft ist absehbar, dass heisse Sommer wie jetzt öfters vorkommen werden. Ist klar, dass der Klimawandel real ist. Reto Knutti, Klimaphysik-Professor der ETH, forderte jüngst im «Blick» eine deutlich radikalere Klimapolitik. Innerhalb der nächsten 30 Jahre müsse Westeuropa wegkommen von den fossilen Brenn- und Treibstoffen – «runter auf null Emissionen».

Lieber nicht kommentieren

Die Zusammenarbeit zwischen Bauern und dem Finanzflügel um Blocher, Matter und Co. klappte lange exzellent, weil man sich entgegenkam. Die einen schauten, dass die Bauern nicht zu sehr dem garstigen Markt ausgesetzt wurden. Dass die Subventionen flossen. Im Gegenzug folgten die Bauern, derzeit sinds zehn SVP-Nationalräte, zuverlässig der Fraktionslinie.

Verdampft diese Allianz nun wegen des Klimawandels? Das Klimapapier stösst in diesen trockenen Tagen jedenfalls nicht auf Begeisterung. «Es obliegt nicht mir, das Positionspapier meiner Partei zu kommentieren», sagt merkwürdig diffus Nationalrat Markus Hausammann. Der Thurgauer hatte sich im Nationalrat bei der Abstimmung zum Pariser Klimaabkommen enthalten, im Gegensatz zur Mehrheit seiner Fraktion. Sogar Ja gestimmt hatte die Waadtländerin Alice Glauser – eine Bäuerin. Aebi sagt unwirsch: «Es ist eine Frage der Zeit, bis die jungen Schwalben bei uns aus den Nestern fallen, weil es ihnen zu heiss wird ...» Zurzeit hätten die Bauern weiss Gott Wichtigeres zu tun, als sich mit Parteiprogrammen zu beschäftigen.

«Alles gedeiht»

Ein SVP-Bauer, dessen Denken und Arbeiten noch mit dem Parteiprogramm harmonisiert, ist Marcel Dettling. Früher habe man sich über Götter beklagt, jetzt gebe man dem CO2 die Schuld, so der Schwyzer. Bei den Hitzesommern handle es sich um eine Phase, eine normale Schwankung. «Es wird auch wieder kälter werden.» Als Innerschweizer hat Dettling das Glück, in günstiger Lage und mit sprudelnden Wasserquellen bauern zu können. «Tipptopp» laufe es, «alles gedeiht.» Dettling gibt die Losung aus: Man müsse mit dem leben und arbeiten, was man habe.

Die politische Konkurrenz hat die Spannungen innerhalb der SVP-Bauernschaft bemerkt. Regula Rytz etwa, Präsidentin der Grünen, sagt: «Mir scheint, die SVP verliert immer mehr Rückhalt bei den Bauern.» Vor zehn Jahren sei die Allianz noch stärker gewesen. Die Nationalrätin sieht nicht zuletzt ihre eigene Partei als Profiteurin. Die breite Unterstützung der Fair-Food-Initiative zeige, dass die Bauern sich gegenüber grünen Anliegen öffneten. Ein Beispiel für den Stimmungswandel ist für Rytz Xavier Challandes, der Neuenburger Winzer und Kantonsrat, der letztes Jahr von der SVP zu den Grünen gewechselt ist. Auch zeigten sich die bauernden SVP-Parlamentarier im persönlichen Gespräch aufgeschlossener als in ihrem Abstimmungsverhalten.

Nächsten Dienstag wird der Bauernverband ein Forderungspaket vorstellen, das Hitzeschäden mildern soll. Der Präsident des Verbands, der CVPler Markus Ritter, appelliert an die Klima-Skeptiker unter den Landwirten: «Der Klimawandel ist leider eine Tatsache, daran ist nicht zu deuteln.» Ganz der nüchterne Bauer, fügt Ritter an: Wenn man nicht mehr tue, werde das noch viel Geld kosten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.08.2018, 08:16 Uhr

Andreas Aebi. (Bild: Keystone )

Markus Hausammann. (Bild: Keystone )

Marcel Dettling. (Bild: Keystone )

Regula Rytz. (Bild: Keystone )

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