Die andere Seite von Alexander Tschäppät

Der ehemalige Berner Stadtpräsident war nicht nur volksnah und umgänglich. Er war auch anzüglich und aufdringlich. Sein Beispiel führt zur Frage: Wie soll man über Verstorbene reden?

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Hat uns ein ganz grosser Mensch verlassen mit ganz kleinen Fehlern – einen, wie es ihn nicht mehr geben wird? Zu diesem Schluss muss kommen, wer die Nachrufe über Alexander Tschäppät liest.

Selbstverständlich hat der sozialdemokratische Instinktpolitiker viel für Bern getan, er liebte seine Stadt, hielt sie im Gespräch, erhöhte ihre Lebensqualität. Natürlich amtete er als Stadtpräsident, wie man sich einen wünscht – ansprechbar, umgänglich, bekannt weit über Bern hinaus. Gute Stadtpräsidenten sind oft gute Selbstdarsteller; so gesehen war Tschäppät ein sehr guter Stadtpräsident.

Trotzdem stört einen diese Mischung aus Pathos, Verherrlichung und Staatstrauer, die einem aus den Zeitungen der letzten Tage entgegenweht. Denn was in den meisten Nachrufen nur an ihren Rändern erwähnt und dann noch verharmlost wird, war ein Problem, mit dem sich viele Frauen konfrontiert sahen: Alexander Tschäppät war ein Frauenbelästiger. Kein Vergewaltiger zwar, kein Bedroher oder anderweitig Gefährlicher.

Aber er machte dauernd Frauen an. Anzüglich, aufdringlich, unbelehrbar. Viele Frauen sagten das, sehr viele Leute in Bern redeten darüber, auch die Presse kannte seine Behelligungen, auch ihr Ausmass. Tschäppäts Problem wurde ein paarmal zum öffentlichen Thema gemacht, richtig belangt wurde er nie dafür. Als die #MeToo-Bewegung in Fahrt kam, war er nicht mehr Stadtpräsident, sonst wäre er vermutlich stärker drangekommen.


Der letzte seiner Art Die Reaktionen auf den Tod von Alexander Tschäppät zeugen von der Sehnsucht nach damals, als alles einfacher war. Aber nicht unbedingt besser. (Abo+)


Die ehemalige grüne Nationalrätin Aline Trede wagte es, sich öffentlich gegen Tschäppät zu wehren, nachdem er, wie sie sagte, unter dem Tisch seine Hand auf ihr Knie gelegt hatte. Sie stand auf und setzte sich woanders hin. Zwei Jahre später machte sie den Übergriff via «TeleBärn News» publik, Tschäppät stritt alles ab. Dafür warf man Trede vor, sie habe sich bloss profilieren wollen.

Wie soll man über Verstorbene reden? Dürfen wir nur noch das Schöne von ihnen sagen? «De mortuis nil nisi bene», genau das impliziert die lateinische Redewendung: von den Toten nichts ausser auf gute Weise. Geht nur das? Die beste Antwort gelang dem «Spiegel»-Begründer Rudolf Augstein. Als Franz-Josef Strauss 1988 starb, «mein Weggenosse», wie er seinen Gegner nannte, der gegen ihn prozessiert hatte, begann Augstein den Nachruf mit einer doppelten Absage. «De mortuis nil, das geht nicht.» Nisi bene aber: Das gehe auch nicht.

Video – «Er war mit Haut und Haaren Stadtpräsident»

Der aktuelle Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried erinnert sich an seinen Vorgänger Alexander Tschäppät. Video: Tamedia (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2018, 18:02 Uhr

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