Porträt

Die erste Geige der Grünen

Er sei ein Stadtmensch, sagt der Zürcher Nationalrat Balthasar Glättli über sich. Nun beendet der IT-Freak und ewige Student seine erste Session als wirbliger Fraktionspräsident.

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Es bleibt nicht viel Zeit. Also bestellt er schnell einen gemischten Salat, dazu ein Rivella grün. Das Grand Café des Alpes im Bundeshaus entleert sich rasch an diesem frühen Nachmittag. Balthasar Glättli, wie gewohnt in blauem Hemd ohne Krawatte und leichtem grauen Anzug, redet über den Salat hinweg, gestikuliert viel und mit beiden Händen, wechselt nahtlos von der Analyse ins Erzählerische und umgekehrt. Zwischendurch schliesst er auffällig die Augen – als ob er gegen innen schauen wollte, was gegen aussen zu sagen sei. Den Tick hätte er gar nicht nötig. Wenn er über fundamentale Themen redet wie über eine sozial gerechte Energiewende, über Alternativen zum rein wirtschaftlichen Wohlstand, über die Rolle der Informationstechnologie und über den gesellschaftlichen Wandel in Richtung «Slow Life»: Dann trägt Balthasar Glättli seine politischen Überzeugungen sattelfest und ohne Denkpausen vor.

Chrampfer und Wirbelwind

Dann redet der 41-Jährige rhetorisch durchtrainiert wie ein alter Politfuchs. Dann ist er ganz «der mitteilsame Denker» (NZZ), der «Chrampfer» und «Wirbelwind», der «Lautsprecher der Grünen», wie er von Aussenstehenden beurteilt wird. Politiker anderer Parteien, die wie er unüberhörbar aus Zürich kommen, bewerten ihn unterschiedlich: FDP-Nationalrat Ruedi Noser etwa nennt ihn einen «cleveren Typen und guten Ratskollegen», während er für den Asylhardliner Hans Fehr (SVP) «ein unverbesserlicher linker Gutmensch» ist, der am liebsten alle Ausländer aufnehmen möchte: «Diese Gutmenschenphilosophie breitet er vor allem in den Kommissionssitzungen gerne wortreich und mit pfarrherrlichem Gehabe aus, was manchmal nervt.» Gleichzeitig sei Glättli aber, räumt Fehr ein, «ein schlagfertiges Pürschtli, mit dem ich an Podien gerne die Klinge kreuze».

Er sei «nicht unbedingt ein Witzbold und Sprücheklopfer», kommentiert Glättli sich selber und seinen Auftritt bei «Giacobbo/ Müller» nach seiner Wahl zum grünen Fraktionschef. Der innerparteiliche Aufstieg nach nur zwei Jahren im Bundeshaus hat ihm rasch zu dem verholfen, was er nicht ungern hat: viel Medienpräsenz und viele Fernsehminuten. Da war die «Arena» über Bürgerrechte und Einbürgerungen, dann die sonntägliche Satiresendung und tags darauf noch eine vierzigminütige Diskussionsrunde im welschen Fernsehen zur Pauschalbesteuerung: «eine echte Challenge». Zudem hatte er die Fraktion schon in der ersten Session unter seinem Präsidium durch umstrittene Themen wie das Freihandelsabkommen mit China und heikle Vorgänge wie die Neuzuteilung von Kommissionssitzen zu manövrieren.

Viele Fernsehminuten

Er tat dies auf seine Art: mit Vollgas. Und deckte seine Fraktionskollegen umgehend in zahlreichen Mails mit Terminen und Deadlines ein. Er wolle die Fraktionsarbeit IT-mässig optimieren, hat sich Balthasar Glättli vorgenommen. Die nötigen Fähigkeiten dazu hat er: Als Kind der IT-Generation weiss Glättli die sozialen Netzwerke wie Facebook, Twitter und Politnetz.ch bestens zu nutzen. Im Bundeshaus hat er sich als PC-Troubleshooter etliche Freunde gemacht. An seinem dünnen Handgelenk trägt er eine auffällige Digitaluhr, die ihm via Bluetooth Anrufe auf sein Natel anzeigt. «Das ist meine Nerd-Seite», schmunzelt Glättli und übersetzt den englischen Kultbegriff Nerd mit: verpickelter junger Sonderling, der nächtelang vor dem Computer sitzt. Das Internet sollte denn auch sein ständiger Begleiter im beruflichen Werdegang sein – seine Berufung war aber stets auch die Philosophie.

Seit der Matur werkelt er an einem Philosophiestudium herum, nächstes Jahr fällt die Guillotine der Studienzeitbeschränkung. Apropos Matur: Es war in der Kantonsschule in Wetzikon, wo sich der junge Glättli erstmals politisch einbrachte, bald einmal zum Klassensprecher aufstieg, mit reformfreudigen Lehrern gegen die Schulleitung opponierte und draussen auf der Schulhaustreppe seine Geige spielte, um zusammen mit seinem Schulschätzeli für deren Bibelgruppe zu werben. Was ihm, damals noch mit langen Haaren und im Hippielook, unter seinen Schulkollegen prompt den Übernamen «Jesus» einbrachte.

Das Engagement der Kirche in den Drittweltländern motivierte ihn dann zur Gründung des Vereins Welt, Umwelt, Mitwelt mit dem Ziel, öffentliche Veranstaltungen und Filmabende zu organisieren. Der Boden war geebnet, es sollte nur eine Frage der Zeit sein, bis eine Partei im «Zürcher Oberländer» auf den fleissigen Leserbriefschreiber aufmerksam wurde. Es waren die Grünen, die ihm die nötigen Steigbügel für seine steile Politkarriere boten: 1998 wurde Glättli – als jüngstes Mitglied – in den Zürcher Gemeinderat gewählt, wo er umgehend das Fraktionspräsidium übernahm. Wenige Jahre später lieferte sich der prononciert linke Glättli jenen legendären Machtkampf mit der damaligen Regierungsrätin und heutigen Ständerätin Verena Diener und Nationalrat Martin Bäumle, der 2004 in der Spaltung der Grünen und der Gründung der Grünliberalen enden sollte.

Er sieht sich nicht als Ökofundi

Glättli mag den politischen Diskurs ebenso wie den öffentlichen Auftritt, sei es an einer Nacktdemo gegen den Autoverkehr oder als Drahtzieher des Zürcher Tramstreiks vom Mai 2011. Solche Strassenarbeiten verhalfen ihm zur nötigen Publizität und letztlich zur problemlosen Wahl in den Nationalrat. «Ich bin ein Stadtmensch», grenzt sich Balthasar Glättli von der Seide-Wolle-Bast-Ecke der Grünen ab. Tatsächlich gilt er weder in Zürich noch in Bern als gspüriger Ökofundamentalist, sondern als intellektueller Vordenker für eine bessere Welt. «Ich war ein Bücherwurm», beschreibt Glättli seine Kindheit, die von einer Leukämieerkrankung im Alter von 6½ Jahren geprägt war.

Deswegen wurde er die ersten beiden Schuljahre von seiner Mutter zu Hause unterrichtet, in der Oberstufenschule amtete dann sein Vater – ein musikalischer Mensch, der Klavier, Orgel und Trompete spielte, einen Jugendchor leitete, Balthasar für die Geige begeisterte, sein jüngerer Bruder wurde Cellist. Noch heute trifft sich der musikalische Bundespolitiker einmal pro Woche mit Gleichgesinnten, um für zwei Stunden in einem Streichertrio zu musizieren. «Als Politiker denkt man immer in Varianten des Bisherigen», sagt Balthasar Glättli und plädiert für einen Paradigmenwechsel. Nun bleibt abzuwarten, welche neuen Varianten sich der neue Fraktionschef der Grünen ausdenkt.

Erstellt: 13.12.2013, 08:45 Uhr

Zur Person

Balthasar Glättli ist am 12. Februar 1972 geboren und in Wolfhausen, Gemeinde Bubikon, im Zürcher Oberland aufgewachsen. Nach der Kantonsschule in Wetzikon begann er ein Philosophiestudium, gründete dann aber eine Internet-Consulting-Firma. Nach diversen Jobswar er von 2003 bis 2010 Geschäftsführer von Solidarité sans frontières, dann bis 2012 Kampagnenleiter der Gewerkschaft VPOD, heute erledigt er noch Einzelaufträge für Kampagnen und Webdesign.
Von 1998 bis 2011 sass er für die Grünen im Zürcher Gemeinderat, 2011 wurde er in den Nationalrat gewählt. Balthasar Glättli wohnt mit seiner Partnerin, SP-Gemeinderätin Min LiMarti, in Zürich.
uz

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