Doppelte Hürde für Gentests an Embryonen

Jedes Paar, das auf künstliche Befruchtung zurückgreift, soll künftig kranke Embryos aussortieren können.

«Dieses Thema lässt niemanden unberührt»: Bundesrat Alain Berset.

«Dieses Thema lässt niemanden unberührt»: Bundesrat Alain Berset. Bild: Peter Schneider/Keystone

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Die Schweiz ist bei der Fortpflanzungsmedizin eines der restriktivsten Länder in Europa. Verboten ist bis heute unter anderem die Präimplantationsdiagnostik (PID), die genetische Untersuchung von Embryonen, die ausserhalb des Mutterleibes durch künstliche Befruchtung entstanden. Damit diese Tests vor der Einpflanzung des Embryos nun auch in der Schweiz angewandt werden dürfen, muss das PID-Verbot in der Verfassung aufgehoben werden. Darüber stimmen Volk und Stände am 14. Juni ab.

Wie heikel diese Vorlage ist, zeigt die Tatsache, dass mit Alain Berset bereits der dritte Bundesrat dieses Dossier betreut. Nach dem ersten Parlamentsbeschluss für die PID von 2004 hat es gut zehn Jahre gedauert, bis das Volk darüber abstimmen kann. «Dieses Thema lässt niemanden unberührt», sagte Berset gestern zur Eröffnung des Abstimmungskampfes. «Denn es geht um den Kinderwunsch und die Selektion menschlicher Embryonen.»

Das Besondere dieser Abstimmung ist, dass der Kampf sich vorwiegend um Detailbestimmungen dreht, über die das Volk noch gar nicht befragt wird. Die umstrittenen Details betreffen die Zahl der Embryonen, die die Mediziner bei der In-vitro-Fertilisation künftig herstellen dürfen, und die zulässigen genetischen Tests. Der Bundesrat wollte ursprünglich die PID nur Eltern zugänglich machen, in deren Familien schwere, unheilbare erbliche Krankheiten vorkommen. Das Parlament aber entschied sich dafür, dass alle Paare ihre Embryonen auf Erbkrankheiten und Chromosomenanomalien testen lassen dürfen. So kann etwa bereits vor der Einpflanzung des Embryos die Trisomie 21 eruiert werden, die zum Downsyndrom führt. Die Auswahl der Embryonen aufgrund des Geschlechts oder anderer körperlicher Merkmale bleibt verboten.

Der Bundesrat und die Befürworter wollen die Diskussion über Verfassungsartikel und Gesetz so gut es geht auseinanderhalten. «Es besteht allerdings die Gefahr, dass beides vermischt wird», sagte Berset. Falls das Volk im Juni dem Verfassungsartikel zustimmt, beginnt danach die 100-tägige Referendumsfrist zu laufen. Die Gegnerschaft aus dem christlich-religiösen Lager, aus Behindertenverbänden und Gentechkritikern hat das Referendum bereits vorsorglich angekündigt, weshalb die 50'000 Unterschriften auch zustande kommen dürften. Die Abstimmung über das Gesetz würde dann in einem Jahr stattfinden.

Doch die Gegner der PID wollen das Volk bereits jetzt überzeugen und der PID einen Riegel vorschieben. Die meisten Mitglieder des Komitees «Nein zur PID» seien grundsätzlich gegen die Einführung der Präimplantationsdiagnostik, sagt die Berner EVP-Nationalrätin Marianne Streiff. Sei die Tür erst einmal einen Spalt weit geöffnet, lasse sich die Entwicklung hin zur genetischen Selektion nicht mehr verhindern. «Man darf die Büchse der Pandora nicht öffnen.»

Doch nicht alle, die das Gesetz ablehnen, sind grundsätzlich gegen die PID. Integration Handicap, der Dachverband der Behindertenorganisationen, lehnt das Gesetz ab, weil es die systematische Untersuchung der Embryonen auf genetische Schäden erlaubt. Integration Handicap wolle aber jenen Eltern, in deren Familien schwere, unheilbare Erbkrankheiten vorkämen, die PID ermöglichen, sagt Verbandspräsidentin Pascale Bruderer. Die Schweiz werde sonst bald das einzige Land in Europa sein, das PID verbiete. Österreich kennt zurzeit noch ein Verbot, dieses dürfte jedoch bald fallen.

Was macht die linke Basis?

Bruderer, Aargauer SP-Ständerätin, plädiert für eine differenzierte Haltung: Ja zum Verfassungsartikel, Nein zum Gesetz. Ein Referendum gegen das Gesetz werde Integration Handicap «ideell» mit einer Nein-Parole unterstützen, nicht aber mit aktivem Unterschriftensammeln. Allerdings sei es nicht einfach, die differenzierte Position zu vermitteln. Sie habe Verständnis für die Taktik der Gegner, schon jetzt über das Gesetz zu debattieren, weil das Parlament über die restriktive Lösung des Bundesrates hinausgegangen sei. Im Parlament stimmte nur die CVP/EVP-Fraktion gegen den Verfassungsartikel, jedoch war die CVP in zwei fast gleich grosse Lager gespalten. SP und Grüne waren für die Verfassungsänderung, aber gegen das Gesetz. Offen ist, ob die linke Basis dieser differenzierten Haltung folgt.

Für die Fortpflanzungsmediziner stellt das Gesetz das Minimum dar, damit die Schweiz den Rückstand zu den anderen Ländern aufholen kann. Bruno Im-thurn, Direktor der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie am Universitäts-spital Zürich, wird deshalb der Diskussion über das Gesetz nicht ausweichen. «Die Politik wollte, dass das Gesetz bei der Verfassungsabstimmung vorliegt und die Stimmbürger nicht die Katze im Sack kaufen.» Imthurn verweist darauf, dass die im Gesetz zugelassenen Tests die gleichen sind, die schon heute in der 11. und 16. Schwangerschaftswoche durchgeführt werden und die Eltern häufig zu einer Abtreibung bewegen. «Bei der PID finden diese Untersuchungen am 5. Tag nach der Befruchtung statt und sind deshalb viel weniger belastend.» Könne dies im Abstimmungskampf vermittelt werden, habe die PID im Volk gute Chancen.

In der Schweiz nehmen pro Jahr rund 6000 Paare eine künstliche Befruchtung in Anspruch. Es sind dies Paare, bei denen auf natürlichem Weg keine Schwangerschaft möglich ist, und sie könnten künftig von der PID Gebrauch machen. Von rund 80'000 Kindern, die jährlich in der Schweiz zur Welt kommen, sind 2000 auf diesem Weg gezeugt worden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.03.2015, 12:03 Uhr

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