«Ein Teil von mir leidet mit»

Das Schicksal Griechenlands lässt kaum jemanden kühl. Und wer wie SVP-Geschäftsführerin Aliki Panayides eine persönliche Verbindung zu diesem Land hat, sitzt dieser Tage auf Nadeln.

SVP-Geschäftsführerin Aliki Panayides wundert sich selber über die Stärke ihrer Verbundenheit mit Griechenland.

SVP-Geschäftsführerin Aliki Panayides wundert sich selber über die Stärke ihrer Verbundenheit mit Griechenland.

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Aliki Panayides’ Vater stammt aus Zypern, die Mutter ist Schweizerin. Die Geschäftsführerin der SVP Kanton Bern und Gemeinderätin von Ostermundigen ist hier aufgewachsen, fühlt sich durch und durch als Schweizerin – «ich habe nur einen Pass, den schweizerischen» – und sagt dennoch: «Zu Griechenland und Zypern stelle ich eine Verbundenheit fest, deren Stärke mich manchmal selber überrascht.» Wenn es den Menschen in Griechenland jetzt schlecht gehe, «dann merke ich, dass ein Teil von mir mitleidet». Wenn die Kirche dann eine Sammlung lanciere für Leute, die nichts zu essen haben, «zahle ich ein».

Was jüngst in Athen passierte, habe sie nicht wirklich überrascht. Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras begegne den EU-Verhandlungspartnern halt nicht wie ein Schweizer Bundesrat, der auf der Basis mitteleuropäischer Verhandlungsstandards nach Schema X vorgehe. Tsipras gebe mehr den kämpferischen griechischen Partisanen. Am Montag hatte Panayides getwittert: «So einen Bundesrat sollten wir haben.» Diese Aussage beziehe sich selbstverständlich nicht auf Tsipras’ politischen Standpunkt, sagt sie, sondern auf dessen Umgang mit der EU, der nicht von vorauseilendem Gehorsam geprägt sei.

Dass Griechenland derzeit von liberalen Kräften in den Schwitzkasten genommen wird, wie auch die SVP eine darstellt, vermag Panayides nicht in Verlegenheit zu bringen. «Die Parteienlandschaft lässt sich natürlich nicht vergleichen; die Diskussion ist eine andere.»

Das Rentensystem, der «aufgeblähte Verwaltungsapparat»: An allen Ecken und Enden bestehe Handlungsbedarf. Bei der Verwaltung gehe es vor allem um die oberen Sphären und die gut bezahlten Jobs und nicht um die «kleinen Leute». Darum habe es ihr gefallen, als Tsipras die Putzleute wieder einstellte. Damit sei der Sozialist eigentlich auf SVP-Linie. Denn die SVP setze sich ebenfalls für die «kleinen Leute» ein, «auch wenn das oft in Abrede gestellt wird».

«Gelebte Work-Life-Balance»

Was Panayides in der Zeitung über Griechenland liest, versucht sie einzuordnen mithilfe dessen, was sie über die Griechen selber weiss. «Es ist die Mentalitätsfrage, die mich hinter all dem inte­ressiert.» Panayides spricht von einer «anderen Lebenseinstellung». Während im protestantisch geprägten Mitteleuropa die Frage nach dem Beruf an erster Stelle komme, stellten die Griechen sich Fragen wie: «Geht es der Familie gut?». «Aber sie fragen einander sicher nicht: Was arbeitest du?». Wie Aliki Panayides dies feststellt, lächelt sie belustigt: «Die Work-Life-Balance, über die man bei uns immer mehr redet – die wird in Griechenland gelebt.»

Das griechische «System» sei gänzlich anders als das schweizerische oder das deutsche: Nicht Arbeit und Leistung stünden im Vordergrund, sagt sie, sondern die Frage, «ob ich jemanden kenne, der Geld hat oder der mir einen Job beziehungsweise ein Einkommen verschaffen kann». Dieses System habe lange funktioniert, weil niemand vom Staat viel erwartete. Mit den Ansprüchen der EU sei es aber nicht kompatibel. Sie hoffe nun auf eine Lösung, «die für beide Seiten stimmt», sagt Panayides. Ein Schuldenschnitt wäre «ein gangbarer Weg» – verbunden mit einer Staatsreform. «Das ist ein zwingendes Element, um das Griechenland nicht herumkommen wird.» (Der Bund)

Erstellt: 01.07.2015, 07:11 Uhr

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