Hintergrund

Ein umstrittenes Geschenk

Der Erbe einer vor den Nationalsozialisten geflohenen Kunstsammlerin forderte vom Bund eine Zeichnung Van Goghs zurück– und blitzte bei der US-Justiz ab.

«Ansicht von Les Saintes-Maries-de-la-Mer»: Zeichnung von Van Gogh.

«Ansicht von Les Saintes-Maries-de-la-Mer»: Zeichnung von Van Gogh. Bild: Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz», Winterthur

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Dass es für die Eidgenossenschaft ein teurer Rechtsstreit werden würde, war den Beteiligten von Anfang an bewusst. Mit Anwaltskosten von mehreren Hunderttausend Franken rechneten Insider, als 2009 in New York Klage gegen die Eidgenossenschaft eingereicht wurde. Wie viel Geld der Prozess um eine Tuschezeichnung Vincent van Goghs den Bund tatsächlich kostete, gaben die Behörden jedoch auch nach Verfahrensende nicht bekannt. Nun zeigt sich: Der Streit um das Bild «Ansicht von Les Saintes-Maries-de-la-Mer» hat nur schon zu Anwaltskosten von 1,47 Millionen Franken geführt. Dies geht aus einem kürzlich veröffentlichten Bericht des Finanzdepartements hervor.

Die Klage gegen die Eidgenossenschaft stammte von einem Enkel der jüdischen Kunstsammlerin Margarete Mauthner. Die Vorgeschichte des Prozesses geht ins Jahr 1933 zurück – dem Jahr von Hitlers Machtergreifung. Margarete Mauthner hatte die Zeichnung damals dem Schweizer Sammler und Mäzen Oskar Reinhart verkauft. Sechs Jahre später floh sie aus NS-Deutschland. Reinhart wiederum schenkte das Bild 1958 mitsamt der Sammlung Am Römerholz in Winterthur der Eidgenossenschaft.

Die Klage auf Rückgabe des Bildes richtete sich daher gegen den Bund als Eigentümer der Sammlung. Mauthners Enkel machte vor einem New Yorker Bezirksgericht geltend, Reinhart habe 1933 die Notlage der jüdischen Sammlerin ausgenutzt. Seine Grossmutter habe Geld für die Emigration benötigt. Ein Teil ihrer Familie flüchtete im Jahr des Verkaufs nach Südafrika.

«Wichtiger Prozess mit Präzedenzcharakter»

Die New Yorker Gerichte gingen auf diese Argumentation nicht ein. Sowohl das Bezirksgericht als auch ein Appellationsgericht erklärten sich in der Sache für nicht zuständig. 2012 wurde der Entscheid rechtskräftig. Das Bild, dessen Wert heute auf mehrere Millionen Franken geschätzt wird, hängt deshalb weiterhin in Winterthur.

Im Bundesamt für Kultur (BAK) ist heute von einem «wichtigen Prozess mit Präzedenzcharakter» die Rede. Das Amt hat deshalb sowohl in der Schweiz wie auch in den USA spezialisierte Anwälte beigezogen. Die amerikanischen Rechtsanwälte seien dabei «im Vergleich zur Schweiz sehr teuer» gewesen, heisst es im BAK. Die Kosten seien angesichts der Bedeutung des Prozesses aber gerechtfertigt. Für Fachleute illustriert das New Yorker Verfahren über den Einzelfall hinaus die Schwierigkeiten im Umgang mit Kunstwerken, die von ihren Eigentümern im Anschluss an Hitlers Machtergreifung veräussert wurden. So sind insbesondere die Umstände, die 1933 zum Verkauf der Zeichnung geführt haben, sowie der von Reinhart tatsächlich bezahlte Preis nach wie vor umstritten.

Unklarer Sachverhalt

Die Eidgenossenschaft hat sich seit Beginn der Auseinandersetzung auf den Standpunkt gestellt, Reinhart habe die missliche Lage Margarete Mauthners nicht ausgenutzt. «Die Transaktion fand im Rahmen der ordentlichen Geschäftsbeziehungen zwischen den beiden statt», sagt der stellvertretende Direktor des BAK, Yves Fischer. Der Verkauf sei faktisch schon 1932 und damit vor Hitlers Machtergreifung besiegelt gewesen. Reinhart habe zudem einen marktüblichen Preis bezahlt. Der Kauf sei deshalb aus rechtlicher Sicht nicht zu beanstanden.

Zu anderen Ergebnissen kam die Unabhängige Expertenkommission Schweiz–Zweiter Weltkrieg, nach ihrem Vorsitzenden auch Bergier-Kommission genannt. Auch sie hat die Umstände des Verkaufs untersucht. Ihr Verdikt fiel in einer ersten Fassung der Studie «Fluchtgut–Raubgut» streng aus: Obschon Reinhart über die Zwangslage Mauthners Bescheid gewusst habe, habe er den Preis gedrückt. In der zweiten Auflage der Studie korrigierte die Kommission den von Reinhart erreichten Preisnachlass allerdings nach unten.

Für den Historiker Thomas Buomberger, der den Fall in den Archiven recherchiert hat, lässt sich der Sachverhalt heute kaum mehr rekonstruieren. Reinhart habe jedenfalls schon vor 1933 Interesse an der Zeichnung bekundet. 1933 wies er laut Buomberger eine erste Offerte Mauthners als «den heutigen Verhältnissen nicht entsprechend» zurück. Ob der Preis angemessen war, den Reinhart am Ende zahlte, müsse aber genauso offen bleiben wie die Frage, ob Reinhart eine Notlage ausgenutzt habe.

«Kein moralischer Makel»

Neben den historischen Fakten geben bis in die Gegenwart die moralischen Implikationen des Kaufs zu reden. Die Bergier-Kommission urteilte ursprünglich, Reinharts Vorgehen sei «moralisch bedenklich» gewesen. Später schwächte sie den Befund wiederum ab. Reinharts Verhalten erscheine bloss «im Rückblick» als bedenklich, heisst es in der zweiten Auflage des Expertenberichts zur Raubkunst.

Für den Historiker Buomberger liegt die Bergier-Kommission mit dieser Wertung falsch. Im Gegensatz zu anderen Schweizer Sammlern habe Oskar Reinhart rasch auf Hitlers Machtergreifung reagiert. «Reinhart ging zu Händlern, die Bilder mit fragwürdiger Herkunft anboten, schnell auf Distanz.» Gleich äussert sich Yves Fischer. Reinhart sei in moralischer Hinsicht nichts vorzuwerfen. Fischers Fazit: «Am Kauf haftet kein moralischer Makel.»

Jede Partei trägt Kosten selbst

Dem moralischen Aspekt kommt für die Frage der Rückgabe eine gewisse Bedeutung zu. Die Washingtoner Richtlinien von 1998, welche die Schweiz mitträgt, verpflichten die Staaten, sich nicht bloss an die Rechtslage zu halten, sondern unabhängig von juristischen Einwänden eine «faire und gerechte Lösung» anzustreben.

Vor Gericht spielten all die offenen Punkte aber keine Rolle. Mangels Zuständigkeit haben die New Yorker Gerichte sie gar nicht erst zu klären versucht. Dass der Prozess die Eidgenossenschaft dennoch viel Geld kostete, erklärt sich mit einer Eigenheit des amerikanischen Prozessrechts. Anders als in der Schweiz, wo die siegreiche Partei die Anwaltskosten von der unterliegenden Gegenseite zurückerstattet bekommt, trägt im angloamerikanischen Rechtskreis jede Partei ihre Kosten in der Regel selber.

Erstellt: 14.11.2013, 20:43 Uhr

Unentgeltliche Rückgabe

Bund gibt Trinkgefäss zurück
Im Fall von Vincent van Goghs Tuschezeichnung sah der Bund keinen Grund zum Einlenken. Bei einem anderen Kunstwerk sind die Behörden den Erben der früheren Eigentümerin indes entgegengekommen: Es handelte sich um ein Trinkgefäss aus dem 17. Jahrhundert aus dem Bestand des Schweizerischen Nationalmuseums. Das Museum hatte das Gefäss in Form einer Lerche 1937 an einer Auktion in Berlin erworben – als Beispiel für Schweizer Silberschmiedekunst. Der Erlös der Auktion wurde von den Nationalsozialisten jedoch konfisziert, sodass die Erben nie über das Geld verfügen konnten. Das Werk gehörte einer jüdischen Sammlerin namens Emma Budge.

Der Bund übergab deshalb das Trinkgefäss im Juni 2012 unentgeltlich den Erben. Er stützte sich dabei auf die Washingtoner Richtlinien von 1998, welche die Staaten unabhängig von der Rechtslage zu «gerechten und fairen Lösungen» anhalten. Aufgrund ihrer Ausgestaltung als sogenanntes «soft law» sind die Richtlinien zwar nicht unmittelbar bindend, doch rufen sie die Staaten zu einem entsprechenden Handeln auf. Gemäss Auskunft des Bundes handelte es sich beim Trinkgefäss um den ersten Fall, bei dem ein Kunstwerk aus den Beständen des Nationalmuseums aufgrund der Washingtoner Richtlinien zurückgegeben wurde. (sür)

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