«Eltern chauffieren ihre Kinder oft aus falscher Angst»

Wegen Elterntaxi-Chaos vor Schulen: VCS-Präsidentin Evi Allemann rät davon ab, die Kleinen mit dem Auto zur Schule zu bringen.

«Von Verboten halte ich nichts»: VCS-Präsidentin Evi Allemann setzt sich dafür ein, dass Kinder zu Fuss zur Schule gehen.

«Von Verboten halte ich nichts»: VCS-Präsidentin Evi Allemann setzt sich dafür ein, dass Kinder zu Fuss zur Schule gehen. Bild: Manu Friederich

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Warum ist es für den VCS ein Problem, dass immer mehr Eltern ihre Kinder in die Schule fahren? Weil der Autoverkehr um die Schulhäuser die Sicherheit der Kinder gefährdet. Deshalb reagierten einige Schulen ja auch mit baulichen Massnahmen darauf.

Bei manchen Schulen haben solche Baumassnahmen aber keine Verbesserungen gebracht. Es mag immer Ausnahmen geben, aber mit geeigneten Massnahmen kann man Abhilfe schaffen. Zusätzlich braucht es die Sensibilisierung der Eltern, damit sie erleben, dass wenn Kinder den Schulweg zu Fuss zurücklegen, es nicht nur aus gesundheitlichen, sondern auch aus sozialen Gründen gut ist für die Kleinen.

Und was tut der VCS hier? Wir organisieren beispielsweise den Pedibus. Hier gehen die Kinder gemeinsam unter Aufsicht eines Erwachsenen zu Fuss zur Schule. Dieser Schulbus auf Kinderfüssen kommt sehr gut an.

Aber die Elterntaxis nehmen trotzdem zu. Ja, aber es gibt auch einen Gegentrend. Vielen Eltern ist es wichtig, dass sich ihre Kinder selbstständig bewegen und zu Fuss zur Schule laufen. Das Phänomen der zunehmenden Elterntaxis zeigt aber, dass wir das Pedibus-Angebot noch bekannter machen müssen.

Aber wenn beide Elternteile berufstätig sind, ist es aus Zeitgründen schwierig, sein Kind zu Fuss zur Schule zu bringen. Beim Pedibus wechseln sich die erwachsenen Begleiter ja ab. Zudem sind Kinder rasch sehr selbstständig. Es braucht nur am Anfang etwas Zeit. Ich habe selbst ein Kind, das vor fünf Wochen in die erste Klasse gekommen ist. Wir haben einen Ort festgelegt, an dem sich die Kleinen treffen. Von dort aus gehen die Kinder zusammen schon jetzt fröhlich selbstständig bis zur Schule.

Das mag bei kurzen Schulwegen gehen, schwieriger wird das bei langen. Ja, wenn sie sehr lang sind, muss man sicher anders reagieren. Auf dem Land gibt es auch Angebote, bei denen sich je nach Wetter der Pedibus oder ein Schulbus bewährt haben. Man muss das pragmatisch angehen.

Eltern könnten an den meisten Orten dafür sorgen, dass ihre Kinder zu Fuss zur Schule gehen, aber sie fahren sie trotzdem. Braucht es letztlich ein Verbot von Elterntaxis? Nein, von Verboten halte ich gar nichts. Wenn das Kind selbstständig zur Schule geht, ist es doch auch bequemer für die Eltern. Denn dann müssen sie nicht täglich Chauffeur spielen. Eltern bringen ihre Kinder häufig aus falscher Angst per Auto zur Schule. Wenn die Kleinen aber dank dem Pedibus sicher zur Schule kommen und die Eltern sehen, wie rasch die Kleinen selbstständig sind und wie glücklich sie auf ihrem Schulweg sind, lassen Eltern den Wagen von alleine stehen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.09.2017, 16:08 Uhr

In Gruppen zu Fuss statt mit dem Elterntaxi

Gegen die steigende Zahl von Chaffeurfahrten will der VCS mit dem Pedibus Gegensteuer geben. Dabei laufen Kinder in Gruppen zur Schule, begleitet von einem Erwachsenen. In der Romandie, wo der Pedibus vor 15 Jahren eingeführt wurde, kennen 96 Prozent der befragten Eltern das Modell. Der VCS will das Zufussgehen als Alternative zum Elterntaxi landesweit weiter fördern.

«Pedibusse sind ein gutes Beispiel dafür, wie Schulen und Eltern zusammen dafür sorgen können, dass Kinder sicher zu Fuss in die Schule gehen können», sagt Lehrerpräsident Beat W. Zemp.

Mit Chauffeurdiensten würden Eltern ihren Schützlingen einen Bärendienst erweisen: «Wer stets zur Schule gefahren wird, hat nachweislich Defizite bei der räumlichen Orientierung.» Zudem hemme es die soziale Entwicklung. «Wir dürfen unsere Kinder nicht zur ‹Generation Rücksitz› machen», sagt Zemp. «Es darf nicht sein, dass Erziehende den Kleinen aus falscher Angst oder Bequemlichkeit in ihrer Entwicklung derart schaden.»

Die Elterntaxis seien aus Sicherheitsund Gesundheitsgründen ein Problem, das man vermeiden wolle, sagt Erwin Gräni, Präventionschef bei der Luzerner Polizei. Statt Kinder aus Angst vor Unfällen im Auto zu transportieren, müssten Querungen und schwierige Stelle trainiert werden. «Ziel ist es, dass das Kind Sicherheit gewinnt und den Weg selber machen kann», sagt Gräni. «Das Kind zur Schule zu fahren, ist der falsche Weg.» (Nadja Pastega)

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