Interview

«Er trug eine billige Armbanduhr»

SRF-Russland-Korrespondent Peter Gysling war der einzige Journalist, der Michail Chodorkowski auf seinem Weg in die Schweiz interviewen konnte. Tagesanzeiger.ch/Newsnet schildert er die Eindrücke der gemeinsamen Zugfahrt.

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Wie kamen Sie zu dem Interview mit Michail Chodorkowski?
Das Umfeld von Chodorkowski hat mir exklusiv angeboten, ihn auf der Zugfahrt in die Schweiz zu begleiten. Doch es kam auch für mich überraschend, da ich Chodorkowski bisher nicht persönlich kannte.

Warum gerade Sie?
Das kann ich selber nicht genau sagen, ich bin ja nicht direkt von ihm gefragt worden. Doch ich denke, dass Chodorkowski einen Fernsehbeitrag wollte, in dem er sich indirekt bei der Schweiz für ihre Gastfreundschaft bedanken kann und gleichzeitig dafür sorgt, dass andere Medien ihn nicht auch noch befragen. Da ich schon längere Zeit als Korrespondent in Moskau lebe, ist wohl die Wahl auf mich gefallen.

Sie hatten im Zug während einer Stunde mit Chodorkowski gesprochen. Konnten sie ihm auch kritische Fragen stellen – sei es über Putin oder sein gesperrtes Geld?
Gut, ich weiss, was er über Putin denkt, er hat sich in der Vergangenheit immer darüber geäussert. Doch in diesem Fall war es kein konfrontativ geführtes Interview: Ich wollte seiner persönlichen Befindlichkeit auf die Spur gehen und nicht erfahren, wie viel Geld er auf dem Konto hat. Ich habe zudem den Eindruck, er hat momentan gar nicht den Überblick darüber.

Wie hat er denn auf Sie gewirkt?
Er war ausserordentlich offen und freundlich mir gegenüber eingestellt. Er war entspannt, verhielt sich wie ein normaler Mensch. Er trug beispielsweise einfache Kleidung, eine billige Armbanduhr – er ist sicherlich kein Aufschneider und Bluffer. Er spricht sehr bedacht, bestimmt und scheint sehr intelligent.

Welche Gedanken beschäftigen ihn derzeit?
Er ist einen Fünftel seines Lebens im Gefängnis gewesen. Seine Zwillingssöhne kennen ihn kaum, sie sind in der Pubertät, einer Zeit, wo sich Kinder gewöhnlich vom Vater lösen. Ich habe gespürt, dass es ihm nun ein grosses Anliegen ist, die Familie in den Vordergrund zu rücken. Er sagte mir auch, dass er bereits vor der Verhaftung zu wenig Zeit mit der Familie verbracht hatte. Das ist ihm in der Haft klar geworden. Man muss ihm jetzt ein bisschen Zeit lassen, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Wenn wir ein bisschen vorwärts schauen, wird sich nach Olympia – wenn die globale Aufmerksamkeit Russland wieder verlässt – die Situation für politische Gefangene ändern?
Es hat sich auch jetzt nichts geändert. Ein Mann wurde kürzlich in der Nähe von Sotschi zu drei Jahren Straflager verurteilt, weil er Protestplakate aufgehängt hatte. Der öffentliche Druck auf Putin war zuletzt gross, was vielleicht die einzelnen Haftentlassungen erklärt. Doch das war mehr ein symbolischer Akt. Ich gehe zudem von einer Vorgabe Putins aus, dass Chodorkowski nicht nach Russland zurückkehren kann. Aber eben: Es sitzen nach wie vor viele politische Gefangene in Russland hinter Gittern. Wenn Staaten, die bislang Druck auf Russland ausgelöst haben, nun der Meinung sind, die Situation habe sich in Russland verbessert, dann ist das falsch. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.01.2014, 14:36 Uhr

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