Er wagt sich an das grosse Renten-Tabu

Josef Bachmann will den Alten die Renten kürzen. Was treibt den Pensionär an?

Josef Bachmann wurde mit 67 Jahren pensioniert. «Vorzeitig», wie er sagt. Foto: Fabienne Andreoli

Josef Bachmann wurde mit 67 Jahren pensioniert. «Vorzeitig», wie er sagt. Foto: Fabienne Andreoli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ende Januar wird Josef Bachmann nach Bern reisen und dort der Bundeskanzlei den Unterschriftenbogen zu seiner Volksinitiative vorlegen. Er hat ihr einen Namen gegeben, der kaum auf Widerspruch stossen wird: «Vorsorge – aber fair». Der Initiativtext aber birgt einen Sprengsatz in sich. Darin steht: «Auch laufende Altersrenten der beruflichen Vorsorge können gesenkt werden, um die Umverteilung zu begrenzen.»

Von ganz links bis ganz rechts ist man sich heute einig: Die Renten der Senioren werden nicht angetastet. Nach Artikel 65d des Bundesgesetzes über die berufliche Vorsorge ist dies nur dann möglich, wenn eine Pensionskasse in Unterdeckung geraten ist. Da diesem Satz aber so viele Vorbehalte voraus- und nachgeschickt werden, heisst dies letztlich: Die Renten werden praktisch nie angetastet.

«Nüchtern betrachtet, habe ich keine Chance», sagt Josef Bachmann selber. Die Renten seien in der Schweiz ein Tabu. Bachmann sitzt vor seinem aufgeklappten Laptop in einem Restaurant im Zürcher Hauptbahnhof und setzt dazu an, seine Forderung anhand von Kuchengrafiken, Säulen, Tabellen und Zeitdiagrammen verständlich zu machen. Er ist sicher: Würde heute über seine Initiative abgestimmt, dann sagten 99 von 100 Stimmenden Nein.

Auch Rentner sollen Ja sagen

Eine ideale Ausgangslage, findet er. Während viele Volksinitiativen fulminant starten, dann aber stetig an Zuspruch verlieren, soll es bei seiner umgekehrt sein. «Nein sagen nur jene, die die Zusammenhänge nicht kennen», sagt Bachmann. Das ist seine Chance. Seit Monaten schon diskutiert er bei jeder Gelegenheit über das Thema, hält Vorträge, spricht mit Bekannten oder im Zug mit Mitreisenden. Dabei beobachtete er: Sobald jemand versteht, worum es geht, kann er kaum mehr dagegen sein – auch Rentner nicht. So will er – falls es seine Initiative bis an die Urne schafft – so viele Leute überzeugen, dass am Ende 51 Prozent der Stimmenden Ja sagen.

Wie erklärt Bachmann seine Forderung den Rentnern? Erst schickt er voraus, dass ihnen niemand die Rente kürzen wolle, auch er nicht. Aber es sei nötig, damit später keine brutaleren Massnahmen nötig werden. Dann erklärt er, dass ihnen die Pensionskasse im heutigen Tiefzinsumfeld nur noch deshalb die volle Rente zahlen kann, weil sie das Vorsorgekapital der Erwerbstätigen tiefer verzinst als das Ihre (siehe Text unten).

Bachmann führt langsam durch die Säulenreihen und Kuchengrafiken, wirft über den Brillenrand immer wieder einen Kontrollblick auf sein Gegenüber. Er will, dass man versteht. Obwohl die Initiative noch nicht lanciert ist, hat er bereits Routine. Er weiss, dass die Materie spröde ist, das Vokabular einschüchternd. Deshalb streut er ab und zu einen Spruch in den Vortrag: «Und hier kam es zum Sündenfall», sagt er etwa theatralisch, als er eine Grafik erklärt, die aussieht wie ein Ausschnitt aus dem Linienplan der SBB. Meint: Hier hat die Pensionskasse ihren Versicherten eine zu hohe Rente versprochen.

Mit 67 vorzeitig pensioniert

Josef Bachmann weiss, wovon er spricht: Er war Geschäftsführer der Pensionskasse des Beratungsunternehmens PWC und wurde, wie er sagt, mit 67 «vorzeitig» pensioniert. Seiner Meinung nach läge heute das «natürliche Rücktrittsalter» bei etwa 70, dann hätten Schweizerinnen und Schweizer nach ihrer Pensionierung noch gleich lange zu leben wie 1985, als die berufliche Vorsorge obligatorisch wurde.

Mit seiner Volksinitiative setzt Bachmann fort, was er als Geschäftsführer der Pensionskasse angestossen hat: Angestellte von PWC, die 2005 oder später in den Ruhestand gingen, erhalten nur noch rund 90 Prozent ihrer Rente fix – der variable Teil wird je nach Rendite erhöht oder reduziert. 2014 wollte der Stiftungsrat der Kasse dieses Modell auch auf Senioren ausdehnen, die vor 2005 in Pension gingen. Das aber akzeptierte die Stiftungsratsaufsicht des Kantons Zürich nicht. So zog die Kasse den Fall unter interessierter Beobachtung der ganzen Branche bis ans Bundesgericht weiter. Ohne Erfolg. Das Gericht sah keinen gesetzlichen Spielraum dafür – und verwies auf den Gesetzgeber.

So hat Bachmann bereits mit 20 National- und Ständeräten gesprochen, und alle waren mit ihm einig, dass etwas geschehen müsse. Nur wenige sind aber bereit, sich zu exponieren. Bisher konnte Bachmann drei Nationalräte gewinnen, darunter den Grünliberalen Thomas Weibel, der bereits eine parlamentarische Initiative zu diesem Thema eingereicht hat. Weitere überlegen es sich noch.

Fehler der Kassen, nicht der Senioren

Wie stark die Renten erhöht oder gesenkt werden sollen, will Bachmann das Parlament entscheiden lassen. Um ihm Handlungsspielraum zu verschaffen, hat er seine Initiative als allgemeine Anregung formuliert. Bachmann fordert auch, dass das Rentenalter im Gleichschritt mit der Lebenserwartung erhöht werde. «Heute könnten die meisten länger arbeiten», meint er. Während sein Grossvater mit 63 am Stock ging, lief er in diesem Alter seinen ersten Marathon.

Nur: Was wird aus Senioren, denen die Rente schon heute nicht zum Leben reicht? Oder die weniger fit sind und vorzeitig mit einer kleinen Rente in den Ruhestand gehen? Nach Ansicht Bachmanns sollen sie Ergänzungsleistungen erhalten. «Nicht die Jungen sollen für die sozial Schwächeren mit ihrem Vorsorgekapital sorgen, sondern die Allgemeinheit.» So würden auch nur jene unterstützt, die darauf angewiesen seien.

Es gäbe aber auch die anderen. Rentner, die mehrmals im Jahr in die Ferien gingen und Kreuzfahrten machten – auch dank dem Geld der Jungen. «Auch ich bin einer von denen», fügt er an. Das sei aber nicht der Fehler der Senioren, sondern der Pensionskasse.

Umverteilung von den Jungen zu den Alten

Weshalb tut Josef Bachmann das? Drei Jahre seines Lebens einer Volksinitiative opfern, statt auf Kreuzfahrten zu gehen? «Wegen unserer Kinder», sagt er. Er möchte verhindern, dass sie wegen der wachsenden Umverteilung einmal eine kleinere Rente haben – und dass zwischen den Generationen Hass entsteht.

Bachmann ist überzeugt: Er wird die erforderlichen 100'000 Unterschriften zusammenbringen. Senioren, so hat er in den Gesprächen erfahren, ist es nicht wohl beim Gedanken, dass sie auf Kosten der Jüngeren leben. «Wenn sich 40 Prozent der Rentnerinnen und Rentner überzeugen lassen, dann können wir die Abstimmung gewinnen.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 19.12.2018, 09:33 Uhr

Artikel zum Thema

Nur wer Risiken eingeht, erhält höhere Renten

Zwei Ökonomen fordern mehr «Risikokultur» bei den Pensionskassen. Deren Verband ignoriert die Studie. Mehr...

Abzüge, Abzüge, Abzüge – der Griff in unser Portemonnaie

Warum die Löhne schon bald sinken könnten. Und das ziemlich happig. Mehr...

So wird in der beruflichen Vorsorge umverteilt

In der zweiten Säule, in der beruflichen Vorsorge, soll jeder Berufstätige für sich selber Geld fürs Alter beiseitelegen. So sieht es jedenfalls das Schweizer 3-Säulen-System der Altersvorsorge vor. Dennoch wurden in den vergangenen Jahren 7 Milliarden Franken pro Jahr von den Erwerbstätigen zu den Rentnerinnen und Rentnern umverteilt. Das entspricht knapp 1 Prozent des gesamten Vorsorgekapitals. Zu diesem Schluss kommt die Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge des Bundes in ihrem diesjährigen Bericht.

Die Jungen zahlen die Fehleinschätzungen der Kassen

Dazu kommt es, weil die meisten Kassen zu spät auf die gesunkenen Zinsen reagiert und den Versicherten, die in den Ruhestand gingen, eine zu hohe Rente ­versprochen haben. Wenn eine Kasse eine Rente noch anhand eines Umwandlungssatzes von 6,8 Prozent berechnet hat, muss sie das Vorsorgekapital des Rentners mit 4 bis 4,5 Prozent verzinsen können, damit es bis ansLebensende reicht.

Im heutigen Tiefzinsumfeld ist es für die Pensionskassen jedoch schwierig, eine so hohe Rendite zu erwirtschaften. Wenn zum Beispiel eine Kasse eine Rendite von 1 Prozent erwirtschaftet, das Vorsorgekapital eines Rentners aber eigentlich zu einem deutlich höheren Prozentsatz verzinsen muss, dann hat sie ein Problem.

Kassen 2018 wohl im Minus

In einem solchen Fall bleibt einer Kasse oft nichts anderes übrig, als Geld von den Erwerbstätigen zu den Rentnern umzuverteilen. Dafür zieht sie aber nicht etwa Geld von den Konti der Erwerbstätigen ab und zahlt es den Pensionierten aus – auch wenn der Effekt in etwa derselbe ist. Sie verwendet vielmehr einen grossen Teil ihrer Rendite dazu, das Kapital der Rentner zu verzinsen, und wenn etwas übrig bleibt, dasjenige der Erwerbstätigen. Das können Kassen tun, die höhere Leistungen erbringen, als es ihnen das Gesetz vorschreibt.

Die Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge geht aktuell davon aus, dass die Pensionskassen das Jahr 2018 mit einem Minus von 1 bis 2 Prozent abschliessen. Dadurch würde ihr Deckungsgrad um 3 bis 4 Prozent sinken. (jho)

Vorsorgeindex auf Tiefststand

Ein Index der Grossbank UBS, der den Zustand des Schweizer Vorsorgesystems für die Altersvorsorge misst, ist im dritten ­Quartal 2018 auf den tiefsten Stand seit Messbeginn 2005 gefallen. Obwohl bereits zuvor eine Verschlechterung zu erkennen gewesen sei, habe diese an Fahrt gewonnen, teilte die UBS am Dienstag mit. Reformen seien unabdingbar und müssten rasch erfolgen. Den grössten negativen Einfluss auf das Vorsorgesystem hat demnach die Demografie. Der Anteil der über 65-Jährigen werde in den nächsten Jahren rasch steigen. (red)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Mit Sack und Pack: Die Pinguine im Eis- und Schneepark von Harbin müssen Ihren Proviant im Rucksack selber mittragen (13. Januar 2019).
(Bild: Tao Zhang/Getty Images) Mehr...