Erregung im Rotlichtmilieu

Das Tänzerinnen-Sonderstatut im Ausländerrecht soll fallen. Das führt zu kuriosen politischen Koalitionen.

Arbeitsort mit Ausnahmestatus: Sollte die Sonderregelung für Cabaret-Angestellte fallen, dann wären vor allem Thailänderinnen oder Südamerikanerinnen betroffen.

Arbeitsort mit Ausnahmestatus: Sollte die Sonderregelung für Cabaret-Angestellte fallen, dann wären vor allem Thailänderinnen oder Südamerikanerinnen betroffen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie heissen Mira, Fernanda oder Alida. Die Damen sind im Jargon des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements «Personen, die sich im Rahmen musikalisch unterlegter Showprogramme ganz oder teilweise entkleiden». Nackte Tatsache ist: Mira, Fernanda und Alida strippen von neun Uhr abends bis vier Uhr morgens im Kings-Club in Zürich, einem Nachtlokal. Jetzt wollen ihnen und ihren rund 2000 Kolleginnen im ganzen Land die Bundesbehörden auch in rechtlicher Hinsicht die letzten schützenden Hüllen entziehen: Sie planen, das Sonderstatut für Cabaret-Tänzerinnen im Ausländerrecht ersatzlos zu streichen.

Beruf «Cabaret-Tänzerin»

Dieses Statut gewährt unqualifizierten Arbeitskräften aus Staaten ausserhalb der EU nicht nur Zugang zum schweizerischen Arbeitsmarkt, sofern sie als Beruf «Cabaret-Tänzerin» angeben. Es soll ihnen auch Schutz vor Ausbeutung bieten. Denn mit dem Sonderstatut verbunden sind diverse Auflagen, an die sich Vermittlungsagenturen und Besitzer von Nachtclubs halten müssen. Dazu gehören etwa ein garantierter Mindestlohn und Arbeitsverträge, die – zumindest auf dem Papier – ein Prostitutions-, Alkoholkonsum- und Animierverbot beinhalten.

Als einziger Staat der Welt hat die Schweiz diese Bestimmung vor vierzig Jahren erlassen. Sie ist ein Ausnahmefall im Ausländerrecht. Denn eigentlich erhalten Nicht-EU-Bürger bloss als hochspezialisierte Fachkräfte eine Aufenthaltsbewilligung. Das Statut habe, der Theorie zum Trotz, in der Praxis kaum etwas bewirkt, kommt das Bundesamt für Migration in einer Analyse zum Schluss. Die Schutzwirkung sei «ungenügend».

Klassische Nachtbars verschwinden

Die beiden Basel sowie der Aargau und Solothurn wenden den Paragrafen derzeit zwar noch an. Doch knapp die Hälfte aller Kantone verzichte bereits darauf «aus Gründen der mangelnden Kontrollierbarkeit und des zunehmenden Missbrauchs». Zudem würden klassische Nachtclubs, in denen hierzulande vor allem Ukrainerinnen, Russinnen und Frauen aus der Dominikanischen Republik arbeiten, ohnehin mehr und mehr von Kontaktbars und Sauna-Clubs verdrängt.

Für Justizministerin Simonetta Sommaruga scheint das Tänzerinnen-Statut bereits jetzt ein erledigter Fall zu sein, obwohl die Vernehmlassung erst am 2. November endet. Vergangene Woche stellte die SP-Bundesrätin einen «nationalen Aktionsplan gegen Menschenhandel» vor. Sie signalisiert damit, dass sie weniger auf die Durchsetzung des Gesetzes als vielmehr auf Prävention und Aufklärung setzt. Künftig soll sich in jedem Kanton ein speziell geschulter Anwalt um Fälle von Menschenhandel kümmern. Der Cabaret-Paragraf, er ist für Sommaruga toter Buchstabe.

Wichtiges touristisches und erotisches Angebot

Jetzt steigt die Erregung im Rotlichtmilieu – und nicht nur dort. In einer kuriosen Koalition kämpfen der Dachverband Schweizerischer Konzertlokale, Cabarets, Dancings und Diskotheken (Asco) Seite an Seite mit Frauenschutzorganisationen für den Erhalt des Sonderstatuts.

«Cabarets sind ein wichtiger Bestandteil des touristischen und erotischen Angebots. Verschwinden sie, bleibt vielen Männern nur noch der Gang ins Bordell», sagt Jürg König, Besitzer des Kings-Club und Asco-Präsident. Sein Verband hat eine Petition lanciert. 5000 Personen haben sie laut König bereits unterschrieben. Nächste Woche soll sie im Bundeshaus eingereicht werden. Eine Abschaffung könnte «kriminelle Strukturen und Zwangsprostitution begünstigen», ist die Asco überzeugt: «Die Frauen werden in den Untergrund gedrängt.»

Menschenhändlern ausgeliefert

Die Branche agiert nicht nur aus uneigennützigen Motiven. «Ohne das Statut könnten wir vielleicht noch Frauen aus der EU rekrutieren, aber kaum mehr Brasilianerinnen oder Thailänderinnen», sagt König: «Das macht unseren Kunden doch keinen Spass mehr!» Frauen aus östlichen EU-Staaten wiederum hätten kaum eine Chance auf Jobs in seriösen Etablissements: «Zuhälter in Rumänien und Bulgarien sorgen dafür, dass sie direkt in die einschlägigen Salons geschickt werden, sie gelangen kaum je zu uns.»

Die «Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration Zürich» argumentiert, die Situation der Tänzerinnen sei zwar trotz Schutz-Statut nicht optimal: «Wir wollen die Situation nicht schönreden.» Doch könnten sie heute immerhin «fehlende Lohnzahlungen einfordern, missbräuchliche Kündigungen anfechten oder sich gegen Gewalt wehren». Falle der Passus, seien sie Menschenhändlern ausgeliefert.

Bei der Basler «Beratungsstelle für Frauen im Sexgewerbe» ist man überzeugt, es fehle den Behörden bloss am Willen, das geltende Recht durchzusetzen. Sommarugas Justiz- und Polizeidepartement hingegen stellt sich auf den Standpunkt, dank Visa-Pflicht und damit verbundenen «strengen Einreisevoraussetzungen» für Frauen von ausserhalb der EU könnten Missbräuche künftig verhindert werden.

Ob das Sonderstatut definitiv fällt, ist offen. Mira, Fernanda und Alida tanzen derweil weiter im Kings-Club, unbekleidet, aber vom Cabaret-Paragrafen noch notdürftig geschützt.

Erstellt: 22.10.2012, 11:49 Uhr

Artikel zum Thema

Sommaruga sagt Zuhältern den Kampf an

Die Schweiz tut zu wenig, um zu verhindern, dass Menschen wie Ware behandelt und benutzt werden, sagt Simonetta Sommaruga. Sie präsentiert heute in Bern einen Aktionsplan gegen Menschenhandel. Mehr...

Cabaretbetreiber kämpfen für Erhalt des Tänzerinnenstatuts

Die Hälfte der Kantone erteilt keine L-Bewilligungen für Tänzerinnen aus Nicht-EU-Staaten mehr. Die Cabaretbesitzer gehen in die Offensive – mit Unterstützung von unerwarteter Seite. Mehr...

Bordellbesitzer muss wegen Menschenhandels ins Gefängnis

Ein 60-jähriger Solothurner soll über 40 Frauen aus Brasilien und den Kapverden in die Schweiz gelockt und zur Prostitution gezwungen haben. Er ist zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Paid Post

Studieren von zu Hause aus

Erstmals in der Schweiz lässt sich ein Bachelor virtuell absolvieren. Dieses Set-up erlaubt es den virtuell Teilnehmenden ohne Pendeln zu studieren.

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...