Es ist Notfall – und der Bund funkt ins Leere

Während die Schweiz heute auf DAB+ umstellte, setzt der Bund im Notfall auf UKW. Pläne, den Krisenfunk zu modernisieren, gibt es nicht.

Alt, aber bewährt: Im Unterschied zu DAB ist der UKW-Empfang in Schutzräumen besser.

Alt, aber bewährt: Im Unterschied zu DAB ist der UKW-Empfang in Schutzräumen besser. Bild: Martin Ruetschi/Keystone

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Heute um 14.15 Uhr stellte die SRG definitiv von DAB auf DAB+ um. Damit wird die seit 2012 betriebene Parallelverbreitung der digitalen Radioprogramme auf DAB und DAB+ eingestellt. Voraussichtlich ab 2020 wird zudem DAB+ die analoge UKW-Verbreitung in der Schweiz schrittweise ablösen. Vier Jahre später soll dann mit dem guten alten Rundfunkempfänger definitiv Schluss sein.

Das könnte zu einem grossen Problem werden, warnt der Verein Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (Aefu) im Zusammenhang mit einer Atomkatastrophe. Denn der Bund setze bei seinem Notsendernetz weiterhin auf UKW und habe bisher keine konkrete Pläne, ihn ebenfalls zu digitalisieren.

UKW-Empfang auch in Schutzräumen

Das Radiokonzept aus dem Kalten Krieg hat einen grossen Vorteil gegenüber der digitalen Variante: Das UKW-Signal kann problemlos auch in unterirdische Schutzräume vordringen. Letztes Jahr berichtete das Onlinemagazin «Medienwoche», dass genau deshalb Fachleute im Bundesamt für Kommunikation möglichst lange an der Ultrakurzwelle als Krisensender festhalten möchten. Und hier entsteht laut Aefu ein weiteres Problem: Die tragbaren UKW-Radios seien weitgehend verschwunden, und die wenigsten Menschen schaffen sich ein portables DAB+-Radio an, das noch UKW empfangen kann.

Noch keine Pläne für neuen Notsender

Doch SRG-Sprecher Daniel Steiner entwarnt: «Alle DAB+-Geräte können auch UKW empfangen können!» Wie ein Augenschein bei Anbietern von entsprechenden Geräten zeigt, entspricht dies zwar der Realität.

Sollte allerdings das UKW-Notsendernetz einmal abgeschaltet werden, stellt sich weiterhin die Frage, ob der Bund die Bevölkerung auch künftig im Notfall in den Schutzräumen wird erreichen können. «Nach heutigem Planungsstand kann der UKW-Notsender noch bis 2027 betrieben werden», bestätigt Kurt Münger, Kommunikationschef beim Babs.

Wie es in den kommenden Jahren mit dem Krisenfunk weitergehen soll, ist noch unklar – eine entsprechende Migration auf DAB+ sei noch nicht entschieden. «Zu gegebener Zeit wird der Bundesrat dazu einen entsprechenden Entscheid treffen», so Münger. Für die allfällige Realisierung eines neuen Notfallradiosystems wäre zudem aller Voraussicht nach ein entsprechender Finanzierungsbeschluss des Parlaments erforderlich.

Noch vor zwei Jahren erwog der Bund, allen Schweizer Haushalten ein günstiges UKW-Radio abzugeben. Diese Pläne wurden allerdings wieder begraben. Wie soll also die Bevölkerung künftig informiert werden, falls die Stromversorgung zusammengebrochen und die UKW-Infrastruktur mal abgeschaltet ist? Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (Babs) verfolgt nach eigenen Angaben für den Notfall eine Multikanalstrategie - also Information via Internet und Mobilfunk. In diesem Zusammenhang verweist Aefu auf eine Aussage von Diego Ochsner, Chef Führungsstab des Kantons Solothurn: «Wenn es wirklich eine Katastrophe gibt, funktioniert das alles nicht mehr, das Handynetz und damit die Push-Nachrichten, aber auch Facebook, Twitter, das wäre alles überlastet.»

Laut der Babs-Webseite können die Behörden bei einem Stromunterbruch zudem auf weitere bewährte Kommunikationsmittel zurückgreifen – «etwa auf Lautsprecher, Megafone, Meldeläufer und Flugblätter». Noch Zukunftsmusik ist der angedachte Einsatz von Displays an Postauto-Haltestellen oder an Briefkästen der Post zur Information im Falle einer Katastrophe oder Notlage.

Und schliesslich antwortete Christoph Flury, Chef Bevölkerungsschutzpolitik und stellvertretender Direktor des Babs, auf die Kritik der Ärzte für Umweltschutz: «Der Staat macht viel, er kann aber nicht für alles sorgen. Beim Schutz vor Katastrophen und Notlagen ist es grundsätzlich unabdingbar, dass die Leute selbst eine gewisse Verantwortung für sich und ihre Familien übernehmen – wie sonst im Leben auch.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.11.2016, 18:33 Uhr

UKW, DAB und DAB+

Digital Audio Broadcasting (DAB) ist ein digitaler Übertragungsstandard für terrestrischen Empfang von Digitalradio. Es wurde erfunden, um die teuren und ausgelasteten analogen UKW-Sendernetze abzulösen. DAB beruht darauf, dass mehrere Kanäle ineinander verschränkt werden und mit der gleichen Frequenz auskommen.

1996 führte die damalige Telecom PTT erste DAB-Versuche durch, der Standard war 1994 international festgelegt worden. Als Ende 2008 der Mittelwellensender Beromünster den Betrieb einstellte, griff die SRG zu einer drastischeren Massnahme: Wer die Musikwelle weiter hören wollte, musste ein DAB-Gerät kaufen - es gab einen Schub bei den Verkaufszahlen. Danach begannen auch die Privatsender auf digital
umzustellen.

Seit 2012 verbreitet die SRG neun ihrer Radioprogramme parallel auf DAB und DAB+. DAB+ ist eine Weiterentwicklung des DAB-Standards, übernimmt also sämtliche Funktionen von DAB, bietet
aber zusätzliche Vorteile. Dank verbesserten Audio Codecs (AAC) können bei gleicher Kapazität noch mehr Programme übertragen werden. Die in der Schweiz verbreiteten DAB Programme der SRG wurden heute
abgeschaltet und auf DAB+ migriert. (TA)

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