Interview

«Es ist zu viel, vor allem für schwache Schüler»

Erst lobten die Lehrer den Lehrplan 21, jetzt üben sie Kritik: Die Schüler würden überfordert, sagt Beat W. Zemp, der Präsident des Lehrerverbandes – und schliesst eine Volksinitiative nicht mehr aus.

Alle sollen zwei Fremdsprachen lernen dürfen, aber nicht müssen: Erster Schultag in Zürich.

Alle sollen zwei Fremdsprachen lernen dürfen, aber nicht müssen: Erster Schultag in Zürich. Bild: Keystone

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Herr Zemp, nach jahrelanger Arbeit steht der Lehrplan 21. Und noch immer sind die Lehrer nicht zufrieden. Da stellt sich die Frage: Werden die Lehrer je mit irgendeinem Lehrplan zufrieden sein?

Der Dachverband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer ist mit dem Lehrplan grundsätzlich sehr zufrieden. Die Expertengruppen haben in den einzelnen Fachbereichen hervorragende Arbeit geleistet. Das würdigen wir auch in unserer jetzigen Stellungnahme nochmals ausdrücklich.

Das hat der LCH schon im Juli kommunizert, als der Lehrplan 21 vorgestellt wurde. Nun, nach vertiefter Prüfung, hagelt es Kritik. Zehn Änderungsforderungen stehen im Raum. Läuft das nicht auf eine Generalüberholung des Lehrplans heraus?

Nein. Das sind Punkte, auf die wir aus Lehrersicht hinweisen müssen, weil unsere Leute in der Praxis den Lehrplan später auch umsetzen müssen. Eine Befürchtung ist diejenige, dass nicht alle Schülerinnen und Schüler sämtliche Anforderungen erfüllen können. Alle Kompetenzziele in den einzelnen Fächern sind, wie gesagt, sinnvoll und gescheit. Aber in der Gesamtschau ist es zu viel, insbesondere für schwache Schüler und in Kantonen mit einer zu geringen Gesamtstundenzahl. Die Differenz zwischen den Kantonen beim obligatorischen Unterrichtsangebot auf der Volksschule beträgt immer noch mehr als ein ganzes Schuljahr. Daher wird insbesondere das Obligatorium von zwei Fremdsprachen auf Primarstufe bei einem Teil der fremdspachigen Schüler zur Überforderung führen.

Warum? Die haben ja schon vor der Schule eine oder zwei Sprachen gelernt. Die dürften am wenigsten Mühe damit haben.

Eben nicht. Kinder mit Migrationshintergrund, die zu Hause ihre Muttersprache, mit Kollegen Schweizerdeutsch und in der Schule Hochdeutsch sprechen, müssten mit zwei Fremdsprachen im Unterricht insgesamt fünf Sprachen sprechen und das bevor sie zehn Jahre alt sind. Sprach- und lernstarke Schüler werden damit kein Problem haben, klar. Aber es sind nicht alles Expat-Kinder mit einem bildungsnahen familiären Hintergrund. Ein Teil kommt auch aus bildungsfernen fremdsprachigen Familien und die dürften eher überfordert sein.

Also nur eine Fremdsprache in der Primarschule?

Nein. Wir sind gegen Lernverbote. Das Angebot von zwei Fremdsprachen muss für alle offen bleiben. Aber es darf nicht obligatorisch sein. Diejenigen, die es leisten können, sollen schon in der Primarschule Englisch und Französisch lernen dürfen. Diejenigen, die damit überfordert sind, sollen mit nur einer Fremdsprache anfangen und die zweite dann mit einer dafür erhöhten Stundenzahl in der Sekundarschule lernen. In der Primarstufe bekommen sie dann aber eine Vertiefung in der Unterrichtssprache oder der ersten Fremdsprache.

Aber auch dort gibt es ein «Mengenproblem», wie sie sagen. Verschiebt sich dann die Überforderung nicht einfach in die Sekundarschule?

Diese Gefahr besteht. Deshalb bedarf es einer verfeinerten Priorisierung, welche Kompetenzen die Schüler am Ende eines Schuljahres unter Beweis stellen müssen und welche nicht. Es ist nicht machbar, neue – durchaus wichtige – Bereiche wie die Informatik, Medienkompetenz oder die Berufswahl auszubauen und gleichzeitig nirgends Abstriche zu machen. Das Resultat aus diesem Vorgehen kann nur die Überforderung der Schüler und der Lehrpersonen sein.

Was ist also wichtiger und was ist weniger wichtig?

Das wird nach der Konsultationsphase Gegenstand eines verfeinerten Austausches zwischen LCH und den Bildungsdirektionen sein.

Wie weit wird der LCH gehen, um seine Forderungen zum Fremdsprachenunterricht durchzusetzen?

Am 1. August 2015 ziehen wir Bilanz. Wenn bis dann der Flickenteppich beim Sprachunterricht nicht verschwunden ist, muss der Bund für eine einheitliche Lösung sorgen. Sollte sich keine Lösung abzeichnen, die uns vernünftig erscheint, schliessen wir eine Volksinitiative nicht aus. In einzelnen Kantonen sind bereits kantonale Initiativen lanciert worden.

Was gefällt dem LCH am Lehrplan 21?

Sehr gut ist der Paradigmenwechsel von der Wissensabfrage hin zur Kompetenzorientierung. Die Schüler müssen heute nicht mehr alles auswendig wissen, das Wissen ist relativ einfach abrufbar. Wichtiger ist, dass die Schüler mit dem Wissen, das sie erworben oder recherchiert haben, etwas anfangen können. Sie sollen nicht nur wissen, wie die Französische Revolution abgelaufen ist, sondern aufgrund der Französischen Revolution auch Rückschlüsse und Aussagen über aktuelle Umwälzungen wie beispielsweise den Arabischen Frühling machen können und Parallelen aufzeigen, soweit es diese gibt. Diese Kompetenzen zu erlangen, braucht aber mehr Zeit, als einfach nur das Wissen ausweisen zu können.

Wer bestimmt denn, wann Kompetenzen bei den Schülern vorhanden sind und wie kompetent die sind?

Das ist eben noch zu wenig klar ausgeführt. Es braucht bei der Kompetenzenbeurteilung durch die Lehrer eine Mitplanung im Lehrplan. Das muss geregelt und standardisiert sein, wie etwa bei den europäischen Sprachenporttfolios, im Englisch etwa die Komptenzniveaus Advanced Certificate oder First Certificate, die auf den jeweiligen Stufen bestimmte Anforderungen an das Hörverständnis oder die Aussprache stellen.

Wenn Sie entscheiden müssten, welche Fremdsprache die Kinder zuerst lernen sollen, welche wäre es: Französisch oder Englisch?

Das ist pädagogisch unerheblich. Vielleicht ist das Englische den Schülern näher, weil es in ihrem Alltag präsenter ist. Andererseits ist es vielleicht auch gerade deshalb besser, in der Schule mit Französisch zu beginnen, weil es im Alltag weniger präsent ist und der Neuigkeitswert grösser ist. Letztlich ist dies ein politischer Entscheid, und hier plädiere ich klar für eine Landessprache.

Erstellt: 21.11.2013, 18:58 Uhr

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