«Es war die Hölle auf Erden»

Arnold Büchi verbrachte seine Grundschulzeit in den 50er-Jahren im Kloster Fischingen. Er erzählt von Zwangsarbeit, sexuellen Übergriffen und Gewalt. Es sind nicht die ersten Vorwürfe dieser Art.

Nach der Scheidung der Eltern ins Kinderheim: Arnold Büchi.

Nach der Scheidung der Eltern ins Kinderheim: Arnold Büchi. Bild: Sophie Stieger

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Sein schlimmstes Erlebnis im Kloster? Arnold Büchi muss kurz nachdenken, und für einen Moment ist es völlig still in der ebenerdigen Wohnung in Zürich-Seebach. Waren es die Schläge der Lehrer und Patres? Die Dunkelhaft im Kohlenkeller?

Auch, sagt Büchi dann. Aber das schlimmste Erlebnis sei doch das Untertauchen im Wassertrog gewesen. Dann erzählt der heute 68-jährige über eine Methode, die an das berüchtigte Waterboarding erinnert, mit dem die US-Armee in den vergangenen Jahren (und vielleicht noch heute) Terrorverdächtige zum Sprechen bringen wollte. Zwei Nonnen hätten ihn links und rechts gepackt, seinen Kopf in den Trog gesteckt und den Wasserhahn aufgedreht, «bis ich keine Luft mehr bekam».

Knapp 60 Jahre ist es her, dass Büchi auf diese Art bestraft wurde. Bis heute kann er beim Schwimmen nicht untertauchen, denn «ich bekomme sofort Panikattacken». Büchi war nie Terrorist, nur ein Sarganser Bub aus zerrütteten Familienverhältnissen, der ab 1951 seine Grundschulzeit im Kinderheim des Thurgauer Klosters Fischingen verbrachte. Er erzählt von Gewalt, sexuellen Übergriffen und Zwangsarbeit. Acht Jahre seiner Jugend habe ihm die Kirche gestohlen, sagt er heute: «Es war die Hölle auf Erden.»

Der Pater lebt noch im Kloster

Vor vier Monaten berichtete der «Tages-Anzeiger» zum ersten Mal über Vorwürfe ehemaliger Zöglinge, sie seien im Kinderheim des Klosters Fischingen misshandelt und sexuell missbraucht worden. Der Österreicher Walter Nowak schilderte ausführlich die angeblich sadistischen Methoden eines Paters in den 60er- und 70er-Jahren. Nach der Veröffentlichung dieses Artikels meldeten sich andere ehemalige Schüler, die Nowaks Angaben aus eigener Erfahrung bestätigten. Allerdings meldeten sich auch ehemalige Schüler und Maturakollegen des Paters, die sämtliche Anschuldigungen empört zurückwiesen und dem TA eine «Rufmordkampagne» vorwarfen. Der Pater lebt noch im Kloster, will aber mit dem TA nicht sprechen.

Mitte September erklärte der Verein St. Iddazell, der Trägerverein des Klosters, er wolle eine externe und neutrale Fachstelle beauftragen, die Vorwürfe zu untersuchen. Der Schwerpunkt soll auf Vorgängen in den 70er-Jahren liegen. Die Suche nach dieser Fachstelle läuft noch. Beim TA meldete sich nun ein ehemaliger Zögling, der über ähnliche Misshandlungen wie Nowak erzählt, allerdings aus den 50er-Jahren.

Schläge mit einer scharfen Buchkante

Arnold Büchi kam nach der Scheidung seiner Eltern 1951 als Sechsjähriger nach Fischingen. In dem Heim waren – streng voneinander getrennt – Buben und Mädchen untergebracht, die Aufsicht hatten Patres aus dem Kloster Engelberg und Nonnen aus dem Kloster Menzingen. Die Lehrer waren zum Teil weltlich, aber in ihren Erziehungsmethoden laut Büchi um nichts besser als die Geistlichen. Vor allem seinen Klassenlehrer von der sechsten bis zur achten Schulstufe hat er in übelster Erinnerung. Er sei «der Teufel selbst» gewesen, habe die Schüler ständig mit dem Lineal oder einer scharfen Buchkante geschlagen, «auf die Hände, auf den Rücken, auf den Kopf, bis wir bluteten».

Isolationshaft im Kohlenkeller

Seinen damaligen Religionslehrer beschreibt er als besonders brutal. Auch sexuellen Missbrauch habe es gegeben: Ein Pater habe «uns immer wieder den Rücken runter und rauf gestreichelt, mit unseren Hoden gespielt. Und dann hat er geschaut, ob da was steht oder nicht steht.» Bis heute, sagt Büchi, leide er an Depressionen: Er wache oft in der Nacht auf und frage sich: Warum? Warum ich? «Aber es gibt keine Antwort.»

Büchi hat noch seine alten Schulhefte und seine Zeugnisse. In ein Heft hat er in makelloser gotischer Schrift ein Gedicht notiert, das ihm damals vom Lehrer diktiert wurde: «Willst du, dass wir mit hinein / in das Haus dich bauen. / Lass es dir gefallen, Stein, / dass wir dich behauen.» Ein schlechter Schüler war er nicht, in allen Fächern hatte er Einsen und Zweien, später (als das Benotungssystem umgekehrt wurde) nur Fünfen und Sechsen. Für die Behandlung durch die Erzieher habe das aber keine Rolle gespielt. Für die kleinsten Vergehen sei als Strafe einwöchige Isolationshaft verhängt worden, im Winter auf dem kalten Estrich, im Sommer im finsteren Kohlenkeller. Mehrmals im Jahr sei er da unten eingesperrt worden, erinnert sich Büchi. Zum Schlafen machte er sich eine Kuhle im Kohlenhaufen, zum Essen gab es Wasser und Brot. «Am Morgen hat mich ein Pater zum Schulunterricht geholt und gleich danach wieder in den Keller gebracht.» Als Straferleichterung galt das Einsperren im Kartoffelkeller, «dort konnten wir wenigstens etwas essen».

Zwangsarbeit

Der ehemalige Zögling erzählt auch von «Fronarbeit», die alle Schüler leisten mussten: im Sommer auf den Feldern des Klosters das Heu rechen und bündeln, im Herbst Holzscheiter schleppen. Und jedes Wochenende die Steinböden der langen Klostergänge schrubben: «Waren wir nicht schnell oder nicht gründlich genug, gabs wieder Schläge, und wir mussten von vorn anfangen.» Die Quälerei mit dem Wasser habe er in den acht Jahren mehrmals am eigenen Leib erlebt: «Immer, wenn ich jähzornig wurde, haben mich die Nonnen gepackt, und schon gings wieder mit dem Kopf unter den Wasserhahn. Bis ich keine Luft mehr bekam.»

Er erzählt auch vom Selbstmord eines Mitschülers Mitte der 50er-Jahre. Der sei auf das Glockentürmchen gestiegen, habe die Glocke geläutet und sich danach in die Tiefe gestürzt. Das Kloster habe den Sturz als Unfall dargestellt.

Direktor will «nicht vorgreifen»

Nach der Entlassung fand Büchi eine Lehre als Metzger, doch sein Vater zwang ihn, Gärtner zu werden. Das blieb er bis zur Pensionierung. Mit den Eltern konnte er über die Misshandlungen nicht sprechen, «für die war das Kloster die beste Schule, und die Mönche waren Heilige». Bevor er mit dem TA sprach, erzählt er, habe er sich nur seiner Schwester anvertraut. Der heutige Klosterdirektor von Fischingen, Werner Ibig, bietet Menschen, «die sich im Zusammenhang mit der Vergangenheit im Kinderheim St. Iddazell melden», ein persönliches Gespräch an, in dem weitere Schritte gemeinsam festgelegt werden könnten. Als Arnold Büchi durch den TA davon erfährt, holt er mit der rechten Faust aus, als wolle er einen imaginären Gegner zu Boden strecken. Nie mehr wieder, sagt er dann sichtbar erregt, wolle er mit einem «Schwarzrock» reden, «meine Wut ist noch immer viel zu gross».

Vorfälle im Kloster Fischingen werden untersucht

Werner Ibig wurde vor elf Jahren Direktor des Klosters, also lange nach der Zeit, um die es in Büchis Geschichte geht. Ibig selber wird nichts vorgeworfen. Der TA fragte ihn, ob er es für möglich halte, dass die von Arnold Büchi beschriebenen Bestrafungsmethoden wie Dunkelhaft oder Wasserfolter in Fischingen in den 50er-Jahren tatsächlich angewandt wurden.

Der Klosterdirektor antwortete, dass der Verein St. Iddazell gerade in Verhandlungen über ein Mandat zur Aufarbeitung solcher Vorfälle stehe. Daher sei es nicht sinnvoll, jetzt zu diesen Fragen Stellung zu nehmen, denn «ich möchte nicht einer fachlich und methodisch bestens ausgewiesenen Untersuchung vorgreifen». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.10.2012, 10:22 Uhr

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