Feriengast soll Gemeindepräsident werden

Der einstige Publicitas-CEO Beat Roeschlin will vom zugerischen Walchwil nach Sedrun ziehen und dort das Gemeindepräsidium übernehmen. Die Amtssprache Romanisch spricht er aber nicht.

Unter den Einheimischen von Sedrun wollte niemand Gemeindepräsident werden.

Unter den Einheimischen von Sedrun wollte niemand Gemeindepräsident werden. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Am Freitagabend präsentiert sich Beat Roeschlin in der Turnhalle Sedrun der Bevölkerung. Zwei Tage vor seinem 60. Geburtstag will der langjährige Feriengast und einstige Chef des Inseratevermittlers Publicitas erklären, warum er für das Gemeindepräsidium kandidiert. Weshalb er künftig zwischen dem zugerischen Walchwil und Sedrun pendeln will. Welche Visionen er für die Region verwirklichen möchte, etwa einen Tunnel nach Göschenen. Und weshalb er der Richtige ist für dieses Amt.

Roeschlin wird all dies auf Deutsch tun. Denn Romanisch – die Amtssprache der Gemeinde – beherrscht er nicht. Dies sieht auch Roeschlin als «Handicap». Aber die Gemeinde Tujetsch, zu der Sedrun gehört, hat keine grosse Wahl. Seit über einem halben Jahr ist sie ohne Präsident. Der letzte, Pancrazi Berther, wurde im vergangenen Frühling abgewählt. Manch ein Tujetscher empfand ihn als zu wenig volksnah, zu wenig präsent an geselligen Anlässen. So fehlten Berther im ersten Wahlgang 24 Stimmen, worauf er keine Lust mehr hatte, sich einem zweiten zu stellen.

Diese Abwahl hat die Suche nach einem Nachfolger nicht eben erleichtert. Das ohnehin schon schwierige Finden eines Gemeindepräsidenten gestaltete sich in Sedrun noch schwieriger. Alle angefragten Einheimischen sagten ab. Der Gemeinde blieb daher nichts anderes übrig, als die Stelle auszuschreiben. Ein entsprechender Brief an alle Zweitwohnungsbesitzer ging auch an Beat Roeschlin. Dieser besitzt zwar keine Ferienwohnung, ist aber seit acht Jahren Dauermieter einer solchen in Rueras.

Die Frau bleibt im Kanton Zug

Roeschlin signalisierte sein Interesse, absolvierte die Interviews einer Zürcher Headhunter-Firma und wurde als einer von zwei offiziellen Kandidaten auserkoren. Dann zog sich der andere Kandidat zurück, wodurch der Tujetscher Gemeindevorstand jetzt nur noch Roeschlin vorschlägt. Die Chancen stehen also gut, dass der Feriengast am 8. März zum Gemeindepräsidenten gewählt wird. Er, der an der Hochschule St. Gallen studierte, vier Jahre in Südkorea lebte und unter anderem bei Roche und Publigroupe arbeitete.

Bald will Roeschlin seine Schriften vom zugerischen Steuerparadies Walchwil nach Tujetsch verlegen. Dadurch steigt seine Steuerbelastung beträchtlich. Gleichzeitig wird Roeschlin massiv weniger verdienen als bei der Publigroupe, wo er noch bis Ende Januar unter Vertrag ist. Warum nimmt er dies in Kauf? Warum zieht es ihn in die Surselva, obwohl seine Frau in Walchwil bleibt, wo sie als Lehrerin tätig ist?

Roeschlin sagt, ihn fasziniere die grosse Herausforderung, vor der die Talschaft Tujetsch derzeit stehe. Nach dem Ende der Grossbaustelle Neat brauche die Gemeinde wieder ein Ziel, eine Vision. Und Visionen hat Roeschlin. «Langfristig braucht es einen Tunnel zwischen Göschenen und Sedrun, damit das Tal im Winter gegen Westen nicht mehr geschlossen ist», sagt er. Auch touristisch will der bisherige Feriengast neue Akzente setzen. Ein dreiseitiges Papier, indem er sich vorstellt, spart nicht mit Managerdeutsch: «Das Tujetsch verfolgt klar definierte, gemeinsam verabschiedete Zielsetzungen im kurz-, mittel- und langfristigen Bereich mit definierten und quantifizierten Umsetzungsoptionen.»

Gemeindesitzungen auf Deutsch

Offiziell ist das Gemeindepräsidium ein 50-Prozent-Mandat. Doch Roeschlin will sich zu Beginn «zu 100 Prozent reinknien». Drei Tage pro Woche gedenkt er in Sedrun zu arbeiten und den Rest von Walchwil aus zu erledigen. Dazwischen liegt eine lange Autofahrt – im Sommer über den Oberalppass, im Winter aussen herum über Chur.

Wäre der Oberalptunnel bereits gebohrt, wäre Roeschlin deutlich schneller. Zuerst will er jetzt aber Romanisch lernen. Ziel ist, dass er die Amtssprache seiner Gemeinde einst verstehen und lesen kann. Denn ein Grossteil der Gesetze und Unterlagen existiert nur auf Romanisch. Der fünfköpfige Gemeindevorstand hingegen wird vorderhand auf Deutsch tagen müssen, damit sich auch der Präsident einbringen kann. Das Protokoll wird dann freilich in Romanisch verfasst. Wie es sich gehört. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2015, 23:15 Uhr

Beat Roeschlin
Der bald 60-Jährige hat in St. Gallen studiert, in Südkorea gelebt und bei Konzernen wie Roche und Publigroupe gearbeitet.

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