Hintergrund

Für Abbrüche nach der 12. Woche gehen viele Frauen ins Ausland

Pro Jahr erfolgen bis zu 500 Abtreibungen nach der 12. Schwangerschaftswoche. Weil Schweizer Praxen dafür schlecht ausgerüstet sind, lassen Frauen den Eingriff im Ausland vornehmen.

Die Schweiz sei schlecht ausgerüstet für späte Abtreibungen, sagt der Arzt André Seidenberg. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Die Schweiz sei schlecht ausgerüstet für späte Abtreibungen, sagt der Arzt André Seidenberg. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Schwangerschaftsabbrüche sind in den ersten zwölf Wochen und mit Vorliegen einer schriftlichen Willensbekundung der betroffenen Frau erlaubt. Danach ist der Eingriff straflos, wenn eine schwerwiegende körperliche Schädigung oder eine schwere seelische Notlage von der Frau abgewendet werden kann. So steht es seit 2002 im Strafgesetzbuch.

Pro Jahr machen in der Schweiz zwischen 400 und 500 Frauen von dieser Ausnahmeregel Gebrauch, was rund 5 Prozent der gesamthaft 10'000 bis 11'000 Abtreibungen entspricht.

Das Bundesamt für Statistik führt Buch über die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in den jeweiligen Stadien und auch über die Gründe für Abbrüche nach der zwölften Woche – soweit dies möglich ist. In zwei Drittel der Fälle haben die Kantone die Gründe für Abtreibungen nach der Frist entweder nicht erhoben oder nicht ans Bundesamt weitergeleitet. Beim übrigen Drittel waren in den letzten Jahren «psychosoziale Motive» mit rund 100 Fällen der meistgenannte Grund. Etwas seltener wurde eine «psychische Erkrankung» angegeben, vereinzelte Schwangerschaftsabbrüche sind mit «ungewolltem Geschlechtsverkehr» begründet.

Was ist eine schwere Notlage?

Entscheidend sei das ärztliche Urteil, sagt der Zürcher Allgemeinmediziner André Seidenberg, der in seiner Praxis seit 30 Jahren Abtreibungen vornimmt. Der Arzt müsse die Dringlichkeit im Streitfall belegen können. Dabei gelte: «Je fortgeschrittener die Schwangerschaft, desto schwerwiegender müssen die Gründe sein.»

Doch was gilt als schwerwiegende körperliche Schädigung, was als schwere seelische Notlage? Beim Kind könnten das beispielsweise genetisch bedingte Erkrankungen wie Trisomie 21 oder Glasknochen sein, sagt Seidenberg. Aber auch Fehlbildungen wie lebensbedrohliche Herzfehler, die erst spät entdeckt werden. Anders als früher müsse er die Schwangere in solchen Fällen heute nicht mehr «pathologisieren», sagt er. Die Krankheit des Fötus genüge als Grund für einen Abbruch nach der zwölften Woche, der Frau müsse keine psychische Krankheit attestiert werden. Die körperliche Gesundheit der Schwangeren könne etwa durch Thrombosen oder Lungenembolien gefährdet sein, sagt Seidenberg, durch eine schwere Stoffwechselstörung oder bei Zwillingsschwangerschaften. «Wenn ein Fötus dem anderen die Blutversorgung abzapft, können beide Föten gefährdet sein. In solchen Situationen kann auch für die Mutter eine Gefahr entstehen.»

Von den rund 500 Schwangerschaftsabbrüchen nach der zwölfwöchigen Frist werden die meisten (etwa 350) bis zur 16. Schwangerschaftswoche vorgenommen. Bis zur 22. Woche sind es zwischen 100 und 130 und ab der 23. Woche noch 30 bis 40. Mit ungefähr 24 Wochen beginnt die Lebensfähigkeit des Kindes, wobei die Sterblichkeitsrate noch über 90 Prozent beträgt und dann innert weniger Tage stark sinkt. In diesem späten Stadium kann eine Abtreibung nur von hoch spezialisierten Fachleuten vorgenommen werden, Arztpraxen sind in der Regel höchstens für Fälle innerhalb der ersten zwölf Wochen ausgerüstet. Doch auch in Spitälern sind die Kapazitäten gering. «Die Schweiz ist schlecht ausgerüstet für späte Abtreibungen», sagt Seidenberg. Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche sei so tief, dass eine Spezialisierung für die einzelnen Institutionen keinen Sinn ergebe. Er hat die Bereitschaft der Schweizer Spitäler für Abtreibungen untersucht. Das Resultat: Je weiter die Schwangerschaft fortgeschritten ist, desto kleiner die Chance der Schwangeren, eine Institution zu finden, die den Eingriff vornimmt. «Deshalb verlassen immer noch Dutzende Frauen pro Jahr die Schweiz, um im Ausland abtreiben zu lassen.»

«Ambivalente Haltung»

Auch die Gynäkologin Regina Widmer weiss von solchen Fällen. Der Grund sei die «auch in der Gynäkologie verbreitete ambivalente Haltung gegenüber Schwangerschaftsabbrüchen». Zudem kämen Spitäler, die rein technisch zu späten Abbrüchen in der Lage sind, nicht für alle Fälle auf, sondern vorzugsweise für die Frauen aus dem eigenen Kanton.

Doch was bringt eine Frau dazu, ein potenziell lebensfähiges Kind abzutreiben? In der «Weltwoche» schilderte eine Gynäkologin anonym von traumatischen Erfahrungen mit ausgestossenen Föten, die noch leben und zum Sterben weggelegt werden. Widmer sagt: «Je später der Eingriff, desto grösser die Not der Frau.» Die Gründe seien etwa schwere Verwahrlosung oder Fehlbildungen. «Oder die Frau hat die Schwangerschaft zu spät bemerkt.» Bis etwa zur 14. Woche kann der Fötus mit einem Rohr abgesaugt werden. Danach wird die Schwangerschaft chirurgisch oder medikamentös abgebrochen. Medikamentös heisst: durch Erzeugung künstlicher Wehen.

Ein später Abbruch sei sicher «nicht schön», weder für die Schwangere noch für die Ärztin, sagt Widmer. Doch es sei wichtig, zu wissen, dass die Betroffenen die Abtreibung so oder so machen lassen. «Sie gehen ins Ausland, wenn es in der Schweiz nicht möglich ist.»

Erstellt: 29.01.2014, 06:12 Uhr

Kommentare

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...