Ginge es eigentlich auch ohne Luftwaffe?

Das Parlament dürfte dem Kauf der 22 Gripen-Kampfjets zustimmen. Das letzte Wort hat allerdings das Volk. Grund genug, die wichtigsten Fragen zur Luftwaffe zu beantworten.

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Selbst viele Parlamentarier wissen nicht recht, was die Luftwaffe macht. Dies hat sich gestern im Nationalrat gezeigt. Mit Blick auf die Volksabstimmung beantwortet der «Tages-Anzeiger» die wichtigsten Fragen. Die Angaben und Einschätzungen stützen sich auf Gespräche mit Vertretern der Luftwaffe, GSoA-Exponent Jo Lang, Aviatik-Experte Max Ungricht und Hans-Ulrich Ernst, ehemaliger Generalsekretär des Militärdepartements.

Was macht die Luftwaffe an normalen Tagen?
Sie hilft Privatflugzeugen, die sich verirrt haben, in Not geraten sind oder Anweisungen der Flugsicherung Skyguide nicht hören, weil der Pilot vergessen hat, den Funk einzuschalten. Solche «Hot Missions» kommen 20- bis 30-mal pro Jahr vor. Daneben überprüft die Luftwaffe, ob tatsächlich nur angemeldete ausländische Staatsflugzeuge die Schweiz überfliegen. Hinzu kommen Patrouillen- und Trainingsflüge. Für den Luftpolizeidienst steigen Kampfflugzeuge, PC-7-Maschinen und Helikopter in die Luft. Im Normalfall ist die Luftwaffe unbewaffnet. Fliegt an einem solchen Tag ein mit Sprengstoff beladenes Privatflugzeug in böser Absicht unerwartet auf das Bundeshaus zu, kann niemand es stoppen. Es sei denn, der Geheimdienst erhält rechtzeitig Hinweise. Bewaffnet sind die Kampfflugzeuge während internationaler Grossanlässe wie dem World Economic Forum (WEF) in Davos, der Fussball-EM von 2008 und UNO-Gipfeltreffen.

Wann arbeitet die Luftwaffe?
Die Radaranlage der Armee (Florako) überwacht den Luftraum während 24 Stunden. Die Luftwaffe schützt ihn nur zu den ordentlichen Betriebszeiten: Montag bis Freitag 8–12 Uhr und 13.30–17 Uhr; einmal wöchentlich bis 22 Uhr (jeweils von Oktober bis März). Rund um die Uhr arbeitet sie bei Grossveranstaltungen. Beim WEF sind auch Armeehelikopter in der Luft, die ausländische Gäste transportieren und Material für die Polizei befördern. Mit Helikoptern hilft die Luftwaffe ausserhalb der Bürozeiten auch bei Waldbränden und Überschwemmungen, zuletzt im Wallis, in der Zentralschweiz, in Griechenland und Sumatra. Oder bei Grossdemonstrationen wie «Tanz dich frei» in Bern. Zwei bis drei Helikopter fliegen seit zehn Jahren in Kosovo.

Schiesst die Luftwaffe verdächtige Flugzeuge ab?
Bei Einsätzen wie dem WEF darf die Luftwaffe ein unerlaubt eindringendes Flugzeug abschiessen. Das sieht die Verordnung zur Wahrung der Lufthoheit vor. Ob ein Abschuss angesichts der kurzen Distanzen, der knappen Entscheidungszeit und der Siedlungsdichte überhaupt möglich ist, wird kontrovers beurteilt. Verhält sich ein Flugzeug erst kurz vor der gesperrten Zone auffällig, ist ein Abschuss unrealistisch. Wenn eine Maschine bereits beim Anflug auf die Schweiz Luftverkehrsregeln verletzt, bleibt dank Zusammenarbeit mit benachbarten Luftstreitkräften mehr Zeit. Auch so sind es aber nur Minuten. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat die Schweiz noch nie ein Flugzeug abgeschossen.

Wer befiehlt den Abschuss?
Ist der Luftraum zum Schutz einer Grossveranstaltung gesperrt, entscheidet Ueli Maurer als Vorsteher des Verteidigungsdepartements über den Abschuss eines verdächtigen Flugzeugs. Während des WEF hat er einen Koffer mit Telefon bei sich, das den Kontakt zur Einsatzzentrale Luftverteidigung sicherstellt. Bei einem gravierenden Vorfall wird Maurer vom Chef Luftverteidigung telefonisch informiert. Befürwortet der Verteidigungsminister den Abschuss, erteilt er dem Chef Luftverteidigung den Befehl dazu. Dieser muss dann entscheiden, ob Flugzeuge oder Fliegerabwehr die geeigneten Mittel sind. Ist Maurer verhindert, kann er den Abschussentscheid an den Kommandanten der Luftwaffe delegieren.

Wie viele Kampfjets braucht es?
Das hängt davon ab, was man von der Zukunft erwartet. Verdüstert sich die Weltlage, kann die Luftwaffe mit den heutigen 33 F/A-18-Kampfjets den Luftraum während sechs Wochen rund um die Uhr überwachen. In den letzten Jahrzehnten war ein so langer Vollzeiteinsatz nie notwendig. Was in Europa und in der Welt passieren müsste, damit sich dies ändert, ist unklar. Kauft die Schweiz 22 Gripen, kann sie den Luftraum während 17 Wochen am Stück überwachen. Die 54 Tiger-Flugzeuge der Luftwaffe taugen für diese Aufgabe nur noch sehr beschränkt, weil sie in der Nacht nichts sehen.

Warum nicht Drohnen statt Jets?
Drohnen ersetzen die Luftaufklärung per Flugzeug und werden für die gezielte Tötung von Terroristen eingesetzt. Luftpolizeiaufgaben, wie sie in der Schweiz im Vordergrund stehen, können die heute verfügbaren Drohnen nicht übernehmen. Vielleicht ändert sich das eines Tages.

Geht es auch ohne Luftwaffe?
Selbst die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee plädiert für eine staatliche Überwachung des Luftraumes und für Interventionsmittel im Notfall. Sie möchte diese Aufgabe einer zivilen Luftverkehrspolizei anvertrauen. Ohne Schutz des Luftraums wäre Genf wahrscheinlich nicht mehr lange UNO-Standort, und Davos verlöre wohl das WEF. Denkbar wäre, dass Luftwaffen anderer Länder gegen Bezahlung den Luftpolizeidienst in der Schweiz übernehmen. So handhaben es in Europa Slowenien und die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen. Sie haben die Aufgabe an Italien beziehungsweise die Nato delegiert. In der Schweiz könnte eine solche Lösung bei zwischenstaatlichen Spannungen mit dem Neutralitätsanspruch kollidieren.

Was passiert, wenn es Krieg gibt?
Mit einem Krieg zwischen europäischen Staaten rechnet heute kein Armeeplaner. Die Weltlage müsste sich massiv verschlechtern, für den klassischen Kriegsfall gilt eine Vorwarnzeit von 10 bis 15 Jahren. Die Luftwaffe fordert neue Kampfflugzeuge auch mit Blick auf einen Krieg. Der Beschaffungsvertrag sieht vor, einen Teil der Gripen-Jets mit lasergelenkten Bomben zur Unterstützung von Bodentruppen auszurüsten und die restlichen Jets mit Meteor-Luft-Raketen für den Angriff. Seit 1994, als die Hunter-Flugzeuge ausrangiert wurden, beklagt die Luftwaffe, dass sie den Erdkampf nicht mehr üben kann.

Wie viel kostet die Luftwaffe?
Das kann niemand genau sagen, weil gewisse Ausgaben nicht nur der Luftwaffe, sondern auch anderen Abteilungen der Armee zugutekommen – respektive die Luftwaffe auch nicht direkt zurechenbare Kosten verursacht. Für den laufenden Betrieb erhält die Luftwaffe grundsätzlich knapp 300 Millionen Franken pro Jahr aus dem Verteidigungsbudget. Gemäss eigenen Angaben kann sie damit nicht den vollen Schutz gewähren. So ist beispielsweise kein permanenter Luftpolizeidienst gewährleistet. Eine Stunde Flug mit einer F/A-18 kostet gut 30'000 Franken. Der Jet verbraucht dabei über 5000 Liter Kerosin.

Erstellt: 12.09.2013, 07:20 Uhr

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