Grosse Niederlage für den Vater des Lehrplans 21

Christian Amsler weibelt für zwei Fremdsprachen in der Primarschule. Ausgerechnet sein Kanton Schaffhausen will die zweite Fremdsprache streichen. Nun geht es um den «nationalen Zusammenhalt» und «Totschlagargumente».

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seit Monaten wirbt der Schaffhauser Bildungsdirektor Christian Amsler in der ganzen Deutschschweiz für den Lehrplan 21 und zwei Fremdsprachen in der Primarschule. Nun muss ausgerechnet er, der Präsident der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (D-EDK), von seinen Amtskollegen einen Richtungswechsel in der Fremdsprachenfrage verlangen.

Das Schaffhauser Kantonsparlament hat am Montag nach langer Diskussion einen entsprechenden Vorstoss überwiesen. Amsler solle sich für eine Änderung des Harmos-Konkordats einsetzen, damit Primarschüler künftig nur noch eine statt zwei Fremdsprachen lernen müssen. Der FDP-Bildungsdirektor hatte das Parlament vergeblich vor der «Signalwirkung» eines solchen Entscheids gewarnt.

Andere Kantone könnten folgen

In nächster Zeit stehen in verschiedenen Kantonen ähnliche Parlaments- und Volksentscheide zur umstrittenen Fremdsprachenstrategie der EDK an. In den Kantonen Baselland und Thurgau sind in den Parlamenten Vorstösse hängig. In Nidwalden und Zug muss der Regierungsrat das Fremdsprachenkonzept umfassend evaluieren lassen. Und in Graubünden, Luzern und Nidwalden sind Volksinitiativen lanciert worden. In Baselland steht ebenfalls eine Volksinitiative zur Debatte, die den Austritt aus dem Harmos-Konkordat fordert. Weil häufig auch viele Lehrer oder wie in Luzern sogar der kantonale Lehrerverband offiziell hinter der Initiative stehen, werden den Volksbegehren reelle Chancen eingeräumt.

Erst vor rund zehn Jahren hat sich die EDK auf eine gemeinsame Fremdsprachenstrategie geeinigt. Die Primarschüler in der ganzen Schweiz sollen demnach spätestens ab dem dritten Schuljahr die erste Fremdsprache und ab dem fünften Schuljahr die zweite Fremdsprache lernen. Noch bevor dieses System in allen Kantonen eingeführt ist, steht es nun vielerorts schon wieder auf der Kippe.

Politiker fordern Französischunterricht

Diese Lage versetzt Bildungspolitiker in Alarmbereitschaft. «Der nationale Zusammenhalt ist in Gefahr», sagt der Walliser SP-Nationalrat Mathias Reynard. Auch der Berner SP-Nationalrat Matthias Aebischer, der Zürcher FDP-Ständerat Felix Gutzwiller oder die Baselbieter CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter warnen aus staatspolitischen Gründen davor, den Französischunterricht aus der Primarschule zu streichen. Genau dies könnte aber passieren: Denn in grossen Teilen der Deutschschweiz – mit Ausnahme der Kantone an einer Sprachgrenze – lernen die Kinder als erste Fremdsprache Englisch. Wird die zweite Fremdsprache aus der Primarschule verbannt, würden die Kinder erst auf Sekundarstufe eine zweite Landessprache lernen.

Das genüge nicht, finden Reynard, Gutzwiller oder Schneider-Schneiter. «Eines Tages müssen wir im Nationalrat dann Englisch miteinander sprechen», sagt Reynard. Es sei gefährlich, wenn sich die Deutsch- und Westschweizer nicht mehr richtig verständigen könnten. Gerade die Volksabstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative habe gezeigt, dass die Schweiz bereits gespalten sei. Die Diskussionen um die zweite Fremdsprache in der Primarschule sei eine Deutschschweizer Tendenz, sagt Reynard, der auch als Lehrer arbeitet. In der Westschweiz stelle niemand den Deutschunterricht infrage.

Bund soll eingreifen

Reynard will der Entwicklung in den Kantonen nicht länger zuschauen. «Der Bund muss das regeln», sagt er. Der Walliser könnte sich vorstellen, eine verbindliche Regel ins Sprachengesetz zu schreiben. Er brütet zurzeit über einer entsprechenden Motion, die die Kantone dazu verpflichten würde, als erste Fremdsprache eine Landessprache zu unterrichten.

Können sich die Kantone bis zum Jahr 2015 nicht auf eine gemeinsame Fremdsprachenstrategie einigen, muss der Bund sowieso eingreifen. Der Bildungsartikel in der Verfassung verpflichtet ihn dazu. Lehrerpräsident Beat Zemp kritisiert seit längerem den «kantonalen Flickenteppich» bei den Fremdsprachen. In einer Antwort auf einen Vorstoss von SP-Nationalrat Aebischer schrieb der Bundesrat kürzlich, er wolle frühestens im Jahr 2016 Bilanz ziehen.

Bildungsdirektoren wollen Zeit gewinnen

Das ist ganz im Sinne der kantonalen Bildungsdirektoren, die – angesichts der grossen Opposition in den Kantonen – Zeit gewinnen müssen. «Ich werde mich für eine Fristerstreckung einsetzen», sagt EDK-Präsident Christoph Eymann. Der Basler hat keine einfache Aufgabe: «Wir müssen versuchen, die Eltern, Lehrer und Politiker in den Kantonen zu überzeugen, wie wichtig der Französischunterricht ist», sagt er.

Die Zeiten seien allerdings denkbar schwierig. Die Sparpakete in den Kantonen setzten die Schulen unter Druck, sagt Eymann. Oft fehle es an den Mitteln, um die ehrgeizigen Vorgaben gerade beim Fremdsprachenunterricht zu erfüllen. Eymann, in dessen Kanton Basel-Stadt die Kinder zuerst Französisch lernen, sagt: «Es ist peinlich, dass sich die Kantone nicht darauf einigen konnten, in der ganzen Deutschschweiz mit Französisch als erster Fremdsprache zu beginnen.» Wenn die Schweiz den nationalen Zusammenhalt nicht gefährden wolle, müssten endlich alle Kantone den Landessprachen Priorität einräumen.

Kein Verständnis für solche «politischen Befindlichkeiten» hat SVP-Nationalrat und Bildungspolitiker Peter Keller (NW). Der nationale Zusammenhalt sei ein «Totschlagargument», das nichts mit der pädagogischen Debatte an sich zu tun habe. Ein, zwei Französischlektionen pro Woche nützten sowieso wenig. Da mache es viel mehr Sinn, den Unterricht auf die Sekundarschule zu verschieben und dort dafür die Lektionen aufzustocken. Wie seine Partei möchte auch Keller, dass in der Primarschule nur eine Fremdsprache unterrichtet wird. Welche, das solle jeder Kanton selber entscheiden können. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.02.2014, 11:31 Uhr

Artikel zum Thema

«Der Lehrplan 21 muss abspecken»

Der Dachverband der Lehrer begrüsst den neuen Lehrplan. Allerdings hält er ihn für insgesamt überladen. Bei den Fremdsprachen befürchtet er eine Überforderung schwacher Schüler. Mehr...

Aufstand der Lehrer gegen zweite Fremdsprache

Hintergrund Der Fremdsprachenunterricht in der Primarschule sorgt seit seiner Einführung für Diskussionen. Nun setzen die Lehrer einen Hilferuf ab. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Mamablog Hört mir auf mit dem Bauchgefühl!

Sweet Home Alles auf einmal

Paid Post

Ganz einfach fit für Onlinebanking

Mit E-Finance haben Sie jederzeit und überall Zugang zu Kontobewegungen und allen weiteren Onlinebanking-Funktionen.

Die Welt in Bildern

Sie bringen Licht ins Dunkel: Die Angestellten einer Werkstatt in Tuntou, China, fertigen Laternen in Handarbeit. Diese werden als Dekoration für das chinesische Neujahrsfest dienen, das Anfang Februar stattfindet. (Januar 2019)
(Bild: Roman Pilipey/EPA) Mehr...