«Hunger ist ein Problem der Armut, nicht der Lebensmittel»

Der Bundesrat will die weltweite Versorgung mit Nahrungsmitteln verbessern. Der ETH-Agrarökonom Matteo Aepli erklärt, wie die kleine Schweiz der grossen Welt helfen kann.

Lebensmittelernte: Mähdrescher auf einem Weizenfeld Kanada. Bild: Roberto Pfeil/Keystone

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Der Bundesrat hat am Mittwoch angekündigt, dass er die Ernährungssicherheit in einem umfassenden Sinn in der Verfassung aufnehmen will. Was könnte das bedeuten?
In der Ernährungssicherheit geht es um drei verschiedene Faktoren: Erstens stellt sich die Frage, ob genügend Lebensmittel auf den Märkten vorhanden sind. Zweitens stellt sich die Frage, ob die Menschen einen Zugang zu den Lebensmitteln haben. Also, ob sie über genügend Kaufkraft verfügen, um sich diese zu kaufen. Drittens stellt sich die Frage der Qualität und ob der physiologische Bedarf durch die zur Verfügung stehenden Nahrungsmittel gedeckt werden kann.

In der Schweiz sind die Geschäfte prall gefüllt. Ist es nicht etwas seltsam, wenn der Bundesrat nun die Ernährung sicherstellen will?
Momentan ist die Ernährungssicherheit in der Schweiz gegeben. Fragen der Versorgungssicherheit können heute schon über die Agrarpolitik gesteuert werden. Längerfristig müssen wir uns aber mit Risiken auseinandersetzen sowohl für den Import als auch die Inlandproduktion. In den letzten Jahren schwankten die Preise vieler Agrarrohstoffe relativ stark. Im Ausland kam es vermehrt zu extremen Wetterereignissen wie Überschwemmungen oder Dürren, worauf gewisse Rohstoffe knapp wurden. Im Inland waren die Wetterbedingungen teilweise ebenfalls ungünstig. Die nasskalte Witterung verursachte beispielsweise 2014 einen Mangel an Brotweizen. Hier gilt es abzuschätzen, welche Rohstoffe mit welchen Risiken verbunden sind und was das für die Ernährungssicherheit bedeutet.

Führen extreme Wetterereignisse dazu, dass die Ernährungssicherheit abnimmt?
In den letzten Jahren trat Knappheit tatsächlich oft wegen des Wetters auf. Es gab aber auch einen anderen ebenso wichtigen Preistreiber. Viele Länder agieren wieder protektionistischer. Sie behindern den freien Handel, um sicherzustellen, dass die eigene Bevölkerung nicht mit hohen Preisen konfrontiert wird. Der Reis war von dieser Entwicklung besonders stark betroffen. Generell werden nur zwischen 5 und 7 Prozent der weltweiten Produktion global gehandelt. Wenn nun wichtige Exporteure beschliessen, die Exporte mit höheren Steuern oder gar einem Verbot zu verhindern, verknappt sich das Angebot auf dem Weltmarkt. 2008 beispielsweise beteiligten sich Indien, Vietnam, Indonesien und Thailand an einem Exportstopp. Die Preise schnellten dadurch innert kürzester Zeit um mehr als 100 Prozent in die Höhe.

Die Schweiz war nie direkt von Knappheit betroffen. Verfügen wir über genügend Geld, um trotz Preisschwankungen auf dem Weltmarkt einkaufen zu können?
Die Kaufkraft der Schweiz lässt es zu, dass auch bei Krisen die Ernährungssicherheit gewährleistet ist. Die Schweiz verfügt aber auch über eine Infrastruktur, die uns vor temporärer Knappheit schützt. Wir haben für die wichtigsten Agrarrohstoffe eine Pflichtlagerhaltung von einigen Monaten. Diese Frist ist auf die Erntezyklen auf der Nord- und der Südhalbkugel der Erde ausgerichtet. Nach einigen Monaten sollten neue Ernten vorhanden sein.

Der Bundesrat will, dass die Schweiz in Bezug auf die weltweite Ernährungssicherheit als Importeurin von Nahrungsmitteln mehr Verantwortung übernimmt. Was kann die Schweiz hier leisten?
Ich sehe hier vor allem zwei Möglichkeiten. Die Schweiz kann ihr technisches Know-how anderen Ländern zur Verfügung stellen. Gerade bei der Lagerung von Agrarrohstoffen verfügen wir über Wissen, das in Entwicklungsländern teilweise fehlt. Die Lagerung ist ein wichtiger Aspekt der Ernährungssicherheit. Weiter kann sich der Bund wie schon früher bei Verhandlungen der Welthandelsorganisation dafür einsetzen, dass die Handelshemmnisse auf den Agrarmärkten abgebaut werden und ein internationales Regelwerk geschaffen wird, das den neuen Protektionismus einschränkt. Dies ist vor allem für die Entwicklungsländer wichtig. Wenn sie mehr Lebensmittel exportieren können, steigen damit der Wohlstand und die Kaufkraft. Das führt langfristig zu einer besseren Ernährungssicherheit.

Verfügt die Welt angesichts des hohen Bevölkerungswachstums eigentlich über genügend Lebensmitteln?
Dieses Jahr konnten die Märkte sehr gut mithalten. Viele Preise, die in den letzten Jahren teilweise gestiegen sind, sind nun wieder auf tieferem Niveau. Getreide, Ölsaaten oder Milchpulver beispielsweise sind heute wieder billiger. Es gibt also derzeit keinen Grund, sich generell über die produzierte Menge Sorgen zu machen. In Zukunft kann es jedoch wieder zu Verknappungen kommen. Für diese Fälle ist es kurzfristig vor allem wichtig, dass die Lagerhaltung in den Entwicklungsländern verbessert wird. Langfristig braucht es eine Steigerung der Kaufkraft. Denn Hunger ist vorwiegend ein Problem der Armut.

Sind die Schweizer Bauern eigentlich dafür eingerichtet, so viele Nahrungsmittel wie möglich zu produzieren? Oder geht es in der inländischen Landwirtschaft wegen entsprechender Subventionen vor allem um den Landschaftsschutz?
Die Schweizer Bauern haben mehrere verschiedene Aufgaben. Sie sollen qualitativ gute Lebensmittel für die Versorgung der Bevölkerung produzieren. Gleichzeitig müssen sie ökologische Leistungen erbringen und einen Beitrag dazu leisten, dass die Schweiz weiterhin dezentral besiedelt ist. Je nach Standort und Betriebsausrichtung kann sich ein Bauer auf die einen Aufgaben mehr oder weniger konzentrieren. Insgesamt hat die Agrarpolitik der letzten Jahre zu einer extensiveren Landwirtschaft geführt. Staatliche Gelder sind mit Einführung des Direktzahlungssystems mehrheitlich an die Fläche und an ökologische Leistungen gebunden bei gleichzeitigem Abbau der Preisstützen. Damit wurden Produktionsanreize gesenkt und ökologische Leistungen gefördert.

Wie hoch ist der Anteil der inländischen Lebensmittel in der Schweiz derzeit?
Der Anteil liegt je nach Betrachtungsweise zwischen 55 und 64 Prozent und ist über die letzten Jahre ziemlich stabil geblieben. Betrachtet man den Output der Landwirtschaft im Vergleich zur nachgefragten Menge, macht der Anteil der Produkte von Schweizer Bauern etwas mehr als 60 Prozent aus. Berücksichtigt man allerdings den Umstand, dass für die Produktion teilweise importierte Rohstoffe verwendet werden, liegt die Nettoversorgung mit rund 55 Prozent tiefer. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn ein Schweizer Schwein mit importierten Futtermitteln gemästet wird.

Erstellt: 31.10.2014, 09:48 Uhr

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ETH-Agrarökonom Matteo Aepli (Bild: PD)

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