Interview

«Ich gehe nicht nach Hause und heule»

Andrea Bleicher über ihren Abgang beim «Blick», warum sie das Angebot Ringiers nicht angenommen hat und was sie als Nächstes vorhat.

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Nach Ihrer Interims-Phase als «Blick»-Chefredaktorin wollte Ringier Sie unbedingt im Haus behalten, aber Sie haben das Angebot abgelehnt. Warum?
Ich habe mir den Entscheid nicht leicht gemacht, auch wegen meines Teams und des Unterstützungsbriefs, den meine Mitarbeiter an die Adresse der Unternehmensleitung verfasst haben. Aber nach reiflichem Überlegen kam ich zum Schluss, dass es für mich der richtige Zeitpunkt ist, zu gehen und etwas anderes zu tun.

Wäre es nicht verlockend gewesen, wenigstens im Team zu bleiben?
Das kam für mich nicht infrage. Als Chefin habe ich mein Ding gemacht, hatte gewisse Vorstellungen, wie ich die Zeitung weiterentwickeln möchte und mit wem ich zusammenarbeiten möchte. Wenn jemand Neues kommt, dann hat er das gleiche Recht. Und ich wollte nicht das Überbleibsel einer anderen Ära sein, diejenige, die immer reinredet. Es geht nicht darum, dass ich nicht mit René Lüchinger und Andreas Dietrich zusammenarbeiten möchte, ich habe mit ihnen geredet und wahrscheinlich hätten wir uns auch verstanden. Aber sie müssen ihr Ding machen, so wie sie es wollen.

Als Sie im Februar angetreten sind, haben Sie sich relativ entschlossen ein eigenes Team aufgebaut, gleichzeitig aber immer betont, dass Sie Ihre Funktion nur ad interim einnehmen. Haben Sie mit einem so schnellen Abgang gerechnet?
Ad interim heisst, dass man den Titel noch nicht hat. Gleichzeitig muss die Zeitung ja herauskommen und dazu musste ich Leute einstellen. Ich war immer hin- und hergerissen zwischen dem Gedanken, dass ich eh nicht zur Chefin gemacht werde, dann wieder dachte ich, dass es durchaus möglich wäre.

Welche Signale haben Sie bekommen?
Man hat mir signalisiert, dass man mit meiner Arbeit zufrieden ist, aber ich wusste auch, dass ich nicht gesetzt bin und man sich auch anderweitig umschaut. Sonst wäre es nicht nötig gewesen, mich ad interim zu ernennen.

Haben Sie von Anfang an deutlich gemacht, dass Sie Chefin werden möchten?
Als Ralph Grosse-Bley ankündigte, dass er das Haus verlassen wolle, kam das für alle überraschend. Damals sagte ich natürlich nicht, dass ich entweder gleich richtig Chefin werden wolle oder gar nicht. Aber ich habe natürlich signalisiert, dass ich mich dafür interessiere.

Spekuliert wird immer wieder über die Rolle Frank A. Meyers. Welches Verhältnis haben Sie zu ihm?
Keines. Ich habe noch nie in meinem Leben mit Frank A. Meyer gesprochen und er auch nicht mit mir. Ich habe gelesen, dass er die Diskussionen mit mir zu wenig befruchtend fand. Nur: Es gab überhaupt keine Diskussionen. Wir hatten nie in irgendeiner Art und Weise miteinander zu tun.

Dann ist die Rolle Meyers ein Mythos?
Das weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass wir nicht zusammen gesprochen haben.

Was glauben Sie, warum Sie gehen mussten?
Das ist für mich schwierig zu beantworten. Ich weiss es nicht. Im Moment schwanke ich zwischen Enttäuschung und einem gewissen Fatalismus. Ich hatte den Eindruck, wir waren auf einem guten Kurs, es machte Spass zu arbeiten, das Team hatte Spass, deshalb war diese Entscheidung für mich schwierig nachzuvollziehen. Aber wie gesagt, es gibt immer Gründe für solche Entscheide. Ich gehe auch nicht nach Hause und heule. Ich sehe es als Chance. Aber zugetraut hätte ich es mir.

Was waren die Reaktionen auf Ihre Arbeit?
Ich bekam ein sehr positives Feedback, vielleicht weil ich das Klischee eines «Blick»-Chefs nicht erfülle, was ein Vor- oder ein Nachteil sein kann. Ich bin nicht ein alter Mann mit Pfeife, sondern ich bin einfach ich. Ich hatte den Eindruck, das kommt gut an. Ausser bei Kurt W. Zimmermann, der auch seine Gründe haben wird.

Was sind jetzt Ihre Pläne?
Zuerst lerne ich richtig schwimmen. Ich habe nicht vor, Hausfrau und Mutter zu werden. Ich werde sicher weiter im Journalismus arbeiten. Ich werde die nächsten Wochen mal abwarten und schauen, was kommt.

Erstellt: 20.08.2013, 17:38 Uhr

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